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Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

54. Die zwei Wege des Lebens.

Daß es zwei Wege des menschlichen Lebens gibt, war weder den Philosophen noch den Dichtern unbekannt, aber beide haben sie auf verschiedene Weise angewandt. Die Philosophen nahmen einen Weg der Tätigkeit und einen Weg der Untätigkeit an; aber darin trafen sie weniger das Richtige, daß sie für beide Wege nur die Annehmlichkeiten des irdischen Lebens in Betracht zogen. Besser die Dichter, die von einem Weg der Gerechten und einem Weg der Gottlosen reden; aber darin greifen sie fehl, daß sie beide Wege nicht in das gegenwärtige Leben, sondern in die Unterwelt [S. 195] verlegen. Richtiger urteilen jedenfalls wir, die wir einen Weg des Lebens und einen Weg des Todes annehmen und doch für beide diese Welt zum Schauplatze machen. Aber jener Weg nach rechts, auf dem die Gerechten schreiten, führt nicht ins Elysium, sondern in den Himmel — denn die Gerechten werden unsterblich —, während der Weg nach links in den Tartarus führt; denn die Ungerechten fallen ewigen Qualen anheim. Wir müssen also den Weg der Gerechtigkeit wandeln, der zum Leben führt. Erste Aufgabe der Gerechtigkeit aber ist es, Gott zu erkennen, ihn als Herrn zu fürchten und als Vater zu lieben. Denn der nämliche Gott, der uns geschaffen, der uns mit belebendem Hauche beseelt hat, der uns nährt und erhält, hat gegen uns nicht bloß als Vater, sondern auch als Herr die Befugnis der Züchtigung und die Macht über Leben und Tod; daher gebührt ihm vom Menschen eine doppelte Ehre, d. i. Liebe mit Furcht. Zweite Pflicht der Gerechtigkeit ist es, daß wir im Nebenmenschen den Bruder erkennen. Wenn der nämliche Gott uns gebildet und alle unter gleicher Bedingung zur Gerechtigkeit und zum ewigen Leben geschaffen hat, so sind wir durch brüderliche Zusammengehörigkeit miteinander verbunden; und wer diese nicht anerkennt, ist ungerecht. Aber der Ursprung dieses Übels, durch das die gesellige Verbindung der Menschen und das Band der Zusammengehörigkeit aufgelöst wurde, stammt von der Unkenntnis des wahren Gottes. Wer diesen Quell der Güte nicht kennt, kann unter keiner Bedingung gut sein. Daraus erklärt es sich, daß von der Zeit an, in der die Einführung und Verehrung vieler Götter den Anfang nahm, die Gerechtigkeit, wie die Dichter singen, von der Erde verscheucht, jedes Bündnis zerrissen und die Gemeinsamkeit des menschlichen Rechtes aufgehoben wurde. Damals fing man an, nur mehr für sich zu sorgen und das Recht in der Stärke zu suchen; damals begann man sich wechselseitig zu beeinträchtigen, mit Tücke sich anzugreifen, mit Arglist zu umgarnen; man begann, die eigenen Vorteile auf Kosten anderer zu mehren, nicht Blutsverwandte, nicht Kinder, nicht Eltern zu schonen, zum Giftmord die Becher zu mischen, die Wege mit dem [S. 196] Schwert zu belagern, die Meere unsicher zu machen, der Ausschweifung, wohin immer blinde Leidenschaft trieb, die Zügel zu lockern, kurz nichts für heilig zu halten, was nicht ruchlose Begierlichkeit entweiht hätte. Während solche Zustände herrschten, schufen sich die Menschen Gesetze für die allgemeine Wohlfahrt, um sich inzwischen vor Gewalttätigkeiten zu schützen. Aber die Furcht vor den Gesetzen unterdrückte nicht die Verbrechen, sondern drängte nur die Zügellosigkeit zurück. Die Gesetze konnten nur die Vergehungen strafen, das Gewissen konnten sie nicht strafen. Was vorher offen geschah, begann jetzt heimlich zu geschehen; man wußte auch die Gesetze zu umgehen; die Schützer der Gesetze selbst ließen sich durch Belohnungen und Geschenke bestechen und verkauften ihre Stimmen zur Freilassung der Bösen und zum Verderben der Gerechten. Dazu kamen Zerwürfnisse und Kriege und wechselseitige Plünderungen, und nach Unterdrückung der Gesetze eine Willkürherrschaft, die keine Schranken kannte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger