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Laktanz († nach 317) - Gottes Schöpfung (De opificio Dei)

XII. Hauptstück. Vom Mutterleib, der Empfängnis und den Geschlechtern1.

§ 1. Auch über den Mutterleib und die Empfängnis müssen wir, da nun einmal vom Innern des Menschen die Rede ist, um nichts zu übergehen, sprechen. Obschon diese Sache verborgen ist, kann sie doch dem Verstande nicht verborgen sein.

§ 2. Die den Samen enthaltende Ader ist bei den männlichen Wesen doppelt und liegt etwas weiter im Inneren als die Harnblase. Denn wie es zwei Nieren gibt und ebenso zwei Hoden, so auch zwei Samenadern, die aber in einem Gefüge zusammenhängen, was wir an den aufgeschnittenen und geöffneten Tierleibern sehen können.

§ 3. Aber die rechte [Ader] enthält männlichen Samen, [S. 264] die linke weiblichen, und überhaupt ist im ganzen Körper die rechte Seite die männliche, die linke aber die weibliche.

§ 4. Vom Samen selbst glauben einige, daß er nur aus dem Mark, andere, daß er aus dem ganzen Körper in die Samenader zusammenfließe und sich dort verdichte; aber auf welche Weise dies vor sich gehe, das kann der menschliche Geist nicht begreifen.

§ 5. Ebenso teilt sich bei den Frauen der Uterus in zwei Teile, die sich nach beiden Seiten ausbreiten und wie Widderhörner umlegen. Der nach rechts umgebogene Teil ist der männliche, der nach links gewendete der weibliche.

§ 6. Die Empfängnis geht nun nach des Varro und des Aristoteles Meinung also vor sich. „Nicht nur die Männer“, behaupten sie, „haben Samen, sondern auch die Frauen, und deshalb kommen sehr häufig Kinder auf die Welt, die den Müttern ähnlich sind. Aber der Samen der letzteren ist gereinigtes Blut. Wenn dieser sich in richtiger Weise mit dem männlichen vermischt, so verdichten sich beide, gerinnen zusammen und nehmen Gestalt an. Und zwar wird zuerst das Herz des Menschen gebildet, weil in ihm das ganze Leben und der ganze Verstand liegt; und schließlich wird das ganze Werk in vierzig Tagen vollendet.“ Das mag vielleicht aus Frühgeburten erschlossen sein.

§ 7. Daß aber bei den jungen Vögeln sich zuerst die Augen bilden, unterliegt keinem Zweifel. Man kann es des öfteren an den Eiern wahrnehmen. Deshalb halte ich es für ausgemacht, daß die [Körper]bildung mit dem Kopf beginnt.

§ 8. Die Ähnlichkeiten aber an den Leibern der Kinder kommen nach ihrer [Varro und Aristoteles] Ansicht folgendermaßen zustande: „Wenn bei der Mischung und Vereinigung des [beiderseitigen] Samens der männliche überwiegt, so ergibt sich ein dem Vater ähnliches männliches oder weibliches Wesen. Überwiegt der weibliche, so entspricht der männliche oder weibliche Sprößling dem Bilde der Mutter.

§ 9. Es erhält aber derjenige [Samen] das Übergewicht, der reichlicher vorhanden war; denn er umfaßt gewissermaßen den andern und schließt ihn ein. Daher ereignet es sich sehr oft, daß [das Kind] nur die Züge von einem [d. h. von Vater oder Mutter] aufweist.

§ 10. Bei gleichmäßiger Samenmischung aber wird auch die Körperbildung eine gemischte, so daß der gemeinsame Sprößling entweder keinem von beiden ähnlich erscheint, weil er nicht von einem alles [angenommen] hat, oder beiden, weil er sich von jedem etwas angeeignet hat,“

§ 11. Denn bei den Tierkörpern sehen wir, wie sich entweder die Farben der Eltern vermischen und etwas Drittes entsteht, das keinem der beiden Lebensspender ähnlich ist, oder wie beider Farben in der Weise wiedergegeben werden, daß die Glieder [des jungen Tieres] verschiedene Farben zeigen und der ganze Körper in harmonischem Farbenspiel gesprenkelt ist.

[S. 265] § 12. Auch ungleiche [d. h. nicht ganz einheitliche] Wesen entstehen, wie sie [Varro und Aristoteles] meinen, auf folgende Weise: „Wenn zufällig in die linke Seite des Uterus männlicher Samen geraten ist, so wird zwar ein männliches Wesen erzeugt, aber, weil es auf der weiblichen Seite empfangen worden, so hat es etwas Weibliches an sich, mehr als die männliche Würde zuläßt, sei es hervorragende Schönheit, sei es blendend weiße Farbe, sei es zarte [glatte] Haut, sei es feine Gliedmaßen, sei es kleinen Wuchs, sei es dünne Stimme, sei es schwachen Mut, sei es mehrere von diesen Eigentümlichkeiten.

§ 13. Desgleichen wird zwar, wenn in die rechte Seite weiblicher Samen geflossen ist, ein weibliches Wesen erzeugt, aber da es auf der männlichen Seite empfangen worden, so hat es etwas Männliches an sich, mehr als das Wesen des Geschlechtes gestattet, entweder starke Gliedmaßen oder übergroße Länge oder dunkle Farbe oder rauhes Äußere oder unschönes Gesicht oder kräftige Stimme oder kühnen Mut oder mehrere von diesen Eigentümlichkeiten.

§ 14. Gelangt aber der männliche Samen auf die rechte, der weibliche auf die linke Seite, so entwickeln sich die Sprößlinge beiderlei Geschlechtes in der richtigen Weise, so daß sowohl den weiblichen durchweg ihre natürliche Anmut, als den männlichen in geistiger und körperlicher Hinsicht die männliche Kraft gewahrt bleibt.“

§ 15. Wie wunderbar ist aber an sich schon die Einrichtung Gottes, daß er zur Erhaltung der einzelnen Arten die beiden Geschlechter, Mann und Weib, geschaffen hat, die, durch Sinnenlust vereint, Ab- und Nachkömmlingen das Leben geben sollten, auf daß nicht jede Art von Lebewesen durch das Gesetz der Sterblichkeit getilgt würde.

§ 16. Aber die Männer haben mehr Kraft erhalten, damit sich die Weiber umso leichter unter das Ehejoch zwingen ließen. Der Mann [vir] ist daher so benannt worden, weil in ihm größere Kraft [vis] wohnt als im Weibe, und davon hat die Mannhaftigkeit [virtus] ihren Namen erhalten.

§ 17. Ebenso kommt nach Varros Erklärung die Bezeichnung des Weibes [mulier, eigentlich „mollier“] von der Weichheit [mollities] her, mit Änderung und Weglassung eines Buchstabens. Wenn letzteres empfangen hat und bereits die Entbindung herannaht, so füllen sich seine schwellenden Brüste mit süßem Safte, und zur Ernährung des Neugeborenen strömen Milchquellen aus dem mütterlichen Herzen. Denn geziemender Weise durfte nur aus dem Herzen [als dem Sitz des Verstandes] das vernunftbegabte Geschöpf seine Nahrung erhalten.

§ 18. Und gerade das ist eine höchst weise Einrichtung, daß die weiße und fette Flüssigkeit den zarten, jungen Körper [S. 266] tränken soll, bis er zur Aufnahme festerer Speisen mit Zähnen und [den nötigen] Kräften ausgestattet wird. Aber wir wollen zu unserem Thema zurückkehren, um das, was noch erübrigt, in Kürze darzulegen!

1: Da der Inhalt dieses Kapitels heikler Natur ist, so wird es im Urtext wiedergegeben [eine deutsche Übersetzung s. am Schlusse des Bandes. C. W. Bearbeiter 2011: in dieser Internetausgabe folgt hier im laufenden Text die deutsche Übersetzung]. Laktanz folgt hier dem Aristoteles, dessen Ansichten über die γένεσις ἀνθρῶπων von der neueren Medizin größtenteils überholt sind, ohne daß jedoch das Wesen der γένεσις nach allen Seiten hin aufgeklärt wäre.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger