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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Zweiundachtzigste Homilie. Kap.XXVI, V.26-35.

2.

Siehst du, wie Jesus es sich angelegen sein läßt, immer daran zu erinnern, dass er für uns gestorben ist? Da er nämlich wußte, dass Marcion, Valentin, Manes und ihre Anhänger auftreten und diese Heilstaten leugnen würden, so kommt er unablässig auch in den Geheimnissen auf die Erinnerung an sein Leiden zurück, damit sich ja niemand hintergehen lasse; er erlöst und unterweist uns zugleich durch jenes hl. Mahl. Es ist der Angelpunkt alles Heiles, weshalb auch Paulus immer wieder davon predigt. Nachdem er ihnen sodann1 gereicht, fährt er fort: V.29: "Von jetzt an werde ich nicht mehr trinken von dem Erzeugnisse dieses Weinstockes bis zu jenem Tag, da ich es als ein neues mit euch trinke im Reiche meines Vaters." Nachdem der göttliche Heiland über Leiden und Kreuzestod gesprochen hat, bringt er die Rede auch wieder auf die Auferstehung, indem er das2 Reich erwähnt; so nennt er nämlich seine Auferstehung. Weshalb hat er aber auch nach der Auferstehung getrunken? Damit die Unverständigen die Auferstehung nicht für eine leere Einbildung hielten. Die gewöhnlichen Leute betrachteten ja das Trinken als einen Beweis der Auferstehung. Darum sagten auch die Apostel, wenn sie die Leute von der Auferstehung zu überzeugen suchten: "Wir haben mit ihm zusammen gegessen und getrunken"3 . Um also zu bekunden, dass sie ihn nach der Auferstehung deutlich sehen, wieder mit ihm verkehren und diese Tatsache auf Grund von Geschehenem und Erlebtem bezeugen werden, sprach er: "Bis ich es mit euch als neues trinke", und ihr werdet Zeugen dafür sein. Ihr werdet mich ja als Auferstandenen sehen. Was bedeutet denn das Wort: "neues"? Auch eine neue, d.h. bisher fremde Weise, da ich keinen sterblichen Leib mehr haben werde, sondern einen unsterblichen, unverweslichen, der keiner Nahrung mehr bedarf. So aß und trank er nach der Auferstehung nicht aus Bedürfnis. Sein Leib hatte solche Dinge nicht mehr nötig, sondern zur Bekräftigung seiner Auferstehung. Weshalb trank er aber nach der Auferstehung nicht Wasser, sondern Wein?

Um eine andere böse Irrlehre gründlich auszurotten. Es gibt nämlich Leute, die zu den Geheimnissen Wasser nehmen.4 . Deshalb hebt er auch hervor, dass er bei der Einsetzung der Geheimnisse Wein gebrauchte und nach der Auferstehung auch außer der Geheimnisfeier bei einer gewöhnlichen Mahlzeit Wein trank, und sagte: "Von dem Erzeugnis des Weinstockes." Der Weinstock erzeugt doch Wein und nicht Wasser. V.30: "Und als sie den Lobgesang gebetet hatten, gingen sie hinaus auf den Ölberg." Das sollen sich alle merken, die da gleich Schweinen essen, dann ohne weiteres den Tisch von sich stoßen und trunken aufstehen, während sie doch danken und mit einem Loblied schließen sollten. Höret es auch alle, die ihr bei den Geheimnissen das Schlußgebet nicht abwartet, das doch eine Erinnerung an jenes Gebet ist. Jesus dankte, ehe er den Jüngern das Brot reichte, damit auch wir danken sollen. Er dankte in einem Lobgesang nach der Darreichung, damit auch wir so tun. Warum geht er aber dann auf den Berg hinaus? Um sich finden zu lassen, wenn man ihn gefangen nehmen wollte; es sollte nicht scheinen, als verberge er sich, deshalb eilte er, an den Ort zu kommen, der auch dem Judas bekannt war. V.31; "Dann sagte er zu ihnen: Alle werdet ihr geärgert werden an mir", und er fügte auch eine Weissagung bei: "Denn es steht geschrieben: Schlagen werde ich den Hirten und zerstreuen werden sich die Schafe"5 ; er will die Apostel zugleich mahnen, immer auf die Schrift zu achten, und dabei ausdrücken, dass er nach dem Ratschlusse Gottes gekreuzigt würde. Bei jeder Gelegenheit ist er bedacht zu zeigen, dass er nicht im Gegensatze zum Alten Bunde oder zu Gott stehe, der sich darin geoffenbart hat und dass alles um der Erlösung willen geschah und in der Weise, wie es die Propheten von jeher vorherverkündigt hatten. So mußten die Jünger große Zuversicht fassen, auch hinsichtlich dessen, was noch Heilsameres kommen sollte. Er lehrte auch, was für Leute sie vor der Kreuzigung und wie sie nachher waren. Sie, die nicht einmal standhalten konnten, als er gekreuzigt wurde, sie sind nach seinem Tode entschlossen und stärker als Diamant.

Auch in der Flucht und Feigheit der Jünger liegt ein Beweis seines Todes. Denn wenn man trotz allem, was getan und geredet worden war, sich nicht zu sagen scheut, er sei nicht gekreuzigt worden, wie weit würde man erst in der Gottlosigkeit gegangen sein, wenn nichts dergleichen geschehen wäre? So wird nicht bloß sein eigenes Leiden, sondern auch das Verhalten der Jünger ein Beweis für die Wahrheit seines Todes, ebenso wie die Feier der Geheimnisse, und die verderblichen Ansichten der Marcionisten fallen damit in sich selbst zusammen. Ebendarum ließ er es auch geschehen, dass ihn das Oberhaupt der Apostel verleugnete. Wäre er nicht gefesselt und gekreuzigt worden, wie erklärte es sich dann, dass ihn und auch die anderen eine so heftige Furcht befiel? Indessen ließ Christus die Jünger nicht lange unter dem Drucke der Traurigkeit, sondern sagte:

V.32: "Wenn ich aber erstanden sein werde, werde ich euch vorangehen nach Galiläa." Er erscheint nicht sogleich vom Himmel her, er geht nicht in irgendein entlegenes Land, sondern bleibt unter dem Volke, wo er gekreuzigt wurde, fast in derselben Gegend, um auch dadurch ihren Glauben zu wecken, dass der Gekreuzigte und Auferstandene ein und dieselbe Person ist, und sie so in ihrer Trauer um so wirksamer zu trösten. Daher sagte er auch: "In Galiläa",um ihre Angst vor den Juden zu beseitigen und sie zum Glauben an seine Worte zu bewegen. Das also ist der Grund, warum er gerade dort erschien.

V.33: "Petrus aber entgegnete und sprach zu ihm: Und wenn auch alle werden geärgert werden an Dir, ich werde niemals geärgert werden."

1: das Sakrament
2: Himmel
3: Apg 10,11
4: So die Ebioniten, Enkratiten und Manichäer
5: Zach 13,7

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger