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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Drittes Buch

8. Kap. Die Zeichen vor dem Kriege.

8. Nimm das sechste Buch der Geschichte des Josephus zur Hand! Dort liesest du also:1 „Die Verführer, welche sich gegen den wahren Gott erhoben hatten, gewannen damals das unselige Volk für sich. Auf die klaren, die kommende Verwüstung andeutenden Zeichen achteten sie nicht; ihnen schenkten sie keinen Glauben. Wie wenn sie betäubt, blind und ohne Erkenntniskraft gewesen wären, überhörten sie die Predigten Gottes. Das eine Mal stand über der Stadt ein Stern, der einem Schwerte glich, und war ein Jahr lang über ihr ein Komet ausgestreckt. Als ein anderes Mal noch vor dem Aufstand und vor der Kriegsspannung sich das Volk am Fest der gesäuerten Brote versammelt hatte, umstrahlte am 8. April nachts um die neunte Stunde ein so gewaltiges Licht den Altar und den Tempel, daß man hätte glauben können, es wäre heller Tag; das Licht hielt eine Stunde an. Die Unerfahrenen sahen darin ein gutes Vorzeichen; die Schriftgelehrten jedoch schlossen sofort auf das, was (nun) eingetreten ist. Als am gleichen Feste eine Kuh vom Hohenpriester zum Opferaltar geführt wurde, brachte sie ein Lamm mitten im Tempel zur Welt. Das östliche Tor des inneren Vorhofes aber, das von Erz und sehr schwerem Gewichte war, nur mit Mühe von zwanzig Männern am Abend geschlossen und mit eisenbeschlagenen Querbalken verrammt werden konnte und sehr tiefgreifende Riegel hatte, öffnete sich nach Augenzeugen von selbst nachts um die sechste Stunde. Wenige Tage nach dem Osterfeste, am 21. Mai, sah man eine wunderbare, fast unglaubliche Erscheinung. Was ich erzählen werde, könnte als Fabel erscheinen, wenn nicht Augenzeugen davon berichtet hätten und wenn nicht die Leiden, welche dann eintraten, den Zeichen entsprochen hätten. Vor Sonnenuntergang sah [S. 116] man nämlich über das ganze Land hin am Himmel Streitwagen und bewaffnete Heere durch die Wolken ziehen und die Städte umzingeln. Als ferner an dem sogenannten Pfingstfeste die Priester nachts dem Brauche gemäß in den Tempel zum Gottesdienst kamen, vernahmen sie nach ihrer eigenen Aussage zunächst Unruhe und Geräusch, sodann aber den lauten Ruf: ‚Lasset uns von hinnen ziehen!’ Noch schrecklicher ist folgender Vorfall: Als ein Mann namens Jesus, der Sohn des Ananias, ein ungebildeter Bauer, vier Jahre vor dem Kriege, da sich die Stadt noch größtenteils des Friedens und Wohlstandes freute, zum Laubhüttenfest kam, fing er plötzlich im Tempel an zu schreien: ‚Stimme vom Aufgang, Stimme vom Untergang, Stimme von den vier Winden, Stimme über Jerusalem und den Tempel, Stimme an Braut und Bräutigam, Stimme an das Volk!’ Unter diesem Rufe zog er Tag und Nacht in allen Straßen umher. Einige von den angesehenen Bürgern ärgerten sich über diese unheilverkündenden Rufe, ergriffen den Menschen und schlugen ihn wund. Er jedoch sprach kein Wort der Verteidigung für sich, erst recht nicht ein Wort der Abwehr gegenüber den Anwesenden, sondern schrie die obigen Worte ununterbrochen weiter. Da die Volksführer glaubten, der Mann würde — was tatsächlich der Fall war — von einer höheren Macht getrieben, führten sie ihn zum römischen Prokurator. Hier wurde er bis auf die Knochen zerfleischt. Doch er jammerte und weinte nicht, sondern antwortete, soweit es ihm die Kräfte erlaubten, mit gedämpfter, klagender Stimme auf jeden Geißelstreich: ‚Wehe, wehe, Jerusalem!’“ Noch etwas anderes berichtet Josephus, was noch merkwürdiger ist. Er erzählt2 nämlich, daß sich in den heiligen Schriften eine Weissagung finde, wonach zu jener Zeit aus ihrem Lande einer hervorgehen werde, der die Herrschaft über den Erdkreis erhalten soll. Josephus nahm allerdings an, daß diese [S. 117] Weissagung an Vespasian in Erfüllung gegangen sei. Doch Vespasian herrschte nicht über den ganzen Erdkreis, sondern nur über das Römerreich. Mit größerem Recht kann man sagen, die Weissagung beziehe sich auf Christus, zu welchem der Vater gesagt hatte:3 „Bitte mich, und ich werde dir die Völker als dein Erbe und die Grenzen der Erde als dein Eigentum geben.“ Denn gerade zu jener Zeit war es, daß die Stimme der heiligen Apostel Christi in alle Welt hinausdrang und ihre Worte bis an die Grenzen der Erde.4

1: Jüd. Krieg 6, 288—304.
2: Jüd. Krieg 6, 312 f.
3: Ps. 2, 8.
4: Vgl. Ps. 18, 5.

 

 

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Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

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