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Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

24. Das Gute und das Böse.

Man wird einwenden: Warum läßt denn der wahre Gott diese Dinge geschehen? Warum beseitigt oder vernichtet er nicht lieber die Argen? Warum hat er vielmehr selbst den obersten der Dämonen von Anfang an geschaffen, damit es nicht an dem gebreche, der alles zugrunde richtet und verdirbt? Ich will kurz den Grund angeben, warum Gott das Dasein eines solchen Dämons gewollt hat. Ich frage: Ist die Tugend ein Gut oder ein Übel?1 Unbestreitbar ein Gut. Wenn die Tugend ein Gut ist, so ist das Gegenteil der Tugend, das Laster, ein Übel. Wenn das Laster darum ein Übel ist, weil es die Tugend bekämpft, und die Tugend darum ein Gut, weil sie dem Laster widerstreitet, so kann also die [S. 155] Tugend ohne das Laster nicht bestehen; nimmt man das Laster hinweg, so nimmt man auch das Verdienst der Tugend hinweg; denn es kann keinen Sieg geben ohne Feind. Daraus ergibt sich, daß das Gute ohne das Böse nicht bestehen kann. Dies hat Chrysippus2 in seinem Scharfsinne erkannt; und in seiner Abhandlung über die Vorsehung zeiht er jene der Torheit, die wohl das Gute von Gott geschaffen sein lassen, nicht aber auch das Böse. Die Anschauungen des Chrysippus hat A. Gellius3 in den "Attischen Nächten" dargelegt mit den Worten: "Die Männer, die nicht annehmen, daß die Welt um Gottes und der Menschen willen geschaffen ist und daß die menschlichen Dinge von der Vorsehung gelenkt werden, glauben einen wichtigen Beweisgrund anzuführen, wenn sie sagen: 'Gäbe es eine Vorsehung, so würde es keine Übel geben; denn nichts verträgt sich weniger mit der Vorsehung, als daß es in einer Welt, die um der Menschen willen geschaffen sein soll, eine solche Unmasse von Mühseligkeiten und Leiden gebe.' Gegen diesen Einwurf wendet sich Chrysippus im vierten Buche seiner Abhandlung über die Vorsehung, indem er sagt: 'Nichts ist geistloser als die Annahme, daß es hätte Güter geben können, wenn es nicht zugleich auch Übel gäbe. Denn da Güter und Übel entgegengesetzt sind, so müssen sie beiderseitig zueinander im Gegensatz stehen und wie durch wechselseitigen Druck und Gegendruck sich stützen und halten; so wenig kann etwas entgegengesetzt sein, ohne daß ein anderes entgegensteht. Wie hätte der Begriff der Gerechtigkeit entstehen können, wenn es nicht Ungerechtigkeiten gäbe? Oder was ist die Gerechtigkeit anders als die Verneinung der Ungerechtigkeit? Wie könnte man sich die Tapferkeit denken ohne Gegenüberstellung der Feigheit, wie die Selbstbeherrschung ohne die Unenthaltsamkeit, wie endlich die Klugheit, wenn nicht die Unklugheit gegenüberstünde? Törichte Menschen', ruft Chrysippus [S. 156] aus, 'die nicht auch das noch verlangen, daß es eine Wahrheit geben soll und eine Lüge nicht geben soll. Denn zugleich bestehen Güter und Übel, Glück und Unglück, Lust und Schmerz; das eine ist an das andere, wie Plato sagt, Schopf an Schopf gebunden; nimmt man das eine hinweg, so hat man beide hinweggenommen'."4

Du siehst also, daß, wie oft bemerkt, das Gute und das Böse so miteinander verknüpft sind, daß das eine ohne das andere nicht bestehen kann. Mit höchster Weisheit hat daher Gott den Stoff, aus dem die Tugend sich aufbaut, in das Böse verlegt; und das Böse hat Gott darum gemacht5, um uns Gelegenheit zum Wettkampf zu geben und die Sieger mit dem Lohn der Unsterblichkeit zu krönen.

1: Zwischen dem physischen und moralischen Guten und Bösen ist hier nicht näher unterschieden. Auch sieht der Verfasser bei der Begründung des Bösen von der Offenbarung ab.
2: Geb. um 280 v. Chr., Schüler des Zeno, des Begründers der stoischen Schule.
3: Aulus Gellius, römischer Grammatiker des zweiten Jahrhunderts n. Chr.
4: Diese Ausführungen, die den Gegensatz zwischen Gut und Bös aus der begrifflichen Gegenüberstellung zu erklären suchen, waren zwar bei der griechischen Spitzfindigkeit sehr beliebt, entsprechen aber nicht der Wirklichkeit der Dinge. Denn die positiven und negativen Begriffe stehen einander nicht ebenbürtig gegenüber. Die Wahrheit ist älter als die Verletzung der Wahrheit, die Lüge; man kann daher nicht sagen, daß es ohne die Lüge eine Wahrheit nicht geben kann. Das Eigentum ist älter als der Diebstahl; man kann daher wieder nicht sagen, daß es ohne den Diebstahl kein Eigentum, oder daß es ohne die Ungerechtigkeit kein Recht geben könne, usw.
5: Weish. 1, 13: "Gott hat den Tod nicht gemacht." Indes ist an obiger Stelle mehr von Zulassung die Rede.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger