Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Ephräm d. Syrer († 373)
Erklärung des Evangeliums

I.

[p. 261]

Erklärung des Evangeliums, die verfaßt hat Ter1 Ephrem, der tiefgründige2 Syrer.

[S. 3] Alle3 Schriften, die immer aus menschlichem Verstande heraus geschrieben sind und nicht von dem Gesetz und den Propheten beim Reden nehmen, sind Bücher, Erzeugnis und Erfindung eines widerstrebenden Verstandes. Und wenn einer näher tritt, um ihren Sinn zu prüfen, so findet er sie irreführend und hin- und herschwankend, weil sie nicht auf dem wahren4 Fundamente der Heiligen Schrift gegründet sind. Markion schreibt in seinem [S. 4] Buche, das sie mit Namen Proevangelium 5 nennen, was in unsere Sprache hier übersetzt6 heißt: "eher als das Evangelium"7 — und ich bin verwundert, wieso es eine Schrift der Markionisten gibt, die sie mit Namen8 Proevangelium9 nennen, da die Schüler jenes vertrauensvoll meinen, daß der Anfang10 der Gottheit, an die sie glauben, um jene Zeit offenbar wurde, [nämlich] zur Zeit des Pilatus des Pontiers,11 in jener Zeit, in der das Evangelium geschrieben wurde. Wenn es sicher für dich ist, o Markion. daß wirklich der Anfang der Gottheit, betreffs der du sprichst, im Evangelium [zuerst] in Erscheinung trat,12 warum denn aber und wie wäre deine Schrift eher als das Evangelium? Und wenn du wirklich [daran] festhältst und es wäre deine Schrift eher als das Evangelium, so sage nicht, daß neu und fremd die lebendigmachende Gottheit ausströmte, sondern daß sie bereits da war. Und es ist im Anfange jener Schrift also geschrieben: "O Wunder über Wunder,13 Verzückung, Macht und Staunen ist das, daß man gar nichts über es14 [S. 5] sagen, noch über es denken, noch es mit irgend etwas vergleichen kann."

1: = syr. (xxx) "Monsignore".
2: So ist, wie ich glaube, (xxx) zu übersetzen. Im kirchlichen Latein würde man etwa "doctor profundus" sagen. Möglich ist wohl auch "der Niedersyrer". Ephräm wird "Edessenus" genannt und Edossa liegt im Flachland, ich weiß aber nicht, ob diese geographische Bezeichnung sonst vorkommt. Preuschen 244 übersetzt "der hochgelehrte Assyrer". "Hochgelehrt" gibt den Sinn wieder, "Assyrer" aber würde nicht Asori, sondern Asorestauroy(xxx) heißen (vgl. unten p. 304, 2. Abs.). Für unzutreffend dagegen halte ich trotz Moesingers (Evangelii concordantis expositio, p. 1, Anm. 1) und der Mechituristen (S. Ephraemi Syri commentarii in epsitolas D. Pauli, Venetus 1893) Vorgang die Übersetzung "doctor" (lector) für xor. Moesinger: "Armeni cognominant S. Ephraemum chor vel chori vel chorin vel chur, quod est Syriacuni Qorjo". Wäre das richtig, dann sollte man statt asorioy "Syri" ein asorioc (bzw. asoroc, a. unten p. 209(xxx)) "Syrorum" erwarten. Das syr. (xxx) müßte armen. auch wohl kori lauten. M. E. ist es ganz ausgeschlossen, daß (xxx) (hebr.(xxx)) mit aspiriertem k im Anfange gesprochen worden ist. Vgl. z.B. (xxx) (Erlöser), das vom syr. (xxx) abzuleiten ist.
3: "Jede Schrift (Buch)"; ich habe den Plural genommen, damit sich das folgende besser liest.
4: zuverlässigen
5: Es steht im Armen. "Peron ew Engelion", was wie Preuschen (245, Anm. 2) richtig erkannt hat, aus (xxx) verballhornt sein dürfte. Über diese Schrift Markions ist uns sonst nichts bekannt. Vgl. Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur I 7 (Freiburg 1913) 373.
6: Lies im Arm. (xxx).
7: Der Satz wird hier nicht zu Ende geführt, sondern erst weiter unten, nachdem er durch "und es ist im Anfange jener Schrift also geschrieben" wieder aufgenommen worden ist.
8: Lies (xxx).
9: "Proevangelium" von mir für das im Texte stehende "eher als das Evangelium" eingesetzt.
10: Für Markion war bekanntlich der Gott des AT nicht der Gott, den man im Christentume zu verehren hatte. Sein Gott erschien erstmalig in Christi Offenbarung.
11: Preuschen, 245, Anm. 3 nimmt Anstoß an "Palutosi pontacoy", "als wäre Pilatus aus dem Pontus gewesen, woraus sich ergibt, daß es um die Kenntnisse des Übersetzers übel genug stand. Um so weniger wird man von ihm willkürliche Veränderungen seiner Vorlage erwarten dürfen." Aber die armenische Bibelübersetzung kennt überhaupt nur "Pilatus den Pontier". Vgl. außer den Ausgaben auch die berühmte Evangelien-Hs vom Jahre 887. Hier steht Mt 27,3: "Pontacioy Piwlutosi", Lk 3,1: "Ponducio Piwlalovsi".
12: "in Erscheinung trat", wörtlich: "wurde".
13: Wörtlich: "O Größen den Größen".
14: Das Armen. läßt es zweifelhaft, ob an "ihn" oder "sie" oder "es" zu denken ist, ebenso der Zusammenhang, da im folgenden dafür Glaube, Himmelreich und Kirche steht.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur Erklärung des Evangeliums

Navigation
. I.
. . [p. 261]
. . [p. 262, 1. Abs.]
. . [p. 262, 2. Abs.]
. . [p. 263, Abs.]
. . [p. 264, 1. Abs.]
. . [p. 264, 2. Abs.]
. . [p. 265, Abs.]
. . [p. 266, 1. Abs.]
. . [p. 267, 1. Abs.]
. . [p. 267, 2. Abs.]
. . [p. 288, 2. Abs.]
. . [p. 289, Abs.]
. . [p. 270, 1. Abs.]
. . [p. 270, 2. Abs.]
. . [p. 271, Abs.]
. . [p. 272, 1. Abs.]
. . [p. 272, 2. Abs.]
. . [p. 273, 1. Abs.]
. . [p. 273, 2. Abs.]
. . Mehr
. II.
. III.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger