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Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

20. Das goldene Zeitalter.

Mit Recht erzählen daher die Dichter von der [S. 148] Umwandlung des goldenen Zeitalters, das unter Saturn bestanden habe. Damals verehrte man noch keine Götter, sondern kannte nur den einen und alleinigen Gott. Nachdem sich aber die Menschen unter irdische und gebrechliche Dinge gebeugt hatten und Gebilde von Holz, Erz und Stein göttlich verehrten, trat die Umwandlung des Zeitalters ein bis herab zum Eisen. Nachdem die Kenntnis Gottes entschwunden und jenes einzige Band der menschlichen Zusammengehörigkeit zerrissen war, da begann man sich wechselseitig zu verderben, auszuplündern und auf Leben und Tod zu bekriegen. Ja hätten die Menschen nach aufwärts ihre Augen erhoben und den Blick auf Gott gerichtet, der sie zum Anblick des Himmels und Gottes aufrecht erschaffen hat, so würden sie sich niemals zur Verehrung des Irdischen in den Staub gebückt und erniedrigt haben. Gegen ihre Torheit erhebt Lukretius1 schwere Anklage mit den Worten:
"Und sie rauben dem Geist die Würde aus Scheu
vor den Göttern,
Beugen und drücken ihn nieder zur Erde",...2
auf der sie kriechen; und sie sehen nicht ein, wie nichtig die Furcht vor Bildern ist, die man selbst gemacht hat, wie vergeblich die Hoffnung auf Götter ist, die stumm und empfindungslos sind und weder Auge noch Ohr haben für fremdes Flehen. Was kann denn Erhabenes und Göttliches in Bildern liegen, die nicht zu machen oder anders zu machen dem Menschen völlig anheimgegeben war und jetzt noch ist? Diese Bilder können beschädigt und entwendet werden, wenn nicht Gesetz und menschliche Obhut sie schützt. Kann man nun den [S. 149] für recht bei Verstand erachten, der solchen Gebilden feiste Opfertiere schlachtet, Weihgeschenke darbringt, kostbare Gewänder opfert, als könnten sie, die regungslosen, davon Gebrauch machen? Mit Recht hat Dionysius, der Herrscher Siziliens, die Götter Griechenlands nach seinem siegreichen Einzuge in das Land beraubt und verlacht; und nach den Tempelräubereien, die er auf sich geladen, kehrte er in glücklicher Seefahrt nach Sizilien zurück und behauptete die Herrschaft bis ins hohe Alter, ohne daß die verunehrten Götter ihn strafen konnten. Um wieviel geratener ist es, die nichtigen Gebilde zu verachten, den Sinn zu Gott zu wenden, die Stellung aufrechtzuerhalten, die wir von Gott empfangen haben, und unserem Namen Ehre zu machen; denn ἄνθρωπος3 wird der Mensch genannt, weil er aufwärts blickt. Nach oben aber blickt der, welcher zum wahren und lebendigen Gott, der im Himmel ist, emporschaut, welcher den Schöpfer und Vater seiner Seele nicht bloß mit Herz und Sinn, sondern auch mit Erhebung des Antlitzes und der Augen sucht. Wer aber vor irdischen und niedrigen Gebilden sich beugt, der zieht seiner eigenen Würde das Geringere vor. Denn der Mensch ist das Werk Gottes, das Götterbild aber ist das Werk des Menschen; man darf also nicht dem menschlichen Werke vor dem göttlichen den Vorzug geben; und wie Gott der Vater des Menschen ist, so ist der Mensch der Urheber des Bildes. Es ist demnach töricht und unverständig, das anzubeten, was man selbst gefertigt hat. Urheber dieser verabscheuenswerten und ungebührlichen Kunstfertigkeit war Prometheus, der Sohn des Japetus, des väterlichen Oheims Jupiters. Als nämlich Jupiter gleich nach Erlangung der Oberherrschaft sich zum Gott zu erheben und sich zu Ehren Tempel zu erbauen gedachte, suchte er nach einem Künstler, der die menschliche Gestalt im Bilde auszudrücken vermöchte. Da trat Prometheus auf, um das Abbild des Menschen aus fettem Lehm zu gestalten; und er tat es so lebenswahr, daß die Neuheit und Feinheit der Kunst Verwunderung [S. 150] erregte. Darum haben ihn seine Zeitgenossen und nachher die Dichter für den Bildner des wahren und lebendigen Menschen ausgegeben, gleichwie auch wir zum Lob kunstreich gefertigter Bilder sagen, daß sie leben und atmen. Prometheus nun war der Urheber der Bildnisse aus Ton; die nachfolgenden Künstler meißelten auch Bilder aus Marmor und gossen sie aus Erz; im Verlauf der Zeit kam dann noch der Schmuck von Gold und Elfenbein hinzu, so daß nicht mehr bloß die Ähnlichkeit, sondern auch der Glanz und Schimmer die Augen berückte. So ließen sich die Menschen von der Schönheit verlocken, um die wahre Erhabenheit zu vergessen; und so kam es, daß vom Empfindenden das Empfindungslose, von der Vernunft das Unvernünftige, vom Leben das Unbelebte zur Verehrung und Anbetung gewählt wurde.

1: T. Lukretius Carus, c. 96—55 v. Chr., Verfasser des noch erhaltenen Gedichts De rerum natura. Seine Anschauungen sind rein materialistisch. Epikur ist ihm der große Wohltäter, der die Menschen aus den Finsternissen des Götterglaubens herausgerissen und ins helle Licht der atomistischen Welterklärung geführt hat. — Die epikureische Philosophie selbst nennt Cicero zu seiner Zeit die verbreitetste in Italien (celebrior per Italiam disciplina) "wegen der leichten Verständlichkeit und Anwendbarkeit". — Lukretius starb im Alter von 41 Jahren durch Selbstmord.
2: Lukr. VI 52.
3: Nach der mehr poetischen Ableitung in Platos Cratylus von ἄναθρειν = nach oben blicken.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger