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Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron
Der erste Tag. Erste und zweite Homilie (Gen 1,1-5)
VII. Kapitel. Die "unsichtbare" Erde (Gen 1,2): Eine ewige Hyle ein Nonsens. Sinn von "unsichtbar". Warum geht die Schöpfung nicht in voller Ausstattung aus des Schöpfers Hand hervor?

27.

Vielleicht möchte man einwenden: Warum hat denn Gott ― entsprechend dem: „Er sprach und es ward“1 ― den Dingen bei ihrem Entstehen nicht zugleich die gebührende Ausstattung verliehen?2 Konnte etwa der Himmel nicht im Augenblick seiner Erschaffung im Glanze der Sterne erstrahlen, die Erde nicht in den Schmuck der Blumen und Früchte sich kleiden? Gewiß, sie konnten es. Doch die Feststellung, sie seien zuvor geschaffen, dann erst ausgestattet worden, dient dazu, daß man sie nicht im Ernst für unerschaffen und anfangslos hielte, wenn die Arten der Dinge, als wären sie von Anfang an ursprungslos, nicht augenscheinlich später hinzugekommen wären. „Ungestaltet war die Erde“, steht zu lesen, und doch wird sie von den Philosophen mit denselben Ewigkeitsprivilegien ausgezeichnet wie Gott: was würden sie erst sagen, wenn ihre Schönheit gleich anfänglich in voller Pracht erblüht wäre? Im Wasser versunken, wird sie beschrieben, als wäre sie bestimmt gewesen, gleichsam in ihren Anfängen Schiffbruch zu leiden, und immer noch wird sie von einigen nicht für geschaffen gehalten: was erst, wenn ihr (die Schrift) ursprüngliche Wohlgestalt zuschriebe? Dazu kommt, daß uns Gott zu seinen Nachahmern haben wollte: wir sollten zuerst etwas fertigen, dann erst [S. 35] ausschmücken, damit wir nicht, wenn wir beides zugleich in Angriff nähmen, keines vollenden könnten. Unser Glaube erfährt so ein stufenweises Wachstum. Gott ließ darum die Erschaffung vorausgehen, die Ausstattung folgen, damit wir glauben, daß der nämliche, der die Schöpfung, auch die Ausschmückung, und der die Ausschmückung, auch die Schöpfung vollführte, und nicht meinen, einer habe die Ausschmückung, ein zweiter die Schöpfung vollzogen, sondern ein und derselbe habe beides vollbracht, erst die Schöpfung, dann die Ausschmückung, so daß eines durch das andere beglaubigt wird. Im Evangelium hast du ein klares Zeugnis hierfür. Da nämlich der Herr daran ging, den Lazarus aufzuerwecken, hieß er die Juden den Stein vom Grabe wegnehmen, damit sie sich erst mit eigenen Augen von dessen Tod überzeugten, hernach an dessen Auferweckung glaubten3. Darauf rief er den Lazarus mit Namen; er stand auf und kam mit den Binden an Händen und Füßen heraus4. Hätte der, welcher einen Toten zu erwecken vermochte, nicht auch einen Stein zu beseitigen vermocht? Und hätte der, welcher einem Verstorben das Leben zurückzugeben vermochte, nicht auch der Bande Knoten zu lösen vermocht? Hätte er dem, welchen er trotz den Fesseln an den Füßen gehen machte, nicht durch Zerreißen der Binden das Schreiten ermöglichen können? Doch wir sehen eben, wie es ihm darum zu tun war, zuerst den Toten (als solchen) zu zeigen, damit die Juden ihren Augen trauten, sodann ihn aufzuerwecken, endlich sie selbst die Leichenbinden lösen zu heißen, damit sich ihrem Unglauben während dieser Vorgänge der Glaube mitteilte und ihre Glaubenswilligkeit gleichsam stufenweise entwickelte.

1: Ps. 148, 5 [Hebr. Ps. 148, 5].
2: Vgl. Basil., l. c. 1.
3: Vgl. Joh. 11, 39 ff.
4: Joh. 11, 43 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger