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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Fünftes Buch

1. Kap. Zahl und Art der Kämpfe für den Glauben in Gallien unter Verus.

1. Gallien ist das Land, in dem sich der Kampfplatz für die erwähnten Streiter befand. Die Hauptstädte Lugdunum und Vienna zeichnen sich bekanntlich durch ihren Glanz vor allen übrigen Städten des Landes aus. Die Rhone, welche das ganze Land in gewaltiger Strömung umfaßt, fließt durch beide Städte. Die dortigen hervorragenden Christengemeinden haben an die Gemeinden in Asien und Phrygien ein Schreiben über die Märtyrer geschickt, worin sie die Ereignisse auf folgende Weise erzählen. Ich gebe den Wortlaut wieder:

„Die zu Vienna und Lugdunum in Gallien lebenden Diener Christi wünschen den Brüdern in Asien und Phrygien, welche mit uns den Glauben an die Erlösung und die Hoffnung teilen, Friede und Gnade und Herrlichkeit von Gott, dem Vater, und von Christus Jesus, unserem Herrn.“

Dann folgen noch einige einleitende Bemerkungen, worauf sie den Bericht mit diesen Worten beginnen:

„Die Größe der hiesigen Drangsale, den furchtbaren Haß der Heiden gegen die Heiligen und alle Leiden der seligen Märtyrer genau zu beschreiben, ist uns nicht möglich und vermag auch kein Schriftsteller. Mit aller Gewalt stürmte der Widersacher auf uns ein und bereitete uns bereits auf sein späteres, furchtbares Erscheinen vor. Kein Mittel ließ er unversucht; er übte [S. 208] die Seinen ein und schulte sie im Kampfe gegen die Diener Gottes. Man versperrte uns nicht nur die Wohnungen, die Bäder und den Markt; ja, es durfte sich überhaupt keiner mehr von uns vor ihnen irgendwo erblicken lassen. Doch die Gnade Gottes kämpfte für uns, rettete die Schwachen und errichtete gegen den Widersacher starke Säulen, welche die Ausdauer und Kraft hatten, jeden Sturm des Bösen auf sich abzulenken. Sie nahmen es mit ihm auf und ertrugen jede Art von Schimpf und Strafe. Die vielen Leiden gering achtend, eilten sie zu Christus. Durch die Tat bewiesen sie es, daß ‚die Leiden der Jetztzeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird.’1 Zunächst ertrugen sie heldenmütig die Angriffe vereinter, pöbelhafter Volksmassen: Beschimpfungen, Schläge, Zerren, Beraubungen, Steinwürfe, Einsperrungen, kurz alles, was eine aufgehetzte Masse gegen private und öffentliche Feinde zu verüben pflegt. Als sie dann auf den Marktplatz geschleppt, hier von dem Kommandanten2 und den Häuptern der Stadt in Gegenwart der ganzen Menge verhört worden waren und ihren Glauben bekannten, wurden sie bis zur Vorladung vor den Statthalter in Haft gesetzt. Und da sie vor den Statthalter geführt wurden und dieser sich uns gegenüber alle möglichen Roheiten erlaubte, war unter den Brüdern Vettius Epagathus, ein Mensch voll Liebe zu Gott und zu dem Nächsten und von solch strenger Lebensführung, daß er trotz seiner Jugend dem Priester Zacharias gleichgesetzt wurde; denn er wandelte tadellos in allen Geboten und Satzungen des Herrn3 und diente auf jede Art unverdrossen dem Nächsten voll Eifer für Gott und glühend im Geiste. Eine solche Persönlichkeit konnte es nicht ertragen, daß wir ungerecht verurteilt wurden. Voll Erbitterung forderte er, daß man ihn zu- [S. 209] gunsten der Brüder den Satz verteidigen lasse: bei uns gibt es nichts Gottloses und nichts Unehrerbietiges. Die Leute, welche um den Richterstuhl versammelt waren, schrien ihn, den angesehenen Mann, nieder, und der Statthalter achtete nicht auf seine gerechte Forderung, sondern fragte ihn nur, ob auch er Christ sei. Da er die Frage mit lauter Stimme bejahte, wurde auch er in die Zahl der Märtyrer aufgenommen, er, der Tröster der Christen, der den Tröster, den Geist des Zacharias, in sich hatte, was er durch die Fülle seiner Liebe zu erkennen gab, soferne er bereit war, zur Verteidigung seiner Brüder sein Leben hinzugeben. Er war und ist ein echter Jünger Christi, der dem Lamme folgte, wohin es geht.4 Nunmehr trat unter den übrigen eine Scheidung ein. Einerseits zeigte es sich, wer zum Martyrium bereit war und mit aller Standhaftigkeit sich bekannte. Anderseits offenbarte es sich, wem die Bereitwilligkeit, die Übung und die Kraft noch fehlte, und wer nicht fähig war, die Wucht des schweren Kampfes auszuhalten. Etwa zehn haben nämlich versagt. Diese verursachten uns große Trauer und grenzenlosen Schmerz und lähmten den Mut der anderen, die nicht ergriffen worden waren und, obwohl sie alle Bitterkeiten erfahren mußten, doch mit den Märtyrern verkehrten und nicht von ihnen ließen. Damals waren wir alle sehr niedergeschlagen, weil noch nicht alle das Bekenntnis abgelegt hatten; wir waren es nicht aus Furcht vor den Martern, sondern weil uns das Ende, die Angst, es möchte einer abfallen, Sorge machte. Täglich wurden solche verhaftet, die würdig waren, die Zahl der Märtyrer auszufüllen, so daß von beiden Kirchen alle tüchtigen Personen, die sich hier besonders verdient gemacht hatten, festgenommen wurden. Aber auch Heiden, die im Dienste der Unsrigen standen, wurden verhaftet, da der Statthalter die allgemeine Verordnung erließ, man müsse nach uns allen fahnden. Diese Dienstboten [S. 201] brachten, vom Satan verführt, aus Furcht vor den Martern, welche sie die Heiligen dulden sahen, und von den Soldaten dazu aufgehetzt, gegen uns die unwahre Behauptung auf, daß wir thyesteische Mahlzeiten hätten, gleich Ödipus Umgang pflegten und noch vieles andere täten, worüber wir nicht reden und denken dürfen und wovon wir nicht einmal glauben, daß es unter Menschen je vorgekommen ist. Als sich derartige Gerüchte verbreiteten, wurden alle gegen uns wütend, so daß selbst solche, die sich anfänglich noch wegen häuslicher Beziehungen zurückzuhalten wußten, nun rasend wurden und gegen uns mit den Zähnen knirschten. Da erfüllte sich das Wort unseres Herrn, es werde eine Zeit kommen, ‚in der jeder, der euch töten wird, glaubt, Gott einen Dienst zu erweisen.’5 Nunmehr hatten die heiligen Märtyrer Qualen zu ertragen, die jeder Beschreibung spotten; denn der Satan versuchte alles, auch sie zu Schmähungen zu veranlassen. Vor allem richtete sich die ganze Wut des Volkes, des Statthalters und der Soldaten gegen den Diakon Sanktus von Vienna, gegen Maturus, der zwar erst die Taufe empfangen hatte, aber sich als mutiger Kämpfer erwies, gegen Attalus von Pergamon, der ständig eine Säule und Stütze für die hiesigen Gemeinden war, und gegen Blandina, an welcher Christus zeigte, daß das, was den Menschen wertlos, gering und verächtlich erscheint, von Gott mit hohen Ehren ausgezeichnet wird, weil sich die Liebe zu Gott in Kraft offenbart und nicht in Eitelkeit prangt. Während wir alle fürchteten, und auch ihre irdische Gebieterin, die ebenfalls zu den kämpfenden Glaubenszeugen gehörte, in Sorge war, Blandina möchte wegen ihres zarten Körperbaues nicht die nötige Stärke aufbringen, ihren Glauben offen zu bekennen, wurde diese von solcher Kraft erfüllt, daß die, welche sie vom Morgen bis zum Abend nacheinander auf alle mögliche Weise marterten, müde wurden, erschlafften und sich offen, [S. 211] da ihre Mittel gegen sie aufgebraucht seien, für besiegt erklärten. Und sie wunderten sich, daß sie, trotzdem ihr ganzer Körper zerschunden und zerfleischt war, noch am Leben geblieben, und bekannten, schon eine einzige Marter hätte sie um das Leben bringen können, geschweige denn so viele und so grausame Foltern. Doch die Heilige sammelte wie ein tüchtiger Kämpfer immer neue Kräfte aus ihrem Bekenntnis. Ihre Kräftigung, ihre Erholung und das schmerzstillende Mittel in ihren Leiden waren die Worte: ‚Ich bin eine Christin, und bei uns geschieht nichts Böses.’ Auch Sanktus ertrug auf wunderbare, übermenschliche Art heldenmütig alle Martern, welche ihm Menschen bereiteten, und da die Gottlosen hofften, von ihm wegen der andauernden großen Qualen ein ungeziemendes Wort zu hören, bekannte er ihnen zum Trotz nicht einmal seinen Namen, auch nicht den Namen seines Volkes oder der Stadt, aus der er stammte, auch nicht, ob er Sklave oder Freigeborener sei. Auf alle Fragen antwortete er in lateinischer Sprache: ‚Ich bin Christ.’ Statt seinen Namen, seine Heimatstadt, sein Volk und irgendwelche Personalien anzugeben, bekannte er nur immer wieder dieses eine Wort. Etwas anderes hörten die Heiden nicht von ihm. Daher wurden der Statthalter und die Henkersknechte sehr erbittert über ihn, so daß sie schließlich, als sie alle Mittel gegen ihn verbraucht hatten, glühende Metallplatten auf seine so zarten Glieder legten. Diese brannten zwar, doch er blieb unbeugsam und unnachgiebig und ließ nicht von seinem Bekenntnis; denn er wurde von der himmlischen Quelle des lebendigen Wassers betaut und gestärkt, das aus dem Leibe Christi quoll.6 Der Körper allerdings war Zeuge dessen, was Sanktus widerfahren war; denn er war eine Wunde und eine Strieme, er war zusammengeschrumpft und hatte das menschliche Aussehen verloren. In ihm litt Christus, in ihm wirkte er [S. 212] Großes und Herrliches; er machte den Widersacher zu nichte und zeigte zur Belehrung der übrigen, daß da, wo die Liebe des Vaters wirkt, nichts zu fürchten ist, und daß nichts schmerzlich ist, wo sich Christi Herrlichkeit entfaltet. Als nämlich die Ruchlosen nach einigen Tagen den Märtyrer von neuem quälten in der Meinung, daß sie über ihn Herr werden könnten, wenn sie an seinem angeschwollenen, entzündeten Körper die Foltern wiederholten, zumal er nicht einmal eine Berührung mit der Hand ertragen konnte, oder daß sein infolge der Martern eintretender Tod die übrigen abschrecken würde, erreichten sie ihm gegenüber nicht nur nichts, vielmehr wurde sein Körper wider alles menschliche Erwarten während der nun folgenden Martern aufrecht und gerade. Sanktus bekam seine frühere Gestalt und konnte wieder seine Glieder benützen, so daß ihm das zweite Martyrium durch die Gnade Christi nicht zur Qual, sondern zur Heilung wurde. Bezüglich Biblis glaubte der Teufel zwar, sie sei, weil sie den Glauben verleugnete, bereits zu Boden gestreckt, doch suchte er sie auch noch zu schändlicher Verleumdung zu verleiten. Er ließ sie daher zur Folter führen, um sie, die sich bereits schwächlich und mutlos gezeigt hatte, auch noch zu zwingen, gegen uns verbrecherische Aussagen zu machen. Doch Biblis wurde unter den Foltern wieder nüchtern und erwachte gewissermaßen aus dem Schlafe; die zeitliche Strafe erinnerte sie an die ewigen Peinen in der Hölle. Sie widersetzte sich den Lästerern mit der Erklärung: ‚Wie können solche Menschen Kinder verspeisen, da es ihnen nicht einmal gestattet ist, das Blut unvernünftiger Tiere zu genießen!’ Sodann bekannte sie sich als Christin und wurde der Zahl der Märtyrer beigesellt. Als Christus durch die Ausdauer seiner Heiligen die furchtbaren Strafmittel wirkungslos gemacht hatte, ersann der Teufel neue Wege: er verordnete Einkerkerung an finsterem, schlimmem Orte, Ausspannung der Füße am Pflocke bis zum fünften Loche und alle [S. 213] übrigen Qualen, welche grimmige, teuflische Henkersknechte an den Gefangenen zu vollziehen pflegten. Die meisten erstickten im Gefängnisse, d. i. alle jene, von welchen der Herr es wollte, daß sie auf solche Weise aus dem Leben schieden, um ihnen seine Herrlichkeit zu offenbaren. Mochten die Christen auch in einer Weise mißhandelt werden, daß es schien, als wäre keinerlei Pflege mehr imstande, ihnen noch das Leben zu retten, so hielten sie doch aus. Es fehlte ihnen menschliche Hilfe, doch der Herr stärkte und kräftigte sie an Leib und Seele, so daß sie auch andere trösteten und ermunterten. Die Neulinge allerdings, welche erst verhaftet wurden, hielten, obwohl sie noch keine körperlichen Foltern auszustehen hatten, die Beschwerden des Kerkers nicht aus, sondern starben darin. Der heilige Pothinus, der mit der bischöflichen Würde in Lugdunum betraut war, ein Mann von mehr als neunzig Jahren, körperlich ganz geschwächt und infolge dieser körperlichen Gebrechlichkeit schwer atmend, wurde dank seiner Sehnsucht nach dem Martyrium durch die Kraft des Geistes gestärkt. Auch er wurde vor den Richterstuhl geschleppt. War auch sein Körper durch Alter und Krankheit gebrochen, so war doch seine Seele noch so frisch, daß Christus in ihr triumphieren konnte. Als ihn die Soldaten vor den Richterstuhl geführt hatten unter dem Geleite der städtischen Behörden und der ganzen Volksmasse, welche alles Mögliche gegen ihn schrien, gerade als wäre er Christus gewesen, da legte er ein herrliches Bekenntnis ab. Auf die Frage des Statthalters, wer der Gott der Christen sei, antwortete er: ‚Wenn du würdig bist, wirst du ihn erkennen.’ Darauf wurde er erbarmungslos hin- und hergerissen und mußte verschiedene Qualen über sich ergehen lassen. Während die, welche in seiner Nähe waren, ihn mit Händen und Füßen auf verschiedene Weise ohne Ehrfurcht vor seinem Alter mißhandelten, warfen die Fernerstehenden, was sie gerade zur Hand hatten, gegen ihn. [S. 214] Alle glaubten sich stark zu versündigen und zu vergehen, wenn sie es an Frechheit ihm gegenüber fehlen ließen; durch ihr Vorgehen meinten sie, Rache für ihre Götter zu nehmen. Kaum mehr fähig zu atmen, wurde Pothinus ins Gefängnis geworfen, wo er nach zwei Tagen seinen Geist aufgab. Hierauf offenbarte sich das große Walten Gottes und das unergründliche Erbarmen Jesu in einer Weise, wie es selten in der Brüdergemeinde in Erscheinung tritt, wie es aber der Art Christi entspricht. Es wurden nämlich auch die, welche bei der ersten Verhaftung den Glauben verleugnet hatten, eingesperrt und bekamen ebenfalls die Leiden zu kosten. Die Verleugnung hatte ihnen damals nichts genützt. Im Gegenteil, während die, welche offen bekannten, was sie waren, nur als Christen eingekerkert wurden, ohne daß ihnen sonst etwas zur Last gelegt werden konnte, erweckten diese, da sie eingesperrt wurden, den Schein von Mördern und Verbrechern, waren also gegenüber den anderen mit doppelter Schuld beladen. Während jene von der Freude am Martyrium, der Hoffnung auf die Verheißungen, der Liebe zu Christus und dem Geiste des Vaters aufgerichtet wurden, fühlten sich diese vom Gewissen so sehr gequält, daß man sie schon beim Vorübergehen an ihren Gesichtszügen aus allen anderen heraus erkennen konnte. Während jene heiter einhergingen, auf ihren Gesichtern viel Würde und Lieblichkeit vereinten, selbst von ihren Fesseln wie von reizendem Schmucke umgeben waren, einer Braut in gold- und buntverbrämtem Gewande glichen und den Wohlgeruch Christi in einer Weise offenbarten, daß einige glaubten, sie seien mit irdischen Würzen gesalbt, schritten diese mit niedergeschlagenen Augen, tiefgebeugt, finster und vollständig entstellt einher und mußten sich überdies selbst von den Heiden als ehrlose, feige Menschen beschimpfen lassen; denn ihren ehrenvollen, ruhmreichen, lebenspendenden Titel hatten sie preisgegeben und den Vorwurf, Mörder zu sein, eingetauscht. Solcher Anblick veranlaßte die Übrigen zur [S. 215] Festigkeit, so daß sie, wenn sie verhaftet wurden, unbedenklich, ohne sich von teuflischen Einflüsterungen beeinflussen zu lassen, das Bekenntnis ablegten.“

Nach einigen anderen Bemerkungen fahren die Berichterstatter also fort:

„Die Leiden nahmen sodann ein ganz verschiedenes Ende. Aus bunten Farben und mannigfachen Blumen flochten die Märtyrer einen einzigen Kranz und brachten ihn dem Vater dar. Und es sollten die edlen Helden für die verschiedenen Kämpfe, die sie mutig bestanden hatten, und für ihre herrlichen Siege den schönen Kranz der Unsterblichkeit empfangen. Maturus, Sanktus, Blandina und Attalus wurden den wilden Tieren im Amphitheater7 als öffentliches Schauspiel roher Heiden vorgeworfen; unsertwegen wurde nämlich ein außerordentlicher Tierkampf festgesetzt. Maturus und Sanktus mußten im Amphitheater noch einmal alle möglichen Martern über sich ergehen lassen. Gerade als wenn sie vorher überhaupt noch nichts zu leiden gehabt oder vielmehr als wenn sie ihren Widersacher bereits in mehreren Waffengängen bezwungen hätten und es den Kampf um den Siegeskranz selbst gelte, ertrugen sie von neuem alle hier üblichen Geißelhiebe, das Umherzerren durch die wilden Tiere und alles, was die rasende Menge bald da, bald dort mit Geschrei verlangte, und zuletzt noch den eisernen Stuhl; das Rösten ihrer Glieder auf demselben hüllte sie in Fettdampf. Aber auch damit gaben sich die Heiden nicht zufrieden. Sie gerieten immer mehr in Raserei und wollten Herr über ihre Standhaftigkeit werden. Doch trotzdem bekamen sie von Sanktus nichts anderes zu hören als das Bekennerwort, das er von Anfang an zu sprechen pflegte. Da die Märtyrer trotz des schweren Ringens immer noch am Leben blieben, wurden sie schließlich getötet, an [S. 216] jenem Tage an Stelle der ganzen bunten Reihenfolge in den Gladiatorenkämpfen der Welt zum Schauspiel geworden. Blandina wurde an einem Pfahle aufgehängt und sollte den auf sie losgelassenen wilden Tieren zur Speise dienen. Dadurch daß die Angeknüpfte in ihrem inbrünstigen Gebete die Kreuzesform zeigte, flößte sie den Kämpfern großen Mut ein; denn in ihrem Kampfe schauten sie so mit ihren fleischlichen Augen in der Schwester den, der für sie gekreuzigt worden war. Damit wollte sie die Gläubigen überzeugen, daß jeder, der um der Herrlichkeit Christi willen leidet, für immer in Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott steht. Da nun keines der wilden Tiere Blandina berührte, wurde sie vom Holze abgenommen und wiederum in den Kerker geworfen, um sie für einen neuen Kampf aufzubewahren. In wiederholtem Ringen sollte sie Siegerin werden, um der listigen Schlange ein unvermeidliches Schicksal zu bereiten. Sie, die kleine, schwache, verachtete Christin, sollte, angetan mit dem großen, unbesiegbaren Kämpfer Christus, in vielen Waffengängen den Widersacher niederwerfen und im Ringen mit dem Kranze der Unsterblichkeit gekrönt werden, um so die Brüder zu ermuntern. Als auch Attalus, der ein angesehener Mann war, von der Menge ungestüm verlangt wurde, trat er infolge seines guten Gewissens kampfbereit ein; denn trefflich hatte er sich in den Reihen der christlichen Kirche geschult und stets hatte er bei uns der Wahrheit Zeugnis gegeben. Während er im Amphitheater herumgeführt wurde unter Voraustragung einer Tafel mit der lateinischen Aufschrift ‚Dies ist Attalus, der Christ’ und während das Volk gegen ihn wütete, erfuhr der Statthalter, daß er ein Römer sei, weshalb er befahl, ihn zu den Übrigen zurückzuschicken, die im Kerker waren, und darüber an den Kaiser berichtete, dessen Weisung er nun abwartete. Die Zwischenzeit aber verlief für die Märtyrer nicht in Untätigkeit und ohne Erfolge. Gerade in ihrem geduldigen Ausharren offen- [S. 217] barte sich die unermeßliche Barmherzigkeit Christi. Durch die Lebendigen wurden nämlich die Toten wieder zum Leben erweckt; die Glaubenszeugen wurden zur Gnade für die, welche den Glauben nicht bekannt hatten. Große Freude wurde der jungfräulichen Mutter8 zuteil, da sie die, welche sie tot geboren, als Lebende erhielt. Durch jene Märtyrer wurden die meisten derer, die den Glauben verleugnet hatten, noch einmal in ihren Schoß aufgenommen, um noch einmal zum Leben geboren zu werden. Durch jene lernten sie bekennen und traten sie nunmehr voll lebendiger Kraft unter dem liebevollen Einfluß Gottes, der nicht den Tod des Sünders will, sondern sich dem Reuigen barmherzig erweist, vor den Richterstuhl, um sich von neuem durch den Statthalter ausfragen zu lassen. Da der Kaiser in seinem Reskripte verordnete, die einen hinzurichten, die aber, welche den Glauben verleugneten, freizugeben, ließ der Statthalter zu Beginn des hiesigen großen Festes,9 zu welchem große Scharen von Menschen aus allen Völkern zusammenströmen, die Heiligen zu Ehren der Masse in theatralischem Pomp vor seinen Richterstuhl führen. Nach einem abermaligen Verhöre ließ er die, welche sich als römische Bürger erwiesen, enthaupten, die übrigen aber den wilden Tieren vorwerfen. In besonderer Weise wurde Christus durch die verherrlicht, welche ehedem ihren Glauben verleugnet hatten, nunmehr aber sich wider die Erwartung der Heiden als Christen bekannten. Man wollte sie nach gesondertem Verhöre in Freiheit setzen; doch sie bekannten den Glauben und gesellten sich zu der Schar der Märtyrer. Ferne davon aber blieben diejenigen, welche nie eine Spur von Glauben, nie Sinn für ein bräutliches Gewand, nie Verständnis für Gottesfurcht hatten, sondern schon durch ihren Lebenswandel den Weg10 ge- [S. 218] lästert hatten. Ich meine die Kinder des Verderbens. Alle anderen aber schlossen sich der Kirche an. Während des Verhöres stand neben dem Richterstuhle ein gewisser Alexander aus Phrygien, Arzt von Beruf, der sich schon viele Jahre in Gallien aufhielt und fast überall wegen seiner Liebe zu Gott und seiner Offenheit im Reden bekannt war; er besaß nämlich apostolische Gaben. Da er die Christen durch Zuwinken zum Bekenntnisse ermunterte, kam er denen, die den Richterstuhl umstanden, wie eine gebärende Mutter vor.11 Unwillig darüber, daß die, welche ehedem den Glauben verleugnet hatten, ihn nun wiederum bekannten, schimpfte die Menge über Alexander als den Urheber des Gesinnungswechsels, worauf der Statthalter ihn zur Rede stellte, ihn fragte, wer er sei, und ihn auf seine Erklärung hin, er sei Christ, voll Erbitterung zu den wilden Tieren verurteilte, denen er am folgenden Tage zugleich mit Attalus vorgeworfen wurde; denn um der Masse einen Gefallen zu erweisen, ließ der Statthalter Attalus noch einmal vor die wilden Tiere führen. Nachdem beide im Amphitheater alle möglichen ausgesuchten Foltern gekostet und den schwersten Kampf bestanden hatten, wurden auch sie schließlich getötet. Alexander klagte nicht, gab überhaupt keinen Laut von sich, sondern sprach nur in seinem Herzen mit Gott. Und Attalus richtete, als er auf den eisernen Stuhl gesetzt wurde und ringsum brannte und der Dampf vom Körper aufstieg, an die Menge auf Lateinisch die Worte: ‚Sehet! Was ihr tut, heißt man: Menschen verzehren; wir aber verzehren weder Menschen, noch tun wir sonst etwas Böses.’ Auf die Frage, welchen Namen Gott habe, antwortete er: ‚Gott hat nicht einen Namen wie ein Mensch.’ Schließlich, am letzten Tage der Kampfspiele, wurde Blandina noch einmal vorgeführt mit Pontikus, einem jungen Menschen von etwa 15 Jahren; täglich waren sie hereingebracht worden, damit sie die Martern der Übrigen sähen. Man zwang sie nun, bei den [S. 219] Götzen zu schwören. Da sie aber standhaft blieben und die Götzen verachteten, wurde die Menge über sie erbittert, so daß sie weder mit der Jugend des Knaben Mitleid, noch vor dem weiblichen Geschlecht Ehrfurcht hatte. Man lieferte sie allen Schrecken aus und wandte gegen sie eine Folter nach der anderen an, um sie immer wieder zum Schwören zu veranlassen. Doch umsonst. Denn Pontikus, von der Schwester in einer Weise beeinflußt, daß auch die Heiden merkten, daß er ihretwegen Mut hatte und fest blieb, gab im standhaften Ertragen aller Peinen seinen Geist auf. Und nachdem die heilige Blandina als letzte von allen wie eine tüchtige Mutter ihre (geistigen) Kinder ermuntert und sie siegreich zum König vorausgeschickt hatte, mußte auch sie noch alle Kämpfe der Kinder durchkosten, um dann, froh und jubelnd über das Ende, zu ihnen zu eilen. Es war, als wenn sie nicht den wilden Tieren vorgeworfen, sondern zu einem Hochzeitsmahle geladen worden wäre. Nachdem sie gegeißelt, den wilden Tieren vorgeworfen und geröstet worden war, steckte man sie zuletzt in ein Netz und warf sie einem Stiere vor. Als sie vom Tiere wiederholt emporgeschleudert worden war, wofür sie infolge ihrer unerschütterlichen Hoffnung auf das, was sie glaubte, und infolge ihres Verkehres mit Christus gar kein Empfinden mehr hatte, wurde auch sie getötet. Selbst die Heiden mußten zugeben, daß bei ihnen noch nie ein Weib so viele Qualen in solcher Weise erduldet hatte. Aber gleichwohl war ihre Wut und ihre Grausamkeit gegen die Heiligen nicht befriedigt. Denn, wilde und rohe Stämme, die ein wildes Tier aufgehetzt, ließen sie sich nur schwer besänftigen. Ihre Verwegenheit vergriff sich noch in eigenartiger Weise an den Leichnamen. Da sie sich nicht von menschlichem Verstande leiten ließen, brachte sie ihre Niederlage nicht zur Besinnung. Diese erregte vielmehr wie bei einem Tiere noch mehr ihren Zorn. Statthalter und Volk hörten nicht auf, an uns ihren ungerechten Haß auszulassen, damit [S. 220] die Schrift erfüllt werde:12 ‚Der Sünder sündige noch mehr, und der Gerechte werde noch gerechter!’ Diejenigen, welche im Gefängnis erstickten, wurden von ihnen den Hunden vorgeworfen. Und sorgfältig wachten sie Tag und Nacht darüber, daß wir keinen bestatteten. Die von den Tieren und vom Feuer übrig gelassenen, zerfleischten und verkohlten Körperreste und von den übrigen Märtyrern die Köpfe samt ihrem Rumpfe wurden zur Schau gestellt und ebenfalls mehrere Tage unter militärischer Bewachung unbeerdigt gelassen. Die einen knirschten über die Märtyrer vor Wut mit den Zähnen und verlangten noch grimmigere Rache an ihnen, die andern lachten und spotteten über sie unter Lobpreisung ihrer Götzen, denen sie die Bestrafung der Christen zu verdanken glaubten. Diejenigen aber, welche noch einigermaßen Würde beobachteten und noch etwas Mitleid zu haben schienen, schmähten, indem sie wiederholt fragten: ‚Wo ist ihr Gott? Was nützte ihnen ihre Gottesverehrung, die ihnen noch mehr wert war als ihr eigenes Leben?’ So verschieden äußerten sich die Heiden. Bei uns aber herrschte große Trauer, weil wir die entseelten Körper nicht beerdigen konnten. Weder war uns die Nacht dazu behilflich, noch ließ sich mit Bestechung und mit Bitten etwas erreichen. Sorgfältig hielten die Wächter Wache, gleich als hätten sie großen Gewinn davon gehabt, daß sie unbeerdigt blieben.“

Bald darauf fährt der Bericht also fort:
„Nachdem die Leiber der Märtyrer auf alle mögliche Weise geschändet worden waren und sechs Tage unter freiem Himmel gelegen hatten, wurden sie von den Frevlern verbrannt und ihre Asche in die nahe Rhone geworfen, damit auch kein Restchen mehr auf der Erde davon übrig bliebe. Ihr Handeln entsprang dem Wahne, Herr über Gott zu werden und die Auferstehung der Märtyrer zu verhindern. Diese sollten, wie sie sagten, [S. 221] ‚mit nichten Hoffnung auf eine Auferstehung haben auf die vertrauend sie eine fremde, neue Religion bei uns einführen, die Qualen verachten und bereitwillig und freudig in den Tod gehen. Nun wollen wir sehen, ob sie auferstehen und ob ihr Gott ihnen helfen und sie aus unserer Hand erretten kann’!“13

1: Röm. 8, 18.
2: In Lugdunum war die 13. städtische Kohorte stationiert.
3: Luk. 1, 6.
4: Offenb. 14, 4.
5: Joh. 16, 2.
6: Vgl. Joh. 7, 38.
7: Die Martyrien fanden wohl im städtischen Amphitheater zu Lugdunum auf der Höhe von Fourvièvre statt, nicht aber in dem zu der ara Romae et Augusti gehörenden Amphitheater.
8: d. i. der Kirche.
9: Jährlich wurde am großen Altare der Roma und des Augustus ein Weihefest veranstaltet.
10: d. i. Christus.
11: Alexander gebar gewissermaßen Kinder für die Kirche.
12: Offenb. 22, 11.
13: Vgl. O. Hirschfeld, „Zur Geschichte des Christentums in Lugdunum vor Konstantin“, in Sitzungsberichte der Preuß. Akademie der Wiss. zu Berlin 1895, S. 381—409; T. H. Bindley, „The Epistle of the Gallican churches Lugdunum and Vienna“ (London 1900); P. de Labriolle, „Le style de la lettre des chrétiens de Lyons“, in Bulletin d’anc. litt, et d’archéol. chrét. 3 (1913), S. 198f. M. Prolange, „Les martyrs de Lyon en 177“ (Besancon 1914); H. Quentin, „La liste des Martyrs de Lyon de l’an 177“, in Anal. Bollandiana 34 (1921), S. 113—138.

 

 

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Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger