Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC) Siebenundsiebzigste Homilie. Kap.XXIV,V.32-51.
4. Im folgenden macht es der Herr wie immer; Er unterweist den Zuhörer nicht allein über den Lohn, der den Guten bereitet ist, sondern auch über die Strafe, die den Bösen droht. Daher fuhr er fort: V.48: "Wenn aber der böse Knecht in seinem Herzen spricht; Es läßt mein Herr sich Zeit zum Kommen, V.49: und anfängt seine Mitknechte zu schlagen, dagegen mit den Säufern ißt und trinkt, V.50: da wird der Herr jenes Knechtes an einem Tage kommen, an welchem er es nicht vermutet, und zu einer Stunde, in welcher er es nicht weiß, V.51: und er wird ihn ausscheiden und ihm seinen Platz bei den Heuchlern anweisen. Dort wird Weinen und Zähneknirschen sein." Es könnte da jemand einwenden: Siehst du, welche Folgen es hatte, dass jener Tag unbekannt blieb? "Der Herr läßt sich Zeit", sagt der Knecht; dem möchte ich entgegnen: Nicht weil der Tag unbekannt war, handelte der Knecht so, sondern weil er selbst nichtsnutzig war. Warum kam denn der kluge und getreue Knecht nicht auf solche Gedanken? Wie, Elender, wenn der Herr auch säumt, erwartest du überhaupt, dass er kommt? weshalb kümmerst du dich dann nicht darum? Wir lernen also daraus, dass der Herr auch nicht säumt. Der böse Knecht meinte es bloß so, aber der Herr hatte dies nicht gesagt; daher auch seine Rüge. Dass er nicht säumt, magst du aus den Worten Pauli entnehmen: "Der Herr ist nahe; in nichts sei bekümmert"1 , und: "Der da kommen soll, wird kommen und nicht säumen"2 . Vernimm auch das Folgende und beachte, wie der Herr unablässig daran erinnert, dass der Tag unbekannt ist, um zu zeigen, dass es so den Knechten frommt und dazu beiträgt, sie aufzurütteln und anzuspornen. Wenn nun aber einzelne keinen Nutzen daraus ziehen? Nun, manche haben sich auch andere vorteilhafte Gelegenheiten nicht zu nutze gemacht; trotzdem tut der Herr immer wieder, was von ihm abhängt. Was sagt also im Folgenden? "Kommen wird er an einem Tage, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, in der er es nicht weiß" und wird aufs strengste mit ihm verfahren. Siehst du, wie er bei jeder Gelegenheit betont, warum er sie über den Tag im Ungewissen läßt? Er will zeigen, dass es für sie so besser ist, auf dass sie jeder Zeit gerüstet seien. Denn daran liegt ihm gar so viel, dass wir stets wachsam seien; weil wir nämlich im Glücke erschlaffen, im Unglück niedergeschlagen werden, darum verkündet er überall, dass gerade dann Unheil über uns kommt, wenn wir uns gehen lassen. Wie er es vorher an dem Beispiele Noes zeigte, so weist er auch hier darauf hin und sagt: Während jener Knecht Gelage hält, während er Schläge austeilt, da ereilt ihn die namenlose Strafe. Indessen, wir wollen nicht nur auf die Strafe achten, die den Knecht traf, sondern auch schauen, ob wir nicht etwa im geheimen ebenso handeln. So z.B. gleichen ihm jene Menschen, die Geld besitzen, aber den Bedürftigen nichts geben. Auch du bist ja nur Verwalter deines Geldes, nicht anders als ein Verwalter von Kirchenvermögen. Ein solcher hat nicht die Gewalt, eure Beisteuer für die Armen nach Willkür und Belieben zu verausgaben, ebenso darfst auch du mit deinem Vermögen nicht machen, was du willst. Magst du auch dein gesamtes Hab und Gut vom Vater geerbt haben und rechtmäßig besitzen, so ist dennoch alles Gottes Eigentum. Du verlangst ferner, dass man deine Beiträge sorgsam verwalte; meinst du, Gott werde es dulden, dass seine Gaben ohne Umstände verschleudert werden, und werde uns nicht vielmehr dafür um so strenger zur Rechenschaft ziehen? Ja, ganz gewiß! Eben deshalb hat er dir sein Vermögen überlassen, damit du den Armen zur rechten Zeit Nahrung gebest. Was heißt: zur rechten Zeit? Dann, wenn jemand bedürftig ist, wenn er hungert. Wie du nämlich deinem Mitknechte etwas zur Verwaltung gegeben hast, so verlangt auch der Herr von dir, dass du wirtschaftest, wie es sich gehört. Er hätte es dir nehmen können, aber er hat es dir gelassen, damit du einen Antrieb hättest, die Tugend zu üben, damit die gegenseitige Liebe mehr entfacht werde, wenn die einen in ihren Bedürfnissen auf die anderen angewiesen sind. Anstatt nun zu geben, was du empfangen hast, schlägst du auch noch andere. Wenn nun schon tadelnswert ist, wer nichts gibt, wie kann man auf Verzeihung rechnen, wenn man auch noch andere schlägt?
1: Phil 4,56 2: Hebr 10,37
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