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Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

65. Die Unsterblichkeit der Seele.

Es gibt eine Menge von Beweisgründen, aus denen man die Unsterblichkeit der Seele erschließen kann. Plato sagt: Was sich immer durch sich selbst bewegt und keinen Anfang der Bewegung hat, das hat auch kein Ende der Bewegung. Der Geist des Menschen aber bewegt sich immer durch sich selbst; und weil dieser Geist regsam ist im Denken und geschickt im Erfinden, weil er gewandt ist im Auffassen und empfänglich zum Lernen, weil er des Vergangenen sich erinnert, die Gegenwart erfaßt und die Zukunft voraussieht und die Wissenschaft vieler Dinge und Künste umschließt, so muß er unsterblich sein, denn nichts haftet ihm vom Verderben irdischer Schwere an. Außerdem ergibt sich aus der Betrachtung von Tugend und Vergnügen die Unsterblichkeit der Seele. Das Vergnügen ist allen Geschöpfen gemeinsam, die Tugend ist Eigentum des Menschen allein; das Vergnügen ist lasterhaft, die Tugend ehrbar; das Vergnügen schmeichelt der Natur, die Tugend ist der Natur entgegen, wenn die Seele nicht [S. 212] unsterblich ist. Denn die Tugend ist es, die für Treue und Gerechtigkeit nicht Mangel fürchtet und nicht Verbannung scheut, die nicht vor Kerker erschauert, nicht vor Schmerz erbebt, nicht gegen den Tod sich sträubt; und da diese Dinge der Natur geradezu entgegen sind, so ist die Tugend entweder Torheit, wenn sie ein Hindernis für die Annehmlichkeiten bildet und ein Nachteil für das Leben ist; oder wenn sie nicht Torheit ist, so ist folglich die Seele unsterblich und verachtet darum die irdischen Güter, weil es höhere Güter gibt, die sie nach Auflösung ihres Leibes zu erlangen hofft. Auch das ist ein sehr wichtiger Beweis für die Unsterblichkeit, daß der Mensch allein Gott erkennt. In den stummen Tieren ist keine Ahnung von Religion; sie sind von der Erde und zur Erde hingebeugt; der Mensch blickt deshalb aufrecht empor zum Himmel, um Gott zu suchen. Es kann also der nicht sterblich sein, der nach dem unsterblichen Gott sich sehnt; es kann der nicht auflösbar sein, der in Antlitz und Geist mit Gott Gemeinschaft hat. Endlich hat nur der Mensch allein das Element des Himmels, das Feuer, in Gebrauch. Wenn nun aus dem Feuer das Licht und aus dem Licht das Leben entstammt, so ist offenbar der, welcher den Gebrauch des Feuers hat, nicht sterblich; denn er ist mit jenem Element verwandt und vertraut, ohne welches Licht und Leben nicht bestehen kann. Doch was suchen wir aus Beweisgründen die Unsterblichkeit der Seelen zu erschließen, nachdem uns göttliche Zeugnisse zu Gebote stehen? Denn diese Wahrheit lehren uns die heiligen Schriften und die Stimmen der Propheten; und wem dies zu wenig dünkt, der lese die Weissagungen der Sibyllen und ziehe auch die Aussprüche des milesischen Apollo in Erwägung; dann wird er einsehen, daß Demokritus, Epikurus und Dicäarchus von Verstand gewesen sind, die allein von allen Sterblichen die offenkundige Tatsache geleugnet haben.

Nachdem nun der Nachweis der Unsterblichkeit erbracht ist, so obliegt uns noch die Darlegung, von wem sie erteilt wird, wer sie empfängt, auf welche Weise und zu welcher Zeit sie verliehen wird. Wenn die bestimmten und von Gott festgesetzten Zeiten zum Abschluß [S. 213] kommen, so muß der Untergang und die Vollendung der Dinge eintreten, damit die Welt von Gott erneuert werde. Diese Zeit aber ist ganz nahe, soviel sich aus der Zahl der Jahre und aus den Zeichen, die von den Propheten vorausgesagt sind, abnehmen läßt. Weil aber die Aussprüche über das Ende der Welt und den Abschluß der Zeiten unzählige sind, so müssen wir uns auf die bloße Angabe des Inhalts beschränken, da die Anführung der Zeugnisse selbst an kein Ende führen würde. Wer nach diesen Zeugnissen Verlangen trägt und uns selbst weniger glauben will, der wende sich an das Heiligtum der himmlischen Schriften selbst; ihre Zuverlässigkeit wird ihn dann besser unterrichten und vom Irrtum der Philosophen überzeugen, die entweder die Ewigkeit dieser Welt oder endlose Jahrtausende seit ihrer Gründung angenommen haben; denn noch sind sechs Jahrtausende nicht ganz vergangen; ist diese Zahl abgeschlossen, dann erst wird alles Böse verschwinden und die Gerechtigkeit allein herrschen. In welcher Weise dies vor sich gehen wird, will ich nun in kurzem darlegen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger