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Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron
Der erste Tag. Erste und zweite Homilie (Gen 1,1-5)

VII. Kapitel. Die "unsichtbare" Erde (Gen 1,2): Eine ewige Hyle ein Nonsens. Sinn von "unsichtbar". Warum geht die Schöpfung nicht in voller Ausstattung aus des Schöpfers Hand hervor?

25.

1 „Die Erde aber war unsichtbar und ungestaltet“2. Ein tüchtiger Baumeister legt zuvor das Fundament, dann, wenn er das Fundament gelegt, führt er die Teile des Baues, einen nach dem andern, auf und fügt dazu die Ausschmückung. Erst also nachdem die Grundfeste der Erde gelegt und des Himmels Bau gefestigt war3 ― diese beiden sind ja das Grundwesentliche des Alls ― folgt die Bemerkung: „Die Erde aber war unsichtbar und ungestaltet“. Warum „war“? Daß man nur nicht etwa seine Meinung überspanne bis [S. 32] zu einer End- und Anfangslosigkeit und sage: Sieh, die Materie, d. i. nach philosophischer Ausdrucksweise die Hyle, nahm auch nach der göttlichen Schrift keinen Anfang. Denen, die das behaupten, kann man entgegenhalten, daß auch geschrieben steht: „Es ‚war‘ aber Kain ein Ackerbauer“4; und von Jubal, so heißt er, sagt die Schrift: „Er ‚war‘ der Vater, welcher Psalter und Zither aufzeigte“5; ferner: „Ein Mann ‚war‘ im Lande Hus namens Job“6. Mögen sie also den Streit um Worte lassen, zumal Moses im vorausgehenden bereits hervorhob, daß Gott die Erde geschaffen habe. Sie „war“ also von der Zeit an, da sie geschaffen wurde. Denn ist sie, wie sie behaupten, anfangslos, ist eben ihrer Behauptung zufolge nicht bloß Gott, sondern auch die Hyle anfangslos. Dann aber mögen sie angeben, wo sie denn war? Wenn im Raume, dann folgt, daß auch der Raum, worin der anfangslose Grundstoff der Dinge war, anfangslos gewesen ist. Scheint diese Auffassung vom Raume widersinnig, seht zu, ob wir uns die Erde nicht vielleicht mit Flügeln denken müssen, so daß sie in Ermangelung einer Grundfeste mit der Fittiche Schwungfedern sich in Schwebe hielt. Aber wo sollen wir denn die Fittiche für sie hernehmen? Wir müßten denn jenen prophetischen Ausspruch so deuten und hierher beziehen: „Vor den Schwingen der Erde vernahmen wir Unheilvolles, und jenes Wehe der Erde war wie Ruderschlag der Schiffe“7. Doch um es so zu verstehen: in welchem Luftkreis schwebte dann die Erde? Ohne Luft konnte sie ja nicht schweben. Luft aber konnte es noch nicht geben, weil es unterschiedliche Elemente unabhängig vom Stoff der Dinge nicht gab; waren doch die Elemente überhaupt noch nicht geschaffen. Wo befand sich also diese Hyle, von der Fittiche Schwungkraft getragen? In der Luft war sie nicht, weil die Luft etwas Körperliches innerhalb der Welt ist. Daß aber die Luft etwas Körperliches ist, lehrt die Schriftlesung: denn [S. 33] sobald der Pfeil nach dem Punkte, nach welchem der Schütze zielt, abgeschnellt ist, schließt sich sofort auch die Luft, die er durchschnitten8. Wo also befand sich die Hyle? Es müßte denn etwa die fast verrückte Antwort lauten: In Gott war sie. Also Gott mit seiner unsichtbaren und unverweslichen Natur, der „in unnahbarem Lichte wohnt“9, der unfaßbare und reinste Geist, war der Raum für die Weltmaterie? Und in Gott ruhte ein Teil der Welt?10 Ist doch nicht einmal der Geist seiner Diener von dieser Welt, wie wir es geschrieben finden: „Sie sind nicht von dieser Welt, wie auch ich nicht von dieser Welt bin“11.

1: Zu Kap. VII: Mit Kap. 7 beginnt die 2. Homilie.
2: Gen. 1, 2.
3: Gen. 1, 1.
4: Gen. 4, 2.
5: Gen. 4, 21.
6: Job 1, 1.
7: Is. 24, 16.
8: Weish. 5, 12.
9: 1 Tim. 6, 16.
10: Über dem Himmel und Erde als die beiden Bestandteile der Welt sieh Einl. p. LIV.
11: Joh. 17, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger