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Laktanz († nach 317) - Vom Zorne Gottes (De ira dei)

7. Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Oftmals sind die Philosophen aus Unkenntnis der Wahrheit vom Wege der Vernunft abgewichen und in unentwirrbare Irrtümer geraten; — es geht ihnen nämlich gerade so wie dem Wanderer, der den Weg nicht [S. 79] weiß und seine Unkenntnis nicht eingestehen will; er wird zwecklos herumschweifen, während er die ihm in den Weg Kommenden zu fragen sich schämt; — doch hat kein Philosoph jemals behauptet, daß zwischen Mensch und Tier kein Unterschied ist. Und überhaupt hat nie jemand, der sich nur einigen Anschein von Weisheit geben wollte, das vernunftbegabte Wesen mit den stummen und vernunftlosen Geschöpfen auf gleiche Stufe gestellt. Das tun nur einige Unwissende, die selbst in die Reihe der Tiere gehören. Da sie sich ganz dem Essen und Trinken und dem Wohlleben überlassen wollen, so behaupten sie, daß auch sie keine andere Bestimmung auf Erden hätten wie alles übrige, was da lebt und atmet — eine Sprache, wie sie der Mensch nicht führen darf. Denn wer ist so ununterrichtet, um nicht zu wissen, wer so unverständig, um nicht zu erkennen, daß im Menschen etwas Göttliches liegt? Ich komme noch nicht zu den Vorzügen der Seele und des Geistes, durch die der Mensch eine offenkundige Verwandtschaft mit Gott hat; ich frage nur: läßt nicht schon die Stellung des Leibes und die Gestaltung des Antlitzes klar ersehen, daß wir nicht mit den stummen Tieren auf gleicher Stufe stehen? Die Natur des Tieres ist abwärts zum Futter und zur Erde gerichtet und hat nichts mit dem Himmel gemein, zu dem sie nicht emporschaut. Der Mensch aber in seiner aufrechten Stellung, mit dem emporgerichteten Antlitz ist zur Betrachtung des Weltalls geschaffen und tauscht mit Gott den Blick, und Vernunft erkennt die Vernunft. Darum gibt es, wie Cicero sagt, kein Geschöpf auf Erden außer dem Menschen, das auch nur die geringste Kenntnis von Gott hätte. Der Mensch allein ist mit Vernunft ausgestattet, um allein die Religion, das Pflichtverhältnis gegen Gott zu erkennen, und das ist zwischen Mensch und Tier der wesentlichste, um nicht zu sagen der einzige Unterschied. Das übrige, was den Menschen ausschließlich eigen zu sein scheint, findet sich, wenn auch nicht in gleicher, so doch in ähnlicher Beschaffenheit auch an den Tieren. Dem Menschen eigentümlich ist die Sprache; doch finden wir auch an den Tieren etwas der Sprache Ähnliches; denn sie erkennen sich wechselseitig an den [S. 80] Lauten; und wenn sie zürnen, so geben sie einen Ton von sich, der auf Zank und Streit hinweist; und wenn sie sich nach längerer Zwischenzeit wieder sehen, so geben sie dem freudigen Willkomm mit der Stimme Ausdruck. Uns zwar erscheinen ihre Laute ungeschlacht, wie vielleicht auch ihnen die unsrigen, aber für die Tiere selbst, die sich verstehen, sind sie Worte. Sodann bringen sie bei jeder Erregung durch Zeichen bestimmte Kundgebungen zum Ausdruck, womit sie den inneren Zustand anzeigen. Auch das Lachen ist den Menschen eigentümlich; und doch sehen wir auch in anderen Wesen gewisse Zeichen der Fröhlichkeit, so wenn sie zu Scherz und Spiel sich munter regen, wenn sie die Ohren senken, den Rachen schließen, die Stirne glätten und mit den Augen schalkhaft blinzeln. Was ist dem Menschen so eigentümlich als Bedachtnahme und Fürsorge für die Zukunft? Und doch gibt es auch Tiere, die für ihre Verstecke eine größere Anzahl Ausgänge nach verschiedenen Richtungen hin anlegen, damit beim Eintritt der Gefahr für die Belagerten ein Ausweg offen stehe; das würden sie nicht tun, wenn ihnen nicht Einsicht und Überlegung innewohnte. Andere sehen sich für die Zukunft vor, wie die Ameisen, wenn sie

.... „gewaltige Haufen des Speltes
Plündern des Winters gedenkend und in der
Behausung verwahren“1,

oder wie die Bienen, welche

„Kennen ihr eigenes Heim und bestimmte
häusliche Götter,
Und des kommenden Winters gedenkend sich
emsig im Sommer
Müh'n und zum allgemeinen Bedarf das
Erworbene bergen“2.

Es wäre zu umständlich, alles anzuführen, was die einzelnen Gattungen der Tiere zu tun pflegen, und was oft dem menschlichen Erfindungsgeist sehr nahe kommt. Wenn sich nun von allen Eigenschaften, die man gewöhnlich dem Menschen zuschreibt, auch an den Tieren einige Ähnlichkeit findet, so liegt es klar am Tage, daß [S. 81] es die Religion allein ist, von der sich bei den Tieren keine Spur und nicht die geringste Ahnung finden läßt. Ein Ausfluß der Religion ist die Gerechtigkeit, von der kein anderes Geschöpf eine Vorstellung hat. Denn der Mensch allein hat auch für andere ein Herz; die Tiere kennen nur die Sorge für sich. Einen Bestandteil der Gerechtigkeit bildet der Dienst Gottes; wer sich diesem Dienst nicht unterzieht, der hat von der Natur der Menschen sich losgesagt und lebt unter menschlicher Gestalt das Leben der Tiere. Da nun dies fast der einzige Unterschied ist, der uns von den übrigen Geschöpfen unterscheidet, daß wir allein von allen die göttliche Kraft und Macht erkennen, während in den Tieren keine Spur von Erkenntnis Gottes ist, so ist es sicherlich ganz ausgeschlossen, daß hierin die stummen Tiere vernünftiger sind, während die menschliche Natur unvernünftig wäre; denn der Mensch verdankt es gerade seiner Vernunft, daß ihm alles, was atmet, und das ganze Weltall unterworfen ist. Wenn daher die Vernunft und Wesensbeschaffenheit des Menschen gerade dadurch den übrigen Geschöpfen an Würde und Bedeutung vorangeht, daß er allein der Kenntnis Gottes fähig ist, so liegt es auf der Hand, daß die Religion auf keine Weise aufgehoben werden kann.

1: Aen. IV 402.
2: Virg. Georg IV 155 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger