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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Neunzigste Homilie. Kap.XXVIII,V.11 Schluß.

3.

Oder sind es denn schwere Gebote, die uns gegeben sind? Sollen wir etwa Berge spalten, oder die Luft durchfliegen, oder über das Tyrrhenische Meer setzen? Keine Rede! So leicht ist uns vielmehr unser Leben gemacht, dass wir nicht einmal Werkzeuge dazu brauchen, es genügt die Seele und die Gesinnung allein. Was für Werkzeuge hatten denn die Apostel, als sie so Großes vollbrachten? Zogen sie nicht vielmehr bloß mit einem Gewande angetan und barfuß umher und überwanden doch alle Welt? Welches Gebot wäre denn schwer: Etwa: hasse niemanden, rede von niemand schlecht? Das Gegenteil davon ist viel eher schwer. Aber, heißt es, der Herr hat befohlen, das Vermögen zu opfern. Das ist also eine Last? Zunächst hat er das gar nicht geboten, sondern nur geraten. Allein, wenn es auch ein Gebot wäre, ist es denn so schwer, ohne Bürde und ungelegene Sorgen zu leben? Aber freilich, arm war Elisäus und gelangte zu Ruhm; arm waren Johannes und die Apostel alle; habsüchtig dagegen waren Achab, Jezabel, Giezi, Judas, Nero, Kaiphas und sie wurden verdammt. Aber wir wollen nicht nur die Leute, die in der Armut sich hervortaten, betrachten, sondern, wenn es euch recht ist, auch die Schönheit dieser Jungfrau selbst ins Auge fassen. Ihr Auge ist hell und klar, nicht düster, wie bei der Habgier, wo es bald im Zorn hervorquillt, bald vor Wonne funkelt, bald wieder vor Gier flimmert. Nicht so ist das Auge der Armut, sondern freundlich, ruhig, voll Liebe im Blick, mild, gewinnend gegen alle, ohne Haß, ohne Abneigung gegen irgendeinen. Wo Geld ist, da findet der Haß und alle möglichen Feindschaften Nahrung. Der Mund ist bei den Habsüchtigen voll Schimpf, Dünkel, Prahlerei, Fluch und Falschheit; bei denfreiwilligen Armen ist Mund und Zunge gesund, voll ununterbrochener Danksagung, Segnung, gewinnender, liebevoller, dienstfertiger Worte, voll Lob und Verherrlichung. Wenn du auch das Ebenmaß ihrer Glieder ins Auge fassen willst, so wirst du finden, dass die Armut viel entwickelter und schlanker ist als der Reichtum. Wenn aber viele sie fliehen, so darf dich das nicht befremden; die Toren fliehen ja auch alle anderen Tugenden. Aber wendest du ein, der Arme muß sich vom Reichen verachten lassen! Damit sprichst du nur ein neues Lob der Armut aus. Sage mir doch einmal, wer ist der wahrhaft Glückliche, der Beschimpfende oder der Beschimpfte? Offenbar der Beschimpfte. Die Habsucht verleitet zum Beschimpfen, die Armut gemahnt zum Ertragen.

Aber, fährst du fort, der Arme leidet Hunger. Auch Christus litt Not und Hunger. Aber er hat keine Ruhestätte. Auch der Menschensohn hatte nicht, wohin er sein Haupt legen konnte. Siehst du, wie weit dich das Lob der Armut geführt hat, und wohin sie dich stellt, welchen Männern sie dich zugesellt, und wie sie dich sogar zu einem Nachahmer des Herrn macht? Wäre es ein Glück, Gold zu besitzen, so hätte es Christus seinen Jüngern gegeben, da er ihnen ja jene unaussprechlichen Güter verliehen hat. Nun hat er, weit entfernt, ihnen Gold zu geben, vielmehr dessen Besitz untersagt. Deshalb lebte Petrus nicht allein in Armut, sondern rühmt sich ihrer, wenn er sagt: "Gold und Silber habe ich nicht, was ich aber habe, gebe ich Dir"Apg 3,6 . Wer von euch möchte nicht auch solche Worte sprechen können? Gewiß, alle, mag man vielleicht antworten. Nun gut, dann gib hin dein Silber, gib hin dein Gold Wenn ich es nun hingebe, fragst du, werde ich die Gewalt Petri erlangen? Sage mir, was hat denn den Petrus selig gemacht; Etwa, dass er den Lahmen heilte? Mitnichten, sondern dass er kein Gold und Silber hatte, das hat ihm den Himmel vermittelt. Trotz solcher Wunderwerke sind ja schon viele in die Hölle gekommen, während andere, die alles weggaben, das Himmelreich gewannen. Und das kannst du auch von Petrus selbst lernen. Seine Wortezerfallen nämlich in zwei Teile: "Gold und Silber habe ich nicht", und: "Im Namen Jesu Christi stehe auf und wandle." Was hat ihm nun den Lohn gebracht und ihn selig gemacht? Dass er den Lahmen heilte oder dass er auf Besitz verzichtete? Dieselbe Lehre gibt dir auch der Preisrichter selbst. Was sagt er denn zu dem Reichen, der nach dem ewigen Leben verlangte? Er sprach nicht: heile Lahme, sondern: "Verkaufe deinen Besitz und gib ihn den Armen, dann komm und folge mir nach und du wirst einen Schatz im Himmel haben"Mt 1921 u. Lk 18,22 . Ebensowenig sagte Petrus: Siehe, in Deinem N amen treiben wir Teufel aus, sondern: "Siehe, wir haben alles verlassen um Dir nachzufolgen, was werden wir dafür erhalten?"Mt 19,27 . Christus seinerseits antwortet darauf nicht: Wen n jemand einen Lahmen heilt. sondern: Wer Haus und Acker verläßt, wird das Hundertfache erhalten in dieser Welt und das ewige Leben gewinnen"Mt 19,29 .

So sollen denn auch wir den hl. Petrus nachahmen, damit wir nicht zuschanden werden, sondern voll Zuversicht vor den Richterstuhl Christi hintreten und ihn bewegen können, bei uns zu bleiben, wie er auch bei den Jüngern war, wofern wir sie nur nachahmen und ihrem Leben und ihrer Tugend nacheifern wollen. Darauf wird Gott sehen, um dich zu krönen und zu beloben, und wird nicht fordern, dass du Tote erweckest oder Lahme heilest. Nicht das ist es, was uns Petrus ähnlich macht, sondern der Verzicht auf unseren Besitz: das bildet die Tugend des Apostels. Aber es ist dir nicht möglich, zu verzichten? O, es ist doch möglich. Indessen, ich bestehe nicht darauf, wenn du nicht willst, ich zwinge dich nicht; ab er das muß ich verlangen, dass du wenigstens nach Verhältnis den Bedürftigen gebest, und nicht mehr begehrest, als was notwendig ist. Auf diese Weise werden wir das Leben hienieden in Frieden und Sicherheit verbringen und in den Genuß des ewigen Lebens kommen. Möge es uns allen zuteil werden durch die Gnade und Güte unseres Herrn Jesus Christus, dem die Ehre und die Macht gebührt zugleich mit dem Vater und dem Hl. Geiste jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen! "Doxa to Theo panton heneken"Letzte Worte des hl.ChrysostomusPalladius, Dialogus X; PG 47,38 .

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger