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Laktanz († nach 317) - Vom Zorne Gottes (De ira dei)

21. Das göttliche Verbot des Zornes.

Es erübrigt uns nur noch eine und die letzte Frage. Man könnte vielleicht einwenden: Gott zürnt so wenig, daß er sogar in seinen Geboten dem Menschen den Zorn verbietet. Ich könnte erwidern: Dies geschah, weil der Zorn des Menschen des Zügels bedurfte; denn der Mensch zürnt oft ungerecht und unterliegt der augenblicklichen Aufwallung, weil er zeitlich ist. Um also [S. 119] Dinge zu verhüten, wie sie im Zorn von Leuten niedrigen und mittleren Standes und auch von großen Königen oft geschehen, so mußte der Wut des Menschen Schranke gesetzt werden, damit er nicht etwa, seines Verstandes unmächtig, irgendeine unsühnbare Tat vollbringe. Gott aber zürnt nicht für den Augenblick, weil er ewig und von vollkommener Tugend ist; und er zürnt niemals ohne Gebühr. Aber doch verhält sich die Sache nicht so. Denn würde Gott ganz allgemein das Zürnen verbieten, so wäre er selbst gewissermaßen zum Tadler seines Schöpfungswerkes geworden; denn er hat von Anfang an den Zorn in den Menschen gelegt; man glaubt ja, daß die Ursache dieser Erregung in der Flüssigkeit der Galle zu finden ist. Nicht ganz und gar verbietet also Gott das Zürnen; denn dieser Trieb liegt unaustilgbar im Menschen; Gott verbietet nur das Verbleiben im Zorne; denn der Zorn der Sterblichen muß sterblich sein; würde er fortdauern, so würden die Feindschaften sich festsetzen zu immerwährendem Verderben. Und wenn Gott uns wiederum gebietet, zwar zu zürnen, aber nicht zu sündigen1, so wollte er damit sicherlich nicht den Zorn mit der Wurzel ausrotten, sondern nur mäßigen, damit wir bei jeder Züchtigung Maß und Gerechtigkeit einhielten. Wenn uns Gott demnach zu zürnen befiehlt, so zürnt er sicherlich auch selbst; und wenn er uns rasche Versöhnung gebietet, so ist er jedenfalls auch selbst versöhnlich; denn er gebietet nur das, was gerecht ist und was zum allgemeinen Besten dient. Wenn ich indes bemerkt habe, daß der Zorn Gottes nicht zeitlich ist wie der Zorn des Menschen, weil der Mensch in augenblicklicher Erregung aufbraust und sich wegen der Gebrechlichkeit nicht leicht beherrschen kann, so müssen wir das so verstehen: Weil Gott ewig ist, bleibt auch sein Zorn für ewig; und wiederum: Weil Gott mit höchster Tugend ausgestattet ist, so hat er auch seinen Zorn in der Gewalt; er wird nicht vom Zorn beherrscht, sondern lenkt den Zorn nach seinem eigenen Wohlgefallen; und dies widerstreitet sicher nicht dem obigen Worte, daß Gottes [S. 120] Zorn nicht zeitlich ist. Denn wäre der Zorn Gottes schlechthin unvergänglich, so gäbe es nach der Versündigung keinen Raum mehr für Genugtuung und Gnade; und doch befiehlt Gott selbst dem Menschen, sich vor Sonnenuntergang zu versöhnen; vielmehr bleibt der Zorn Gottes für immer nur wider die, welche immerdar sündigen. Daher wird Gott nicht durch Weihrauch, nicht durch Opfer, nicht durch kostbare Geschenke besänftigt, lauter Dinge, die vergänglich sind, sondern durch Änderung des Lebens; und wer zu sündigen aufhört, der macht den Zorn Gottes vergänglich. Denn darum straft Gott nicht augenblicklich den Schuldigen, damit der Mensch die Möglichkeit habe, in sich zu gehen und sein Leben zu bessern.

1: Ps. 4, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger