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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Drittes Buch

39. Kap. Die Schriften des Papias.

39. Von Papias werden fünf Bücher überliefert. Sie tragen auch den Titel: „Erklärungen von Herrenworten“. Auch Irenäus erwähnt sie und bemerkt, sie seien das einzige von Papias verfaßte Werk. Irenäus schreibt:1 „Dies bezeugt schriftlich Papias, ein Hörer des Johannes, ein Freund des Polykarp, ein Mann aus alter Zeit, in seinem vierten Buche. Fünf Bücher hatte er nämlich verfaßt.“ So Irenäus. Indes erklärt Papias selbst in der Einleitung zu seiner Schrift, er habe die heiligen Apostel nicht gehört und nicht gesehen. Er bemerkt, daß er die Glaubenslehre von solchen empfangen habe, die den Aposteln nahegestanden seien. Er sagt: „Ohne zu zögern, will ich für dich alles, was ich je von den Presbytern genau erfahren und dem Gedächtnis genau eingeprägt habe, zugleich mit den Auslegungen verbinden, mich für dessen Wahrheit verbürgend. Denn nicht hatte ich wie die meisten an denen, die viele Worte machen, sondern an denen, welche die Wahrheit lehren, Freude, auch nicht an denen, welche die fremden Gebote anführen, sondern an denen, welche die vom Herrn dem Glauben gegebenen und aus dem Glauben entspringenden Gebote [S. 151] der Wahrheit bieten. Kam einer, der den Presbytern gefolgt war, dann erkundigte ich mich nach den Lehren der Presbyter und fragte: ‚Was sagte Andreas, was Petrus, was Philippus, was Thomas oder Jakobus, was Johannes oder Matthäus oder irgendein anderer von den Jüngern des Herrn? Und was sagen Aristion und der Presbyter Johannes, die Jünger des Herrn?’2 Denn ich war der Ansicht, daß aus Büchern geschöpfte Berichte für mich nicht denselben Wert haben können wie die Worte frischer, noch lebender Stimmen.“ An diesen Worten ist beachtenswert, daß Papias zweimal den Namen Johannes aufzählt. Das erste Mal zählt er Johannes zu Petrus, Jakobus, Matthäus und den übrigen Aposteln; er meint also offenbar den Evangelisten. Das zweite Mal, in einem neuen Satze, rechnet er Johannes zu einer anderen Kategorie, welche von der der Apostel verschieden ist; er stellt ihm den Aristion voran und bezeichnet ihn ausdrücklich als Presbyter.3 Damit bewahrheitet sich also der Bericht, daß in Asien zwei Jünger den gleichen Namen gehabt hätten, und daß in Ephesus zwei Grabmäler errichtet worden wären, von denen noch jetzt jedes den Namen Johannes trüge. Dies [S. 152] ist wohl zu beachten. Denn es ist wahrscheinlich, daß, soferne man nicht an den ersteren Johannes denken will, der zweite die unter dem Namen des Johannes gehende Offenbarung geschaut hat. Der soeben von uns zitierte Papias gesteht, die Lehren der Apostel von deren Schülern empfangen und Aristion sowie den Presbyter Johannes persönlich gehört zu haben. In seiner Schrift beruft er sich oft mit Namen auf sie und gibt ihre Überlieferungen wieder. Folgende Mitteilungen mögen nicht ohne Nutzen sein. Es ist am Platze, außer der angeführten Stelle aus Papias auch noch jene Erzählungen zu erwähnen, in denen er wunderbare Vorkommnisse und andere, durch Überlieferung empfangene Tatsachen berichtet. Bereits oben4 wurde mitgeteilt, daß sich der Apostel Philippus mit seinen Töchtern in Hierapolis aufgehalten habe; hier sei noch bemerkt, daß ihr Zeitgenosse Papias erzählt, er habe von den Töchtern des Philippus eine wunderbare Geschichte erfahren. Wie er nämlich mitteilt, stand damals einer von den Toten auf. Ein weiteres Wunder berichtet er über Justus mit dem Beinamen Barsabas. Derselbe habe nämlich, trotzdem er tödliches Gift getrunken habe, infolge der Gnade des Herrn keine üblen Folgen verspürt. Von diesem Justus berichtet die Apostelgeschichte, daß die heiligen Apostel ihn nach der Himmelfahrt des Erlösers zugleich mit Matthias vorgeführt haben, um unter Gebet durch das Los an Stelle des Verräters Judas einen Ersatz zur Auffüllung des Apostelkollegiums zu finden. Die Schrift sagt:5 „Und sie stellten zwei Männer auf: Joseph, genannt Barsabas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias, und sie beteten und sprachen.“ Papias bietet aber auf Grund mündlicher Überlieferung auch noch andere Erzählungen, nämlich unbekannte Gleichnisse und Lehren des Erlösers und außerdem noch einige sonderbare Berichte. Zu diesen gehört seine Behauptung, daß nach der Auferstehung der Toten tausend Jahre kommen werden, in [S. 153] denen das Reich Christi sichtbar auf Erden bestehen werde. Nach meiner Meinung hat Papias diese Anschauung den ihm mitgeteilten Erzählungen der Apostel unterschoben; das, was die Apostel in Bildern und Gleichnissen gesprochen hatten, hat er nicht verstanden. Obwohl er, wie man aus seinen Worten schließen kann, geistig sehr beschränkt6 gewesen sein muß, hat er doch sehr vielen späteren Kirchenschriftstellern, die sich durch das Alter des Mannes verleiten ließen, wie dem Irenäus7 und denen, die sonst noch solche Ideen vertreten, Anlaß zu ähnlichen Lehren gegeben. Noch anderes teilt Papias in seinem Werke aus des oben erwähnten Aristion Auslegungen der Herrenworte sowie aus der Überlieferung des Presbyters mit. Nachdem wir nun die wißbegierigen Leser darauf aufmerksam gemacht haben, halten wir es für unsere Pflicht, außer seinen obigen Bemerkungen nun auch noch die Überlieferung anzuführen, welche er bezüglich Markus, des Verfassers des Evangeliums, aufgezeichnet hat. Er schreibt: „Auch dies lehrte der Presbyter: Markus hat die Worte und Taten des Herrn, an die er sich als Dolmetscher des Petrus erinnerte, genau, allerdings nicht ordnungsgemäß, aufgeschrieben. Denn nicht hatte er den Herrn gehört und begleitet; wohl aber folgte er später, wie gesagt, dem Petrus, welcher seine Lehrvorträge nach den Bedürfnissen einrichtete, nicht aber so, daß er eine zusammenhängende Darstellung der Reden des Herrn gegeben hätte. Es ist daher keineswegs ein Fehler des Markus, wenn er einiges so aufzeichnete, wie es ihm das Gedächtnis eingab. Denn für eines trug er Sorge: nichts von dem, was er gehört hatte, auszulassen oder sich im Berichte keiner Lüge schuldig zu machen.“8 So berichtete Papias über Markus. Bezüglich Matthäus aber behauptete er: „Matthäus hat in hebräischer Sprache die Reden zu- [S. 154] sammengestellt; ein jeder aber übersetzte dieselben so gut er konnte.“ Papias berief sich auch auf Zeugnisse aus dem ersten Johannesbrief und dem ersten Petrusbrief. Ferner führte er aus dem Hebräerevangelium die Geschichte eines Weibes an, das wegen vieler Sünden vor dem Herrn angeklagt worden war. Auch dies mußten wir außer dem Erwähnten noch bemerken.9 [S. 155]

1: Gegen die Häres. V 33, 4.
2: W. Larfeld, „Ein verhängnisvoller Schreibfehler bei Eusebius“, in Byzantinisch-neugriech. Jahrbücher 3 (1922), S. 282 bis 285 schlägt vor, statt „die Jünger des Herrn“, was E. Schwartz als „Mitglieder der Urgemeinde“ faßte, zu lesen: „Johannisjünger“. Der Vorschlag hat viel für sich.
3: Manche halten es nicht für notwendig, mit Eusebius aus den Worten des Papias zu folgern, daß der Presbyter Johannes eine von dem Apostel Johannes verschiedene Person war. Vgl. H. Poggel, „Der zweite und dritte Brief des Apostels Johannes“ (Paderborn 1896) S. 27—51: „Das Papiasfragment über den Presbyter Johannes“: Th. Mommsen, „Papianisches“, in Zeitschr. f. d. neutestamentl. Wiss. 3 (1902), S. 156—159; J. Chapman, „John the Presbyter and the Fourth Gospel“ (Oxford 1911): Bardenhewer, „Gesch. der altkirchlichen Literatur“ II2 (l913) S. 446 ff.; W. Larfeld, „Die beiden Johannes von Ephesus, der Apostel und der Presbyter, der Lehrer und der Schüler. Ein Beitrag zur Erklärung des Papiasfragmentes bei Eusebius, Kg. 3, 39“ (München 1914).
4: III 31 (S. 140—141).
5: Apg. 1, 23f.
6: σφόδρα σμικρὸς ὢν τὸν νοῦν.
7: Gegen die Häres. V 33.
8: Vgl. oben II 15 (S. 78—79)
9: A. Hilgenfeld, „Papias von Hierapolis und die neueste Evangelienforschung“, in Zeitschr. f. wissenschaftl. Theol. 29 (1886) S. 257—291; Th. Zahn, „Geschichte des neutestamentl. Kanons“ I 2 (1889), S. 849—903; II 2 (1892), S. 790—797; Ders., Forsch. 6 (1900), S. 109—157; J. Chapman, „Le témoignage de Jean le Presbytre au sujet de St. Marc et de St. Luc“, in Revue Bénéd. 20 (1905), S. 357—376.

 

 

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Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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