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Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron
Der erste Tag. Erste und zweite Homilie (Gen 1,1-5)
VI. Kapitel. Die vier Elemente. Der Himmel ätherisch und gewölbartig. Die Erde "im Nichts hängend" kraft des göttlichen Willens. Keine Quintessenz als Himmelssubstanz.

22.

Auch von der Erde Beschaffenheit oder Lage zu handeln1, würde in betreff der Zukunft nichts frommen. Es mag genügen zu wissen, daß der Text der heiligen Schriften die Bemerkung enthält: „Er hing die Erde auf im Nichts“2. Was hätten wir von langen Untersuchungen, ob er sie in der Luft oder über dem Wasser3 aufhing? Es würde sofort die Frage entstehen, wie denn die leichte und weichere Luftnatur die schwere Erdenmasse tragen könne? Oder, wenn über den Wassern, wie die Erde nicht in jähem Sturz ins Wasser versinke? Oder wie die Meeresflut derselben nicht weiche und die seitlich angrenzenden Teile, sobald sie von ihrer Stelle gewichen, überströme? Viele behaupteten auch, die Erde schwebe mitten in der Luft und beharre unbeweglich mit ihrer Masse, weil sie sich so nach allen Seiten erstrecke, daß eine Bewegung hier- und dorthin sich paralysiere. Hierzu genügt, wie ich glaube, des Herrn Äußerung an seinen Diener Job, da er durch eine Wolke sprach und fragte: „Wo warst du, da ich grundlegte die Erde? Sage es mir, wenn du Einsicht hast! Wer setzte fest ihr Maß, wenn du’s weißt? Oder wer ist’s, der über sie ausgespannt die Meßschnur? Oder worauf werden ihre Zonen befestigt?“4 Und im folgenden: „Ich schloß mit Toren ein das Meer und sprach: Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter dringen, sondern in dir sollen sich brechen deine Wogen“5. Hat Gott damit nicht klar gezeigt, daß alles in seiner Größe gründet, nicht in Zahl, Gewicht [S. 27] und Maß? Denn das Geschöüf gibt kein Gesetz, sondern empfängt es, bezw. wahrt das empfangene. Nicht wegen ihrer zentralen Lage schwebt also die Erde im Gleichgewicht, sondern weil Gottes Majestät durch das Gesetz seines Willens sie zwingt, daß sie über dem unsteten Gewoge, bezw. im leeren Raume stetig beharre. So bezeugt es auch der Prophet David mit den Worten: „Er hat gegründet die Erde auf ihre Festigkeit; sie wird nicht wanken in alle Ewigkeit“6. Da wird doch Gott nicht bloß als Künstler, sondern als der Allmächtige gefeiert, der die Erde nicht kraft einer gewissen Zentralität, sondern seines Gebotes in Schwebe hält und nicht ins Wanken geraten läßt. Nicht die zentrale Lage, sondern Gottes Ermessen müssen wir für das Maßgebende halten: nicht Kunst, sondern die Macht ist da maßgebend, die Gerechtigkeit ist maßgebend, das Wissen ist maßgebend; denn das All übersteigt nicht als etwas Unermeßliches sein Wissen, sondern unterliegt als etwas Endliches seinem Erkennen. Wenn wir lesen: „Ich festigte ihre Säulen“7, können wir doch nicht glauben, sie ruhe wirklich auf Säulen, sondern auf jener Kraft, welche der Erde Substanz trägt und erhält. Wie sehr der Bestand der Erde in der Macht Gottes gründet, folgere endlich auch daraus, daß geschrieben steht: „Er, der anblickt die Erde und sie erzittern macht“8; und an einer anderen Stelle: „Noch einmal erschüttere ich die Erde“9. Nicht also unbeweglich beharrt sie infolge ihres Gleichgewichtes, sie wird vielmehr häufig auf Gottes Wink und Willen erschüttert, wie auch Job es ausspricht: „Der Herr schüttert sie weg von ihren Grundfesten, ihre Säulen aber wanken“10; und an anderer Stelle: „Nackt ist das Totenreich vor ihm, und keine Hülle deckt den Tod. Er spannt den Nord aus vor dem Nichts, hängt die Erde auf im Nichts, bindet die Wasser in seinen Wolken. . . Des Himmels Säulen fahren empor und erbeben vor seinem Dräuen. Durch seine Kraft besänftigt er das Meer, [S. 28] durch seine Zuchtrute streckt er hin des Meeres Ungeheuer, des Himmels Tore aber fürchten ihn“11. Durch Gottes Willen also beharrt sie unbeweglich und „steht in Ewigkeit“ nach des Predigers Spruch12, und kraft Gottes Willen bewegt sie sich und schwankt. Nicht weil auf ihre Grundfesten gestützt, besteht sie, und nicht weil auf ihren Säulen ruhend, beharrt sie sonder Wanken, sondern der Herr gibt ihr Bestand und Halt mit der Festigkeit seines Willens, „denn in seiner Hand sind alle Enden der Erde“13. Und dieser schlichte Glaube geht über alles Vernünfteln. Mögen andere beifällig der Ansicht beipflichten, die Erde senke sich deshalb an keinem Punkte, weil sie von Natur ihre Lage in der Mitte habe, sie beharre eben mit Notwendigkeit in dieser Lage, ohne nach einer anderen Seite sich zu neigen, solange sie sich nicht naturwidrig, sondern naturgemäß bewege; mögen sie des göttlichen Bildners, des ewigen Meisters Erhabenheit rühmen ― welcher Künstler verdankte denn nicht ihm seine Begabung, oder wer „gab den Frauen die Kenntnis der Webekunst oder das Verständnis für Stickerei?“14 ―: ich, der die Tiefe seiner Majestät und die Erhabenheit seiner Kunst nicht zu fassen vermag, verlasse mich nicht auf Gleichgewicht und Maß in der Wissenschaft, sondern halte dafür, daß alles in Gottes Willen beruht, insofern sein Wille die Grundfeste des Alls ist und seinetwegen diese Welt fortbesteht. Zum Beweise hierfür mag beispielsweise auch des Apostels Autorität angezogen werden; denn so steht geschrieben: „Der Vergänglichkeit ward die Schöpfung unterworfen, nicht freiwillig, sondern um dessen willen, welcher sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin. Indes wird auch die Schöpfung befreit werden von der Knechtschaft des Verderbens“15, wenn das Gnadenlicht der göttlichen Vergeltung aufleuchten wird.

1: Vgl. Basil., l. c. 8.
2: Job 26, 7.
3: Thales soll nach Aristot., Metaph. I 3. De coel. II 13 gelehrt haben, daß die Erde über dem Wasser schwimme.
4: Job 38, 4―6.
5: Job 38, 8. 11.
6: Ps. 103, 5 [Hebr. Ps. 104, 5].
7: Ps. 74, 4 [Hebr. Ps. 75, 4].
8: Ps. 103, 32 [Hebr. Ps. 104, 32].
9: Agg. 2, 7 [Aggäus = Haggai].
10: Job 9, 6.
11: Job 26, 6 ff.
12: Prd. 1, 4.
13: Ps. 94, 4 [Hebr. Ps. 95, 4].
14: Job 38, 36.
15: Röm. 8, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger