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Laktanz († nach 317) - Gottes Schöpfung (De opificio Dei)

III. Hauptstück. Das Los von Tier und Mensch.

§ 1. Sie beklagen sich nämlich darüber, daß der Mensch im Vergleiche zu den Tieren allzu schwach1 und gebrechlich auf die Welt komme. Diese ständen gleich nach ihrem Eintritt in die Welt auf den Füßen, regten sich munter, könnten sofort dem Klima [Luft] widerstehen, weil sie mit ihrer natürlichen Kleidung zur Welt gekommen seien; der Mensch aber werde nackt und hilflos wie nach einem Schiffbruche in dieses Jammertal hineingestoßen, der Mensch, der sich nach der Geburt weder rühren, noch nach der Muttermilch verlangen, noch die Ungunst der Witterung ertragen könne.

§ 2. Demnach sei die Natur nicht die Mutter, sondern die Stiefmutter der Menschen, die den Menschen, während sie sich gegen die Tiere so gütig gezeigt habe, in einem Zustande in die Welt gesetzt habe, daß er, hilflos, schwach und hilfsbedürftig im höchsten Grade, seine Hinfälligkeit nur durch Schreien und Weinen andeuten könne, er2, der im Leben so viele Leiden durchzumachen habe.

§ 3. Wegen dieser Behauptung glauben sie, was wunder wie weise zu sein; ich jedoch kann die Bemerkung nicht unterlassen, daß ihr Unverstand bei dieser Behauptung im grellsten Lichte erscheint.

§ 4. Bei Betrachtung des Wesens der Dinge finde ich nämlich, daß es nicht anders hätte sein dürfen, um nicht zu sagen, es hätte nicht anders sein können, da ja doch Gott alles vermag — indes war es notwendig, daß jene höchst fürsehende Majestät das erschuf, was besser und dem Zwecke entsprechender war3.

[S. 232] § 5. Es steht also an jene Tadler4 von Gottes Werken die Frage offen, was denn dem Menschen, da er so hinfällig zur Welt kommt, nach ihrer Meinung fehlt, ob die Menschen deshalb weniger bildungsfähig sind, ob sie deshalb weniger zur höchsten physischen Entwicklung gelangen können, ob die Hinfälligkeit entweder ihr Wachstum oder ihre Wohlfahrt hindere, während doch die Vernunft den Abgang aufwiegt?

§ 6. Indes die Erziehung des Menschen, sagen sie, braucht sehr viele Mühe, die Tiere haben es besser, weil sie nach dem Werfen nur für ihre eigene Ernährung zu sorgen haben. So kommt es, daß, während die Euter sich füllen, den Jungen die Milchnahrung geboten wird, und daß diese aus Naturzwang, ohne daß die Weibchen sich darum zu kümmern brauchen, darnach verlangen.

§ 7. Wie, haben nicht die Vögel5, die allerdings einer anderen Klasse angehören, große Mühe beim Aufziehen ihrer Jungen, daß es manchmal scheint, sie besäßen ein wenig menschlichen Verstand? Sie bauen sich nämlich Nester aus Lehm oder stellen solche aus Reisig und Laub her, sie sitzen [hocken] auf den Eiern sogar ohne Nahrung zu nehmen, und da sie ihre Jungen von ihrem Leibe aus nicht ernähren können, so tragen sie ihnen Nahrung zu und verwenden den ganzen Tag auf Zu- und Fortfliegen; des Nachts aber verteidigen sie dieselben, schützen und wärmen sie.

§ 8. Was könnten die Menschen noch anderes tun, als fast nur noch dies allein, daß sie die erwachsenen Kinder nicht von sich stoßen, sondern in ständiger liebender Verbindung mit ihnen bleiben?

§ 9. Was soll ich dazu sagen, daß die Nachkommenschaft der Vögel viel mehr gefährdet ist als die der Menschen, da sie nicht lebende Junge gebären, sondern bloß Eier legen, aus denen erst durch sorgfältiges Ausbrüten von seiten des Weibchens das Tier hervorgeht? Indes ist dieses Wesen noch federlos und schwach und ist nicht nur nicht imstande zu fliegen, sondern nicht einmal imstande zu gehen.

[S. 233] § 10. Müßte daher einer nicht sehr albern sein, wenn er glaubt, die Natur habe sich den Vögeln höchst feindselig erwiesen, fürs erste weil sie zweimal zur Welt kämen, hernach weil sie so schwach seien, daß sie noch durch die mühsam von den Alten gesuchte Nahrung erhalten werden müßten? Aber die Gegner führen nur die stärkeren Tiere an, die schwächeren übergehen sie.

§ 11. Ich frage also die, welche das Los der Tiere dem ihrigen vorziehen, was sie wählen möchten, wenn Gott ihnen die Wahl ließe, ob sie die menschliche Vernunft vorziehen möchten in Verbindung mit der Schwäche oder die Kraft der Tiere mit der natürlichen Beschaffenheit derselben.

§ 12. Natürlich sind sie nicht soweit Tiere, daß sie nicht lieber eine noch weit gebrechlichere Natur wünschten, als sie jetzt besitzen, wofern sie nur eine menschliche ist, als die der Vernunft bare Stärke der Tiere. Aber natürlich die wunderbar gescheiten Leute wünschen sich weder die menschliche Vernunft mit der damit verbundenen Schwäche noch die Stärke der Tiere ohne die Vernunft.

§ 13. Ja, es gibt nichts so Widersinniges, nichts so Verkehrtes als die Behauptung, es müsse sowohl die Vernunft als auch die Natur ein jedes Lebewesen entsprechend ausrüsten. Ist ein solches mit natürlichen Schutzmitteln versehen, so ist die Vernunft überflüssig. Was wird nämlich diese auszudenken, was zu tun, was auszuführen haben? Oder in welchem Stücke wird sie ihr geistiges Licht leuchten lassen können, da das, was der Vernunft zukommen dürfte, die Natur selber gewährt?

§ 14. Wenn aber ein solches Lebewesen mit Vernunft ausgestattet ist, wozu bedarf es noch der körperlichen Schutzwehr, da doch die Vernunft die Natur ersetzen kann? Die Vernunft dient in solchem Grade zum Schmucke und zur Auszeichnung des Menschen, daß ihm nichts Größeres, nichts Besseres von Gott hätte gegeben werden können.

§ 15. Endlich ist der Mensch, obschon er einen unansehnlichen Körperbau besitzt, von schwachen Kräften, [S. 234] von hinfälliger Gesundheit ist, doch, weil er dieses Größere [die Vernunft] erhalten hat, besser ausgestattet und herrlicher beschaffen als die übrigen Lebewesen.

§ 16. Denn obschon er gebrechlich und hinfällig zur Welt kommt, so ist er doch vor den Tieren sicher, während die anderen stärkeren Lebewesen, auch wenn sie die Unbilden der Witterung, ohne Schaden zu nehmen, ertragen, doch nicht vor dem Menschen sicher sind.

§ 17. So ist es also der Fall, daß die Vernunft den Menschen mehr gewährt als die Natur den Tieren, weil bei diesen es weder ihre gewaltige Körperkraft noch ihr starker Bau hat verhindern können, von uns unterdrückt zu werden und unserer Macht untertan zu sein.

§ 18. Kann also einer, der da sieht, daß sogar die Lukas-Ochsen6 mit ihrem gewaltigen Körper und ihrer riesigen Kraft den Menschen untertan sind, über Gott, den Weltenschöpfer murren, daß er ihm zu geringe Kräfte und einen zu schwachen Körper gegeben habe, und sollte ein solcher nicht vielmehr Gottes Wohltaten gegen seine Person nach Gebühr schätzen? Eine solche Klage zeugt eben nur von Undankbarkeit oder, besser gesagt, von Unverstand.

§ 19. Plato7 hat, glaube ich, der Natur gedankt, daß er als Mensch geboren worden sei.

§ 20. Wie vielmal richtiger und verständiger ist nicht die Behauptung desjenigen, der die Bemerkung machte, daß der Mensch besser daran sei, als die Behauptung derjenigen, welche als Tiere geboren zu sein wünschten! Wenn Gott sie in eben die Tiere, deren Los sie dem ihrigen vorziehen, verwandelte, sie würden sicherlich zurückzukehren wünschen und laut ihr früheres Los fordern, da Stärke und Körperkraft nicht soviel wert sind, um der Sprache entbehren zu können, und der unbehinderte Flug der Vögel in der Luft, um der Hände [S. 235] zu ermangeln. Denn die Hände sind mehr wert als der leichte Gebrauch der Flügel, und höher als die Körperstärke ist die Sprache zu veranschlagen.

§ 21. Was ist das also für ein Unverstand, das vorziehen zu wollen, was man im Falle, daß man es erhielte, anzunehmen sich weigern würde?

1: Vgl. die Einl. zu Sallusts Bellum Jugurthinum.
2: Lukretius V 227.
3: Die Theologen lehren, daß Gott noch immer bessere Welten schaffen könne, daß aber gerade die jetzt geschaffene den Absichten Gottes ganz und gar entspreche.
4: Das sind die erwähnten Philosophen.
5: Im engsten Sinne des Wortes.
6: Lukas-Ochsen = Elephanten. Lukas-Ochsen sollen nach Varro die Elephanten genannt worden sein, weil sie von den Römern zuerst in Lucanien [Landschaft in Unteritalien] gesehen worden seien. Zuerst bekamen die Römer Elephanten im Kriege mit Pyrrhus zu Gesichte, dann führten auch die Karthager solche in ihrem Heere mit.
7: Vgl. Plutarch, Vita Marii c. 46.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger