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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Drittes Buch

6. Kap. Die Hungersnot der Juden.

6. Nimm wiederum das fünfte Buch der Geschichte des Josephus zur Hand und lies die damaligen traurigen Ereignisse durch!

Josephus berichtet:1 „Den Reichen gereichte das Verbleiben (in der Stadt) ebenfalls zum Verderben. Mancher von ihnen wurde, weil er Besitz hatte, unter dem Vorwande, er wäre ein Verräter, ermordet. Mit der Hungersnot wuchs auch die Wut der Aufständischen. Beide Übel entbrannten von Tag zu Tag mehr und mehr. Nirgends mehr war Getreide zu finden. Da drangen sie in die Häuser ein, um sie zu durchsuchen. Fanden sie bei jemandem etwas, dann mißhandelten sie ihn, weil er geheuchelt hätte; fanden sie aber bei jemandem nichts, dann schlugen sie ihn in der Meinung, er habe seine Sache zu gut versteckt. Aus dem körperlichen Aussehen der Bedauernswerten schloß man darauf, ob jemand etwas hatte oder nicht. Von denen, die noch gut aus- [S. 107] sahen, glaubte man, sie hätten noch Überfluß an Speise und Trank. Die aber, welche bereits dahinsiechten, ließ man ihre Wege gehen; denn man hielt es für unvernünftig, die zu töten welche vor Hunger schon dem Tode nahe waren. Viele gaben heimlich ihr ganzes Vermögen hin, um dafür, wenn sie reicher waren einen Scheffel Weizen zu erhalten, bzw. wenn sie ärmer waren, einen Scheffel Gerste einzutauschen. Sodann verschlossen sie sich in die geheimsten Winkel ihrer Wohnungen, um entweder aus Heißhunger die Körner ungemahlen zu verzehren oder um daraus nach einem von Not und Angst diktierten Rezepte Brot zu backen. Ein Tisch wurde nirgends gedeckt. Noch ungekocht holte man die Speisen aus dem Feuer und zerriß sie (aus Hast mit den Fingern). Weinen mußte man beim Anblick dieser traurigen Mahlzeiten, wo die Gewalttätigen sich anfüllten, die Schwachen jammernd dastanden. Der Hunger erstickte alles zarte Empfinden, vor allem aber untergrub er das Gefühl der Ehrfurcht. Alles, was sonst geachtet wird, wird, wenn man Hunger leiden muß, verachtet, Weiber rissen ihren Männern, Kinder ihren Vätern und, was das Schrecklichste ist, Mütter ihren Kleinen die Speisen aus dem Munde und scheuten sich auch nicht, ihren hinsiechenden Lieblingen die Milch zum Leben zu entziehen. Auch die, welche in solcher Gier aßen, konnten trotzdem nicht verborgen bleiben; auch gegen die, welche anderen die Nahrung entrissen, erhoben sich überall die Aufständischen. Wenn diese ein Haus verschlossen sahen, so war es ihnen ein Zeichen, daß die Inwohner etwas zu essen hatten. Sogleich erbrachen sie daher die Türen, drangen ein und holten sich die Bissen gewaltsam aus dem Schlunde heraus. Greise, welche die Speisen nicht hergeben wollten, wurden geschlagen, und Frauen, welche das, was sie in der Hand hatten, verbargen, wurden an den Haaren herumgezogen. Weder mit dem Alter noch mit den Kleinen hatte man Mitleid. Kinder, welche krampfhaft ihre Bissen fest- [S. 108] hielten, hob man in die Höhe, um sie dann auf dem Boden zerschmettern zu lassen. Drang aber jemand noch vor ihnen ein und nahm ihnen die gesuchte Beute vorweg, dann wurde er, wie wenn er ein Unrecht getan hätte, noch grausamer behandelt. Furchtbare Arten von Martern sannen sie aus, um Nahrungsmittel auszukundschaften. Mit Erbsen verstopften sie den Unglücklichen die Harnröhre und fuhren mit spitzen Stäbchen in das Gesäß. Man schaudert, zu hören, was einer ausgestanden hat, bis er ein Stücklein Brot verriet und eine Handvoll versteckter Gerstengraupe anzeigte. Die, welche diese Martern vollzogen, litten jedoch keineswegs Mangel; hätten sie dieselben aus Not vollzogen, dann wäre ihr Auftreten nicht so gemein gewesen. Sie handelten vielmehr, um ihre Wut zu stählen und um sich für die kommenden Tage im voraus zu verproviantieren. Wenn sich nachts einige bis zu den römischen Posten vorgeschlichen hatten, um Feldgemüse und Kräuter zu sammeln, dann lauerte man diesen Leuten, die den Feinden bereits entronnen zu sein glaubten, auf und entriß ihnen, was sie bei sich hatten. Und mochten sie auch, wie es oftmals geschah, unter Anrufung des ehrwürdigen Namens Gottes bitten und betteln, ihnen doch etwas von dem, was sie unter Todesgefahr geholt hatten, zu lassen, man überließ ihnen auch nicht eine Kleinigkeit. Es war noch ein Glück, wenn sie außer den Lebensmitteln nicht auch das Leben verloren.“ Später fährt Josephus also fort:2 „Da die Juden nicht mehr die Möglichkeit hatten, aus der Stadt zu entkommen, war ihnen jede Hoffnung auf Rettung abgeschnitten. Die zunehmende Hungersnot raffte im Volke ganze Häuser und Familien dahin. Die Dächer waren voll von Frauen- und Kinderleichen, die engen Gassen voll von toten Greisen. Knaben und Jünglinge wankten aufgedunsen wie Gespenster auf den öffentlichen Plätzen umher und brachen bei der ersten Aufregung zusammen. Die, welche erschlafft waren, hatten nicht die Kraft, [S. 109] ihre Angehörigen zu begraben, und wo noch Kraft war scheute man davor zurück wegen der Menge der Toten und wegen des unheimlichen eigenen Schicksals. Denn viele starben schon neben denen, die sie beerdigten, und viele gingen an ihr eigenes Grab, ehe sie noch das Schicksal ereilt hatte. Trotz all dieser Leiden vernahm man kein Weinen und Klagen; denn der Hunger hatte die Gefühle (des Mitleids) erstickt. Die dem Tode nahe waren, sahen mit trockenen Augen auf die, welche ihnen im Sterben vorangingen. Tiefe Stille und eine todesschwangere Nacht hatte sich über die Stadt ausgebreitet. Doch schlimmer noch als dies waren die Räuber. Sie brachen in die zu Gräbern gewordenen Häuser ein, raubten die Toten, rissen ihnen die Kleider vom Leibe und eilten dann lachend davon. An den Leichen erprobten sie die Schärfe ihrer Schwerter. Auch an manchem Lebenden, der hingestreckt dalag, versuchten sie, ihn durchbohrend, ihr Eisen. Wenn aber einer bat, die mordende Hand möge ihn nicht verschonen, dann ließen sie, höhnisch lachend, ihn weiter hungern. Jeder Sterbende schaute unverwandten Blickes auf den Tempel hin, da er beim Hinscheiden die Aufständischen noch am Leben sah.3 Diese ließen anfangs noch die Toten auf Staatskosten begraben, da ihnen der Leichengeruch unausstehlich war; später aber, als sie sich dazu keine Zeit mehr nahmen, warfen sie dieselben von den Mauern herab in die Schluchten. Als Titus bei einem Rundgange die Schluchten mit Toten angefüllt sah und unter den verfaulenden Körpern die tiefen Blutlachen bemerkte, seufzte er, streckte die Hände zum Himmel und rief Gott zum Zeugen an, daß er schuldlos daran wäre.“

Nach einigen weiteren Ausführungen berichtet Josephus:4 „Offen und frei sage ich, was nur der Schmerz gebietet. Wenn die Römer noch länger den Frevlern [S. 110] gegenüber gezögert hätten, wäre nach meiner Anschauung die Stadt entweder von der Erde verschlungen oder von einer Sintflut heimgesucht oder von den Blitzen Sodomas vernichtet worden.5 Denn in ihr lebte ein Geschlecht, das noch viel gottloser war als die Geschlechter, welche von diesen Leiden heimgesucht worden waren. Durch den Wahnsinn solcher Leute ging das ganze Volk zugrunde.“

Im sechsten Buch schreibt Josephus:6 „Die Masse derer, welche in der Stadt durch Hunger zugrunde gingen, war zahllos; unbeschreiblich waren ihre Leiden. In jedem Hause, in dem noch ein Schatten von Speise zu sehen war, herrschte Krieg. Die, welche durch engste Freundschaft miteinander verbunden gewesen waren, wurden nun handgemein, da sie sich die ärmlichsten Lebensmittel entrissen. Nicht einmal an die Armut der Sterbenden wollte man glauben. Selbst der, welcher daran war, seinen Geist aufzugeben, wurde von den Räubern untersucht, die glaubten, daß er sich nur sterbend stelle, weil er Speisen an seinem Busen versteckt habe. Die Räuber wankten und rannten gleich wütenden Hunden umher und sperrten vor Hunger den Mund auf. Wie trunken schlugen sie an die Türen und stürzten zwei- bis dreimal in einer einzigen Stunde sinnlos in das gleiche Haus. Die Not zwang, alles Mögliche zu essen. Selbst das, was die schmutzigsten Tiere verachteten, las man auf, um es ohne Bedenken zu essen. Schließlich machte man sich an Gürtel und Schuhe und nahm von den Schilden das Leder weg, um es zu kauen. Einige [S. 111] aßen die Überreste von altem Heu. Andere verkauften das kleinste Quantum von aufgelesenen Fleischbrocken um vier attische Drachmen. Wozu soll ich die wahnsinnige Gier des Hungers nach ungenießbaren Gegenständen erwähnen? Ich will eine Tat des Hungers mitteilen, wie sie weder die Griechen noch die Barbaren zu berichten wissen. Man schrickt davor zurück sie zu erzählen; man will sie nicht glauben, wenn man davon hört. Am liebsten würde ich von dem unseligen Vorfall schweigen, um nicht den späteren Geschlechtern als wundersüchtig zu erscheinen. Doch ich habe ja unter meinen Zeitgenossen zahlreiche Zeugen. Übrigens würde ich dem Vaterlande einen frostigen Dienst erweisen, wenn ich seine Leiden unbeachtet ließe. Eine durch Geburt und Reichtum ausgezeichnete Frau aus der Gegend jenseits des Jordans namens Maria, die Tochter Eleazars, aus dem Dorfe Bathezor, d. i. übersetzt ‚Ysop-Haus’, flüchtete sich mit der übrigen Menge nach Jerusalem, wo sie die Belagerung erleben mußte. Ihr Eigentum wurde, soweit sie es aus Peräa in die Stadt gerettet hatte, von den Gewaltherrschern weggenommen, deren Gehilfen täglich bei ihr eindrangen, um ihr noch den Rest ihrer Habe und was sie etwa noch an Lebensmitteln vorfanden, zu entreißen. Große Erbitterung bemächtigte sich der Frau, und wiederholt suchte sie durch Schimpfworte und Verwünschungen die Räuber zur Gewalttat gegen sie zu reizen. Doch keiner ließ sich von Zorn oder Mitleid dazu hinreißen, sie zu töten. Da nirgends mehr die Möglichkeit war, Nahrungsmittel zu erhalten, und sie sich gleichwohl abmühte, anderen Speisen zu verschaffen, und ihr selbst der Hunger in Eingeweiden und Mark wühlte und ihre Erbitterung noch ungestümer war als ihr Hunger, ließ sie sich von Zorn und Not verführen, sich an der Natur zu vergreifen. Sie packte ihr Kind, das noch ein Säugling war, und sprach zu ihm: ‚Armer Kleiner! Wozu soll ich dich im Krieg, in der Hungersnot, im Aufstand noch erhalten? Kämen wir [S. 112] mit dem Leben davon, dann drohte uns römische Sklaverei. Doch der Hungertod kommt der Sklaverei zuvor, und schlimmer als Hunger und Sklaverei sind die Aufständischen. Wohlan, sei du mir Speise, werde den Aufständischen zum Rachegeist und dem Leben zum Mythus, der allein noch dem jüdischen Schicksal fehlt!’ Bei diesen Worten tötete sie ihr Söhnlein. Dann kochte sie es und verzehrte es zur Hälfte. Den anderen Teil aber bewahrte sie heimlich auf. Bald nun waren die Aufständischen erschienen. Da sie den entsetzlichen Braten rochen, bedrohten sie die Frau mit dem sofortigen Tode, wenn sie ihnen nicht die Speise zeigen würde. Diese erklärte, sie habe ihnen eine schöne Portion aufbewahrt und zeigte ihnen die Überreste ihres Kindes. Sie wurden sogleich von Schauder und Entsetzen erfaßt und standen bei diesem Anblick starr da. Das Weib sagte: ‚Mein eigen ist dies Kind, mein ist auch die Tat. Esset! Denn auch ich habe davon gegessen. Seid doch nicht weichherziger als ein Weib, nicht gefühlvoller als eine Mutter! Wenn ihr aber aus Pietät vor meinem Opfer zurückschreckt, dann möge mir, zumal ich schon euch einen Teil weggegessen habe, auch noch der übrige Teil bleiben.’ Nach diesen Worten zogen sich die Männer zitternd zurück, in diesem einen Falle allein sich feige zeigend; nur ungern hatten sie der Mutter die Speise überlassen. Rasch verbreitete sich in der ganzen Stadt die Kunde von der Schreckenstat. Jeder stellte sich das Verbrechen vor Augen und erschrak davor, wie wenn er es selbst begangen hätte. Die Hungernden sehnten sich nach dem Tode und priesen jene glücklich, die hinscheiden durften, ehe sie solche Schreckenstaten hören und sehen mußten.“Dies war der Lohn für die Frevel und die Sünden, welche die Juden an dem Gesalbten Gottes begangen hatten.

1: Ebd. 5, 424—438.
2: Jüd. Krieg 5, 512—519.
3: d. h.: er bat Gott um Rache.
4: Jüd. Krieg 5, 566.
5: Die vorher erwähnten Worte über Titus und das hier zutage tretende Bestreben, Titus wegen der Eroberung von Jerusalem geradezu zu beloben, zeigen, daß Josephus nicht bloß als Historiker schrieb, daß er vielmehr auch Tendenz verfolgte; er wollte sich als Römerfreund bekennen. Eusebius, der in seiner KG da und dort mehr Apologet als Historiker ist, konnte diese Schwäche des Historikers Josephus noch nicht erkennen.
6: Jüd. Krieg 6, 193—213.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger