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Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

56. Die Affekte.

Drei Leidenschaften, um nicht zu sagen drei Furien, sind es, die im Menschen solche Verwirrungen anrichten und ihn manchmal zu solcher Pflichtvergessenheit treiben, daß er weder auf Ruf noch Gefahr mehr achtet: das ist der Zorn, der nach Rache schreit; das ist die Habsucht, die nach Schätzen verlangt; das ist die Sinnlichkeit, die nach Vergnügungen hascht. Diesen Lastern muß man vor allem widerstehen und dieses Gestrüppe ausreißen, wenn die Tugenden angepflanzt werden sollen. Von diesen Trieben glauben die Stoiker, daß man sie mit der Wurzel ausrotten, die Peripatetiker, daß man sie mäßigen müsse; beide nicht richtig. Denn ganz kann man diese Triebe nicht ausrotten; die Natur hat sie eingepflanzt, und sie haben eine festbestimmte und wichtige Aufgabe. Man braucht sie auch nicht abzumindern; denn sind sie Übel, so muß man ganz von ihnen absehen, auch wenn sie mäßig sind; und sind sie Güter, so muß man ungeschmälert von Ihnen Gebrauch machen. Wir fürwahr [S. 198] behaupten, daß man sie weder auszurotten noch abzumindern brauche. Denn sie sind nicht an sich Übel, nachdem sie Gott dem Menschen zu vernünftigen Zwecken eingepflanzt hat; sie sind ihrer Natur nach Güter, weil sie zur Aufrechthaltung des Lebens zugeteilt sind; nur der schlechte Gebrauch macht sie zu Übeln. Wie die Tapferkeit im Kampfe für das Vaterland ein Gut, und im Kampfe gegen das Vaterland ein Übel ist, so werden auch diese Triebe bei der Anwendung für gute Zwecke zu Tugenden, beim Mißbrauch für schlechte Dinge zu Lastern. So hat Gott den Zorn zur Einschränkung der Ausschreitungen und zur Handhabung der Zucht unter den Untergebenen verliehen; die Furcht muß der Zügellosigkeit Schranken setzen und die Vermessenheit im Zaume halten; wer aber diese Schranken nicht kennt, der zürnt den Mitmenschen, die in gleicher und oft auch in höherer Stellung sind; und so läßt man sich zu unmenschlichen Taten fortreißen, so stürzt man sich in blutige Handgemenge und Kriege. Auch die Begierde nach Besitz ist dem Menschen zu dem Zweck verliehen, daß er um den Erwerb der notwendigen Lebensbedürfnisse sich umsehe; wer aber diese Grenzen nicht kennt, der trachtet unersättlich nach Anhäufung von Schätzen; daraus entspringen dann die Giftmischereien, die Vermögensberaubungen, die Fälschungen der Testamente und alle Arten von Betrügereien. Der sinnliche Trieb endlich ist der Nachkommenschaft wegen von Natur aus eingepflanzt; wer aber diese Grenzen nicht fest im Herzen hat, der mißbraucht ihn zum bloßen Vergnügen; daraus entstehen dann die unerlaubten Liebschaften, die Ehebrüche und Schändungen und alle Arten von Verführung. Diese Triebe muß man also innerhalb ihrer Schranken halten und auf den rechten Weg leiten; sind sie dann auch heftig, so bleiben sie doch ohne Schuld.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger