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, Einleitung. Widerlegung aller Häresien. In: Des heiligen Hippolytus von Rom - Widerlegung aller Häresien. Aus dem Griechischen übersetzt von Dr. Theol. Graf Konrad Preysing. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 40) München 1922.
Einleitung. Widerlegung aller Häresien

Einleitung. Leben und Persönlichkeit Hippolyts.

[S. 1] Im Jahre 1842 brachte Mynoides Mynas, der im Auftrag der französischen Regierung mehrmals zum Erwerb von Handschriften den Orient bereiste, unter anderen ein Manuskript des vierzehnten Jahrhunderts vom Athos nach Paris. Es enthielt Buch IV bis X der „Widerlegung aller Häresien“; dies Werk, gewöhnlich Philosophumena genannt, warf auf die Geschichte seines Verfassers Hippolyt ein ganz neues Licht und erschloß eine bisher unbekannte Episode der frühkirchlichen Geschichte. Die Philosophumena ergänzten und erklärten die wichtige, unzweifelhaft zuverlässige, wenn auch knappe Nachricht des catalogus Liberianus über den Tod1 und die Begräbnisstätte2 unseres Schriftstellers. Die im Jahr 1881 von de Rossi nach einem Corveyer Manuskript (jetzt in St. Petersburg) veröffentlichte Grabschrift Hippolyts3, die Papst Damasus (366 bis 384) verfaßte und in dessen Coemeterium anbringen ließ, gab weitere Anhaltspunkte, wenn auch die Überlieferung in ihr stark verdunkelt erscheint. Am gleichen Orte war schon im Jahre 1551 eine unseren Schriftsteller darstellende Statue aufgefunden worden, an deren Sockel eine aus Hippolyts Zeit stammende Liste seiner Werke angebracht ist.

[S. 2] Diese Dokumente mit einigen späteren Nachrichten4 (hauptsächlich Eusebius, Photius) ermöglichen folgenden Lebensabriß Hippolyts mit einiger Sicherheit zu geben5:

Über die Herkunft Hippolyts kann nur so viel mit einiger Sicherheit gesagt werden, daß er nicht den niederen Volksschichten entstammte; darauf deutet die Verachtung, mit der er von seinem Gegner Kallist, von dessen Sklavenherkunft und -schicksalen spricht; auch die Strafe der Deportation, die ihn an seinem Lebensende getroffen, war eine Strafe für honestiores. Ob er aus Rom stammte, ob er griechischer Herkunft war, darüber lassen sich kaum Vermutungen aufstellen6.

Er hatte den Lyoner Bischof Irenäus als Lehrer; Papst Victor weihte ihn zum Presbyter. Auf Grund dieser beiden Tatsachen (Irenäus starb 189 nach Krüger, 202 nach Rauschen, Papst Victor regierte von 189—199) läßt sich vermuten, daß Hippolyt um 160 geboren wurde. Unter Papst Victor hat er sich durch seine schriftstellerische Tätigkeit, vielleicht auch durch [S. 3] Verwaltung eines wichtigen Amtes, eine angesehene Stellung gemacht. Seine Beziehungen zu diesem Papst waren gut. Die Schattenseiten des im Grunde edlen Charakters Hippolyts und die gefährlichen Tendenzen in seiner Lehre sind zu dieser Zeit wohl noch nicht hervorgetreten.

Mit der Wahl Zephyrins zum Papst ändert sich die Situation für Hippolyt. Zephyrin nimmt seine Dienste nicht in Anspruch, wohl aber die des Kallist, den er über das Coemeterium setzt und dem er eine leitende Stellung im römischen Klerus gibt; sein Amt war nach Hippolyts Schilderung etwa dem eines Generalvikars ähnlich. Dazu kam eine sehr enge persönliche Verbindung zwischen Zephyrin und Kallist, welch letzterer starken Einfluß auf den Papst ausübt. Kallists Vorleben wird von Hippolyt in gehässiger Weise dargestellt; er sucht seinem Gegner das Ansehen, das er noch nach seinem Tode als Konfessor genießt, durch Bestreitung seines Martyriums zu rauben und ihn auch sonst verächtlich zu machen. Den Philosophumena läßt sich folgendes über Kallists Leben entnehmen: Von Herkunft ein Sklave, hat er in einem auf Geheiß seines Herrn, des Freigelassenen Karpophorus, übernommenen Bankgeschäfte starke Verluste erlitten; er macht einen Fluchtversuch, den Hippolyt als Selbstmordversuch hinstellt; sein Herr schickt ihn grausamerweise in die Tretmühle. Die Gläubiger, die durch Kallist ihre Depositen verloren hatten, bitten nun Karpophorus um zeitweilige Freilassung des Kallist, da dieser angegeben habe, er habe noch Gelder ausstehen. Bei Gelegenheit eines jüdischen Gottesdienstes versucht Kallist, seine Schuldner zu treffen und seine Guthaben einzutreiben. Die Juden verklagen ihn nun wegen Störung ihres Gottesdienstes. Der Präfekt Fuscianus verurteilt ihn wegen dieses Vergehens, wohl auch wegen des von ihm frei bekannten Christentums, ad metalla, in die sardinischen Bergwerke. Er wird aus ihnen mit anderen christlichen Gefangenen befreit, denen auf Bitten der Markia, der morganatischen Gemahlin des Commodus (180—192), die Strafe erlassen worden war. Aller Wahrscheinlichkeit nach nimmt Papst Victor ihn als confessor in den [S. 4] Klerus auf; er gibt ihm ein Amt in Antium mit regelmäßigen Einkünften. — Zephyrin sieht in Kallist einen Mann von hoher praktischer Begabung und befördert ihn zu einer hervorragenden Stellung. Daß Kallist trotz seiner Herkunft aus dem Sklavenstande, trotz seines Bankerotts und seines Fluchtversuchs, trotz seiner entehrenden Verurteilung ad metalla, trotzdem er, in den Augen des Römers, sozusagen der bürgerlichen Ehrenrechte verlustig gegangen war, diesen Aufstieg nahm, rechtfertigt die Annahme, daß er ein hervorragend fähiger, sittlich durchaus unbescholtener Mann war.

Äußerlich hat Hippolyt während des Zephyrinischen Pontifikates weder mit dem Papst noch mit Kallist gebrochen. Unterschiede in der Doktrin haben sich aber schon damals gezeigt; Hippolyt kämpfte gegen den Monarchianismus oder Modalismus (die Verwischung der Dreipersönlichkeit Gottes), so wie ihn Kleomenes und Sabellius vertraten; dabei machte sich sein Subordinatianismus, die Ansicht, der Sohn sei dem Vater untergeordnet, bemerkbar. Zephyrins und Kallists Festhalten an dem Grunddogma der Einheit in der Dreiheit ließ in Hippolyt den Eindruck aufkommen, sie widersprächen sich oder machten unerlaubte Konzessionen.

Auf Betreiben Kallists erfolgte eine dogmatische Entscheidung durch Zephyrin in feierlicher Form: Ich bekenne einen Gott Christus Jesus und außer ihm keinen andern, der erzeugt und leidensfähig ist. — Diese Entscheidung traf die Gnosis, die zwischen dem Logos und Christus unterschied, den Logos als Gott anerkannte, Christus als Äon oder als bloßen Menschen ansah7. Sie traf aber auch in etwa Hippolyt, der den Logos-Christus als ein vom Vater verschiedenes Wesen und so als einen zweiten Gott hinstellte. — Als sich in der [S. 5] Kirche Bedenken erhoben, Zephyrins Entscheidung könnte von den Sabellianern (Patripassianern) in ihrem Sinne ausgebeutet werden, betonte Kallist die „reale Distinktion der Personen“: „Nicht der Vater ist gestorben, sondern der Sohn.“

Ein großer Teil der literarischen Arbeiten Hippolyts dürfte aus dem Pontifikat Zephyrins stammen; der geistreiche Mann hatte in Rom einen kleinen, aber mächtigen Kreis hinter sich, vornehme Leute, von denen gerade um diese Zeit eine größere Anzahl sich dem Christentum zuwandten. Sie haben wohl schon damals an dem Aufsteigen Kallists Anstoß genommen und sich um so enger an Hippolyt angeschlossen; sie dürften wohl auch in Hippolyt die Hoffnung und den Wunsch genährt haben, nach Zephyrins Tod den römischen Bischofstuhl zu besteigen.

Durch die Wahl Kallists zum römischen Bischof sieht Hippolyt diesen Zukunftstraum zerrinnen; er tritt in offene Opposition zu dem Neugewählten; ohne die Rechtmäßigkeit seiner Wahl anzugreifen, bekämpft er seine Lehre, bezichtigt ihn der Häresie. — Eine der ersten Regierungshandlungen Kallists war die Exkommunikation des Sabellius wegen dessen modalistischer Irrtümer. Dies bedeutete an und für sich ein Entgegenkommen gegen Hippolyt, der in schärfstem Kampf mit Sabellius und dessen Anhängern stand. Das Vorgehen Kallistos scheint manchen Schwankenden auf seine Seite gebracht zu haben8. Auch mit Hippolyt wurden Unterhandlungen gepflogen. Dieser aber konnte dem vom Glück begünstigten Nebenbuhler „seine Doppelzüngigkeit, sein hinterhältiges Wesen“, d. h. eben seinen Erfolg bei der römischen Kirche nicht verzeihen. Und so schritt Kallist zu einer zweiten offiziellen Verurteilung. Er verwarf Hippolyts subordinatianische Christologie. Einen Teil seines Spruches hat uns Hippolyt überliefert: „Ihr seid Ditheisten.“ — Hierauf trat Hippolyt mit seinem Anhang aus der Kirche aus und wurde zum [S. 6] Gegenbischof von Rom gewählt. Sein Schisma dauerte unter den nachfolgenden Päpsten Urbanus (222—230) und Pontianus (230—235) an. Die Christenverfolgung unter Maximin, dem Thraker (235—238), brachte der Kirche ihre Einheit wieder. Dieser ließ systematisch die Vorsteher der Kirchen fassen und verurteilen; so wurde Bischof Pontian und Gegenbischof Hippolyt gefangen und nach dem äußerst ungesunden Sardinien verbannt, was einer Verurteilung zum Tode nahe kam. Pontian entsagte dort seiner Würde, Hippolyt söhnte sich mit der Kirche aus und starb ungefähr zur selben Zeit wie Pontian an den Folgen des Klimas als Märtyrer für seinen Glauben. Als solchen verehrt ihn die Kirche bis auf den heutigen Tag, da er durch seine Glaubenstreue seine früheren Verirrungen gesühnt hat.

Hippolyt ist eine bedeutende Erscheinung in der frühchristlichen Geschichte. Er verfügte über ein umfassendes Wissen in weltlichen und theologischen Gegenständen, über philosophische, dogmatische, exegetische, astronomische Kenntnisse. An Gelehrsamkeit überragte er seine Gegner, insbesondere Zephyrin und Kallist; aber sein Wissen, getrennt von der lebendigen Tradition der Kirche, hat ihn nicht vor Irrtümern bewahrt. Er war ein leidenschaftlicher, von Eitelkeit nicht freier Mann. Gekränkter Ehrgeiz spielte bei seinem Schisma eine Rolle. — Aus seinen Schriften spricht jedoch echte Begeisterung für den christlichen Glauben und eine hohe Auffassung der sittlichen Forderungen, die dieser stellt.

1: Eo tempore Pontianus episcopus et Ypolitus presbiter exoles sunt deportati in Sardinia in insula nociva, Severo et Quintiano cons. In eadem insula discinctus est III Kal. Octobr. et loco eius ordinatus est Antheros XI Kal. Dec. cons. ss (Chron. min. saec. IV, V, VI, VII ed. Th. Mommsen vol. I. Berolini, 1892. Chronographus anni 354 cap. 13 Episcopi Romani).
2: Idus Aug. Ypoliti in Tiburtina et Pontiani in Callisti (ib. cap. 12, Feriale Ecclesiae Romanae).
3: I. B. de Rossi, Bulletino di archeologia cristiana, 1881, p. 26—55. Zwei Fragmente des Epitaphiums sind im Pflaster der Basilika St. Johann im Lateran aufgefunden worden.
4: Verzeichnis sämtlicher Quellen, chronologisch geordnet, bei D'Alès, La théologie de St. Hippolyte, Paris, 1906 p. 215—220.
5: Die Darstellung von Hippolyts Lebenslauf, die teils von bisherigen Auffassungen abweicht, teils dieselben ergänzt, beruht auf den von mir in der Zeitschrift für kath. Theologie, Innsbruck, veröffentlichten Untersuchungen: Der Leserkreis der Philosophumena Hippolyts 38 (1914) S. 421—445; Zwei offizielle Entscheidungen des römischen Stuhles um die Wende des 2. Jahrhunderts 41 (1917) S. 595—597; Hippolyts Ausscheiden aus der Kirche 42 (1918) S. 177—186; Existenz und Inhalt des Bußediktes Kallists 43 (1919) S. 358—362.
6: In einigen Handschriften des Hieronymusbriefes ep. 70, 3 (M. S. L. 22, 667; C. S. E. L. 54, 706) ist die Lesart Hippolytusque et Appollonius, urbis Romanae senatores überliefert (in den übrigen urbis romanae senator). — Da das que — et [te– kai] τέ – καί die beiden Genannten, Hippolyt und Apollonius, zu einem Paar zusammenfaßt, ist die Lesart senatores die wahrscheinlichere. Sie wurde jedoch von Hilberg im Wiener Corpus nicht in den Text aufgenommen. — Sollte sich hier eine Erinnerung an Hippolyts vornehm-römische Abkunft erhalten haben? — Daß Hippolyt selbst Senator gewesen, ist freilich unwahrscheinlich. — Den Hinweis auf diese Stelle verdanke ich P. J. Stiglmayr S. J.
7: Mit dieser Entscheidung steht zweifellos die Änderung des Symbols durch Zephyrin, von der Eusebius berichtet, im Zusammenhang. Zephyrin hat die Christologie des Glaubensbekenntnisses in die Taufformel einbezogen und so den Gnostikern die Möglichkeit genommen, das Symbol anzuerkennen und doch „den Sohn“ und Jesus Christus zu trennen. (Vgl. W. M. Peitz, Das Glaubensbekenntnis der Apostel, Stimmen der Zeit, 48. Jahrg. 6. Η., 1918, S. 563 ff.)
8: Hippolyt hatte nicht nur in Rom gegen Kallist Stellung genommen, sondern sich auch schriftlich an die anderen Kirchen gewandt, um ihn der Heterodoxie anzuklagen.

 

 

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Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium) (Hippolytus von Rom († um 235))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger