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Laktanz († nach 317) - Vom Zorne Gottes (De ira dei)

23. Aussprüche anderer Sibyllen.

Weil indes die gelehrtesten Schriftsteller von mehreren Sibyllen berichten, so dürfte das Zeugnis einer einzigen nicht genügen, um unserer Ansicht gemäß den vollen Beweis der Wahrheit zu erbringen. Die Bücher der Sibylla von Cumä, in denen die Schicksale der Römer verzeichnet sind, werden geheim gehalten; für die Bücher fast aller übrigen gibt es kein Verbot, das den allgemeinen Gebrauch untersagte. Von diesen Sibyllen kündigt die eine allen Völkern den Zorn Gottes an wegen der Ruchlosigkeit der Menschen und beginnt in folgender Weise:

„Ehe der mächtige Zorn der letzten Tage
hereinbricht

Über die trotzige Welt, verkünd' ich die
Drohungen Gottes,

Künde der Zukunft Schrecken voraus den
Bewohnern der Erde.“

Eine andere Sibylla erklärt, daß Gottes Unwille wider die Ungerechten in der früheren Weltzeit die Sündflut heraufgeführt hat, um der Bosheit des menschlichen Geschlechtes ein Ende zu machen. Denn sie sagt:

„Als der himmlische Gott von heiligem Zorne
entbrannt war

Wider das ganze Geschlecht, die Städte mitsamt
den Bewohnern,

Brach die Sündflut herein, und Meer bedeckte die
Länder.“

Auf ähnliche Weise hat sie den künftigen Weltbrand [S. 123] geweissagt, der wiederum der Gottlosigkeit der Menschen ein Ziel setzen sollte:

„Dann wird man nimmer an Gott die Güte und
Milde erfahren,

Sondern die Wucht des Zorns, mit dem er auf
einmal der Menschen

Ganzes Geschlecht austilgt in der schrecklichen
Lohe des Weltbrands.“

Daher heißt es bei Naso1 von Jupiter:

„Auch erinnert sich Zeus des Spruchs in den
Büchern des Schicksals:

Einst wird kommen die Zeit, wo die Erde, das
Meer und des Himmels

Burg wird vom Brande erfaßt und des Weltalls
Bau in Gefahr kommt“2.

Dies muß dann eintreten, wenn die Verehrung und der Dienst des höchsten Gottes bei den Menschen verschwunden ist. Doch beteuert die nämliche Sibylla, daß Gott durch Reue über das Vergangene und durch Besserung des Lebens sich besänftigen lasse, indem sie beifügt:

„Ach, ihr Armen, nun ändert den Sinn und
erreget nicht fürder
Gottes des Mächtigen Zorn.“

Und gleich nachher:

„Nicht wird Gott euch verderben, und wiederum
lassen vom Zorne,

Wenn ihr mit Herz und Sinn preiswürdige
Frömmigkeit übet.“

Endlich verkündet eine dritte Sibylla, daß man Gott, den Schöpfer der himmlischen und irdischen Dinge, lieben müsse, damit nicht zum Verderben der Menschen sich sein Unmut erhebe; denn sie mahnt:

„Daß nicht, von Groll erfaßt, der Unsterbliche
gänzlich verderbe

Das gesamte Geschlecht, und die schamlose
Gattung vertilge,

[S. 124] Das muß die Liebe verhüten zum weisen und
ewigen Schöpfer.“

Daraus ersieht man, wie nichtig die Beweisgründe der Philosophen sind, die Gott den Zorn absprechen, und die unter den Vorzügen Gottes auch das anführen, was von allem das Unnützeste ist, dagegen Gott das entziehen, was für die menschlichen Dinge das Heilsamste ist, und worauf die Majestät selbst sich gründet. Wenn Macht und Herrschaft auf Erden nicht von Furcht bewacht wird, so ist sie ohne Bestand. Nimm dem Könige den Zorn, und niemand wird ihm mehr gehorchen, ja er wird vom Throne herabgestürzt werden. Entreiße dem gewöhnlichen Manne den Trieb des Zornes, und wer wird ihn nicht berauben, wer ihn nicht verspotten und mißhandeln? Er wird weder Kleidung noch Wohnsitz oder Unterhalt mehr behaupten können; andere werden seine ganze Habe an sich reißen; und da sollten wir glauben, daß die Hoheit des himmlischen Königs ohne Zorn und Furcht bestehen könnte? Als der milesische Apollo über die Religion der Juden befragt wurde, führte er in seiner Antwort folgendes auf:

„Er ist der mächtige Gott, der König und
Schöpfer des Weltalls;

Vor ihm erbebt die Erde, das Meer und die
Räume der Himmel

Und der Unterwelt Tiefen, vor ihm erschauern
die Geister.“

Wenn Gott so gelassen ist, wie die Philosophen ihn darstellen, warum erzittern dann auf seinen Wink nicht bloß die Dämonen, die Diener einer so großen Macht, sondern auch Himmel und Erde und das ganze All der Dinge? Niemand ist dem andern untergeben außer aus Zwang; alle Herrschaft gründet sich auf Furcht, und die Furcht auf Zorn. Wenn niemand dem Ungehorsamen zürnt, so kann nichts ihn zum Gehorsam zwingen. Es befrage nur jeder seine eigenen Neigungen; dann wird er einsehen, daß man niemand ohne Zorn und Züchtigung unter das Joch der Herrschaft beugen kann. Wo kein Zorn, da ist auch keine Herrschaft. Gott aber hat eine Herrschaft; darum muß er auch Zorn haben, der die Grundlage der Herrschaft ist.

1: P. Ovidius Naso, der Dichter der Metamorphosen. Er starb 16 n. Chr. in der Verbannung zu Tomi am Schwarzen Meer.
2: Metam. I 256 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger