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Laktanz († nach 317) - Gottes Schöpfung (De opificio Dei)

VII. Hauptstück. Von den Körperteilen.

§ 1. Gott hat nun das Körpergestell des Menschen, das wir Gerippe nennen, stark gefügt und vermittelst der Sehnen fest miteinander verbunden, damit der Verstand sowohl im Bewegungszustande wie auch im Zustande der Ruhe sich derselben gleichsam als Stützpunkte bedienen könne; das aber sollte er tun können, ohne zuvor den geringsten Versuch nötig zu haben, ohne die geringste Mühe, sondern so, daß er mit der leichtesten Bewegung den Körper zu lenken und zu regieren imstande sei.

[S. 246] § 2. Dann bedeckte er das Gerippe, je nachdem es für den betreffenden Teil erforderlich war, mit Fleisch, damit auch das Feste am menschlichen Körper seinen Schutz habe. Mit dem Fleische vereinigte er ferner die Adern, gewissermaßen über den ganzen Leib hin verteilte Quellen, damit das durch sie hindurchströmende Blut denselben mit den lebenspendenden Säften befeuchte, und versah das für jeden Zweck und jede Stelle entsprechend gebildete Fleisch mit der Haut. Diese hat er entweder mit der Schönheit allein ausgezeichnet oder er hat sie auch mit Haaren bedeckt oder durch Schuppen geschützt oder mit schönen Federn versehen.

§ 3. Wunderbar aber ist jener göttliche Gedanke, daß die gleiche Anordnung, die gleiche Beschaffenheit unzählige Verschiedenheiten aufweist. Denn fast bei allen Lebewesen findet sich die gleich bestimmte Anordnung der Glieder.

§ 4. Zuerst nämlich das Haupt, dann der Hals, auf den Hals folgt die Brust, von dieser gehen die Arme aus, an die Brust schließt sich der Bauch an, dann die Geschlechtswerkzeuge, zuletzt die Schenkel und Füße.

§ 5. Nicht bloß die Körperteile haben stets ihre bestimmte Lage, sondern auch die einzelnen Organe. Am Kopfe nämlich haben die Augen ihre bestimmte Lage, desgleichen die Nase, der Mund, darinnen die Zähne und die Zunge. Obschon diese Organe bei allen Tieren sich finden, so herrscht dabei doch eine unendliche Verschiedenheit, da die erwähnten Organe, bald länger bald kürzer, die verschiedensten Formen aufweisen.

§ 6. Wie? Ist das nicht göttlich, daß bei einer so großen Anzahl von Lebewesen ein jedes in seiner Art das schönste ist, daß, falls von dem einen auf das andere etwas übertragen würde, nichts Unnützeres, nichts Unschöneres zu sehen wäre, wie wenn man zum Beispiel dem Elephanten einen langen Nacken, dem Kamel einen kurzen, der Schlange Füße oder Haare geben möchte, bei welcher der langgestreckte Körper nichts anderes erforderte, als daß sie am Rücken gesprenkelt und durch leichte Schuppen unterstützt in bogenreichen Windungen fortgleiten sollte?

[S. 247] § 7. An den Vierfüßlern hat eben der nämliche Künstler vom Kopfe angefangen die Wirbelsäule über den Rumpf hinaus sich fortbilden und zum Schwanze sich zuspitzen lassen, damit entweder gewisse Körperteile verdeckt oder wegen ihrer Zartheit geschützt oder damit durch dessen Bewegung kleine schädliche Tiere vom Körper ferngehalten werden sollten. Nimmst du diese Einrichtung, so wird das Tier unvollkommen und hinfällig.

§ 8. Wo aber Hand und Vernunft sich findet, ist dies ebensowenig notwendig als eine Haardecke. So sehr ist alles in seiner Weise passend, daß nichts Häßlicheres erdacht werden könnte, als ein nacktes Tier oder ein behaarter1 Mensch.

§ 9. Obschon die Nacktheit die Schönheit des Menschen wunderbar hebt, so schickte sie sich doch nicht für den Kopf. Der Schöpfer bedeckte diesen also mit Haar, und weil er die Spitze bilden sollte, schmückte er ihn gleichsam als den Giebel eines Gebäudes. Dieser Haarschmuck ist nicht kranzförmig, auch nicht hutförmig, damit er nicht unschön erschiene, wenn einige Teile nackt wären, sondern er breitet sich nach der einen Seite hin aus, auf der anderen tritt er zurück, gerade wie es der Stelle entspricht.

§ 10. Die kreisförmig umrahmte Stirne also, die, von den Schläfen angefangen, vor den Ohren sich verbreitenden Haare, ihr oberer kranzförmiger Teil und das ganz bedeckte Hinterhaupt gewähren einen wunderschönen Anblick.

§ 11. Man kann es fast nicht sagen, wieviel der Bart beiträgt, um die Körperreife, die Verschiedenheit der Geschlechter, die Schönheit der männlichen Kraft erkennen zu lassen, so daß es den Anschein hat, der ganze Bau müßte zerfallen, wenn nur etwas anders geschaffen worden wäre.

1: Was die sog. Haarmenschen anlangt, so wollen einige deren dichte Behaarung für atavistische Bildung ansehen; nach unserer Überzeugung handelt es sich hier nur um eine Abnormität.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger