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Laktanz († nach 317) - Vom Zorne Gottes (De ira dei)

4. Widerlegung Epikurs.

Der folgende zweite Punkt ist aus der Schule Epikurs1: „Wie der Zorn nicht in Gott ist, so auch nicht die Gnade.“ Epikur war der Ansicht, es sei mit der Gottheit unvereinbar, Übel und Schaden zuzufügen, weil dies zumeist aus der Aufregung des Zornes hervorgeht; darum benahm er Gott auch das Wohltun; denn es schien ihm folgerichtig: wenn Gott Zorn habe, so müsse er auch Gnade haben. Um daher Gott nicht ein Gebrechen einräumen zu müssen, hat er ihn auch des Vorzugs beraubt, „Gerade darum“, sagt er, „ist Gott glückselig und vom Verderbnis unberührt, weil er um nichts sich kümmert und weder selbst Mühsal hat, noch jemand Mühsal verursacht.“ Dann ist er auch nicht Gott, wenn er sich weder regt — was das Zeichen des Lebens ist —, noch etwas dem Menschen Unmögliches wirkt — was das Merkmal der Gottheit ist —, wenn er überhaupt keinen Willen, keine Tätigkeit, keine Verwaltung hat, [S. 74] die Gottes würdig wäre. Und welch größere, welch würdigere Verwaltung kann Gott zuerkannt werden als die Lenkung des Weltalls, als die Sorge für alles Lebende und vor allem für das menschliche Geschlecht, dem alles Irdische unterworfen ist? Was kann in Gott für eine Glückseligkeit sein, wenn er immer unbeweglich und regungslos starrt, wenn er taub ist für unsere Bitten und blind für unsere Verehrung? Was ist Gottes so würdig, was der Gottheit so wesentlich als die Fürsorge? Wenn Gott sich um nichts kümmert, wenn er für nichts Fürsorge trägt, so hat er alle Göttlichkeit eingebüßt. Wer Gott die ganze Wirksamkeit, die ganze Wesenheit abspricht, was sagt dieser anders als: „Es gibt überhaupt keinen Gott?“ Markus Tullius führt eine Äußerung des Posidonius an, nach der es wirklich die Ansicht Epikurs gewesen sei, daß es keine Götter gebe; was er über die Götter vorgebracht, habe er nur zur Vermeidung der Mißgunst gesprochen; daher belasse er den Worten nach die Götter, in der Wirklichkeit hebe er sie auf; denn er erkennt ihnen keine Bewegung und keine Betätigung zu. Wenn dem so ist, was ist dann falscher als Epikur? Falschheit aber verträgt sich nicht mit dem weisen und ernsten Manne. Wenn Epikur anders gedacht und anders gesprochen hat, was ist er dann anders zu nennen als trügerisch, doppelzüngig und böswillig und darum töricht? Indes war Epikur nicht so verschlagen, um in der Absicht der Täuschung so zu sprechen, zumal da er diese Aussprüche auch in Schriften zu immerwährendem Andenken niedergelegt hat. Es war die Unkenntnis der Wahrheit, die ihn irreführte. Denn er ließ sich von Anfang an durch die Wahrscheinlichkeit eines einzigen Satzes verleiten und geriet so notwendig in die Folgerungen hinein. Der erste Satz aber war, daß sich der Zorn für Gott nicht schicke. Dieser Satz schien ihm wahr und unwiderleglich zu sein, und so konnte er sich auch der Folgerungen nicht mehr erwehren; nachdem er einen Affekt von Gott ausgeschieden, zwang ihn die unvermeidliche Notwendigkeit, ihm auch die übrigen Affekte abzusprechen. Wer nicht zürnt, der wird auch nicht von Gnade bewegt; denn Gnade ist das Gegenteil von Zorn. In wem aber [S. 75] weder Zorn noch Gnade ist, in dem ist auch nicht Furcht und Freude, nicht Betrübnis und Mitleid. Denn auf einer Grundlage beruhen die sämtlichen Affekte, und aus einer Erregung gehen sie hervor, und von dieser kann nach Epikur bei Gott nicht die Rede sein. Wenn also keinerlei Affekt in Gott ist, weil alles, was Eindrücken unterliegt, schwächlich ist, so ist auch keine Sorge um irgendein Ding und keine Vorsehung in Gott. Bis hierher gelangte die Untersuchung des weisen Mannes; was weiter sich ergibt, hat er verschwiegen, nämlich: Wenn in Gott keine Sorge und keine Vorsehung ist, so ist auch kein Gedanke und keine Empfindung in ihm; daraus folgt, daß Gott überhaupt nicht ist. Nachdem so Epikur stufenweise hinabgestiegen, blieb er auf der letzten Stufe stehen, weil er bereits den Abgrund vor sich sah. Aber was nützt es zu schweigen und die Gefahr zu verheimlichen? Die Notwendigkeit hat ihn auch wider Willen zum Sturze gebracht. Denn er hat ausgesprochen, was nicht in seinem Willen lag, weil er die Beweisführung so angelegt hat, daß er notwendig zum Schlusse kommen mußte, den er vermeiden wollte. Du siehst also, wohin man gelangt, wenn man den Zorn wegnimmt und der Gottheit abspricht. Freilich glaubt dies niemand oder nur gar wenige, und zwar Frevler und Bösewichte, die für ihre Sünden Ungestraftheit erhoffen. Wenn nun auch das sich als falsch erweist, daß in Gott weder Zorn noch Gnade ist, so wollen wir nun zu dem kommen, was wir an dritter Stelle gesetzt haben.

1: Griechischer Philosoph, geb. 342 v. Chr. zu Samos. gest. 271 zu Athen, Stifter der nach ihm benannten epikureischen Schule, die die Lust als höchstes Gut annahm.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger