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Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

52. Die wahre und falsche Weisheit.

[S. 192] Das sind allerdings spitzfindige Sätze, auf die wir jedoch leicht antworten können. Denn nur die Verwechslung der Begriffe trägt die Schuld, daß die Sache in diesem Lichte erscheint. Die Gerechtigkeit hat nämlich den Anschein der Torheit, ohne Torheit zu sein; und die Schlechtigkeit das Aussehen der Weisheit, ohne Weisheit zu sein. Wie diese Bosheit, die für die Wahrung ihrer Vorteile ein so scharfes Verständnis hat, nicht Weisheit, sondern Verschmitztheit und Verschlagenheit ist, so ist auch die Gerechtigkeit nicht Torheit, sondern Schuldlosigkeit zu nennen; denn der Gerechte kann nicht anders als weise, und der Ungerechte nicht anders als töricht sein. Weder Vernunft noch Wirklichkeit gestatten es, dem Gerechten die Weisheit abzusprechen; denn der Gerechte tut einzig nur, was recht und gut ist, und flieht immer das Verkehrte und Schlechte. Wer aber kann Gutes und Böses, Rechtes und Verkehrtes unterscheiden außer der Weise? Der Tor aber handelt darum schlecht, weil er das Wesen des Guten und Bösen nicht kennt; und er verfehlt sich deshalb, weil er Rechtes und Verkehrtes nicht zu unterscheiden vermag. So kann also weder dem Toren die Gerechtigkeit, noch dem Ungerechten die Weisheit zukommen. Der ist demnach nicht töricht, der den Schiffbrüchigen nicht vom Brett und den Schwerverwundeten nicht vom Pferde stößt; denn er will nicht Schaden zufügen, weil dies Sünde ist; das Meiden der Sünde aber ist das Merkmal des Weisen. Daß aber der Weise für den ersten Anblick als töricht erscheint, das liegt in dem Umstand, weil nicht wenige an das Erlöschen der Seele mit dem Leibe glauben; darum kommt für sie nur der Vorteil für das irdische Leben in Betracht. Wenn mit dem Tode alles zu Ende ist, so handelt der allerdings töricht, der das Leben des Nebenmenschen zum Schaden des eigenen schont, der mehr auf fremden Gewinn als auf den eigenen bedacht ist. Wenn der Tod [S. 193] die Seele auslöscht, so braucht man sich nur um ein langes und gemächliches Leben zu bemühen; wenn uns aber nach dem Tode ein Leben erwartet, das ewig und glückselig ist, so wird der Gerechte und Weise dieses leibliche Leben mit allen Gütern der Erde geringschätzen, weil er weiß, welche Belohnung er von Gott empfangen soll. Halten wir also an der Schuldlosigkeit, halten wir an der Gerechtigkeit fest; nehmen wir den Anschein der Torheit auf uns, um die wahre Weisheit behaupten zu können. Und wenn es den Menschen albern und töricht erscheint, lieber Marter und Tod auf sich zu nehmen, als den Göttern zu opfern und heil und wohl davonzukommen, so wollen wir uns mit aller Kraft und aller Geduld bemühen, Gott die Treue zu wahren. Nicht darf der Tod uns schrecken, nicht der Schmerz uns beugen; wir müssen die Kraft des Geistes und die Standhaftigkeit unerschütterlich bewahren. Mögen sie uns dann Toren schelten, wenn nur sie selbst die größten Toren sind, wenn sie blind und stumpf und unvernünftigen Tieren gleich sind, sie, die nicht einsehen, daß es zum Tode führt, den lebendigen Gott zu verlassen und sich vor irdischen Dingen in den Staub zu werfen; sie, die nicht wissen, daß ewige Strafe jener wartet, die empfindungslose Gebilde anbeten, und daß die bereitwillige Übernahme von Martern und Tod für den Dienst und die Ehre des wahren Gottes das immerwährende Leben zur Folge hat. Das ist die höchste Treue, das die wahre Weisheit, das die vollkommene Gerechtigkeit. Es läßt uns unbekümmert, was Toren über uns urteilen oder was armselige Menschen von uns denken; wir müssen das Urteil Gottes abwarten, um hernach über unsere Richter richten zu können.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger