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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Dreiundsiebzigste Homilie. Kap. XXIII, V.13-28.

3.

Allein daß die Schriftgelehrten so schlecht waren, ist zwar schrecklich genug; doch nicht so entsetzlich, als die Tatsache, daß ihr, die ihr die Auszeichnung erhalten habt, Tempel des Hl. Geistes zu werden, wieder Gräber voll des abscheulichen Gestankes geworden seid. Das ist der Gipfel des Elendes. Welch ein schauderhaftes Unglück, daß einer, in dem Christus wohnt, in dem der Hl. Geist so große Geheimnisse gewirkt hat, ein Grab ist! Wie sehr ist zu beweinen und zu beklagen, wenn die Glieder Christi ein Grab voll Unrat werden! Bedenke doch, welche Gaben du bei der Wiedergeburt erhalten, was für ein Kleid du empfangen hast, wie du ein fester, ein schöner Tempel des Hl. Geistes wurdest, geziert nicht mit Gold und Edelsteinen, sondern mit wertvollerem Schmucke als alles das, mit dem Hl. Geiste. Erwäge, daß man in der Stadt kein Grab duldet, daß also auch du in der Stadt dort droben nicht erscheinen darfst; denn wenn es schon hier unstatthaft ist, wieviel mehr wird es dort erst der Fall sein!

Aber auch schon hier bist du ein Gegenstand des Spottes, wenn du eine tote Seele herumträgst; ja nicht bloß ein Gegenstand des Spottes, sondern auch des Abscheues. Denn, sage mir, würden nicht alle einem ausweichen, nicht alle vor einem Menschen fliehen, der eine -Leiche mit sich herumtrüge. So sollst auch in diesem Falle urteilen, denn du bietest einen noch viel häßlicheren Anblick, wenn du mit einer von Sünden getöteten, in Auflösung begriffenen Seele herumgehst. Wer wird mit einem solchen Menschen Mitleid haben? Wenn du selbst mit deiner Seele kein Erbarmen hast, wie soll ein anderer Mitleid haben mit dem, der gegen sich selber so grausam, so voll Feindschaft und Haß ist? Was würdest du tun, wollte jemand da, wo du schläfst und speisest, eine Leiche begraben? Und du begräbst eine Leiche, nicht wo du frühstückst, nicht wo du schläfst, sondern in den Gliedern Christi, und du hast keine Angst, es könnten tausend Blitze und Wetterschläge auf dein Haupt niedersausen? Wie kannst du es wagen, die Kirche Gottes und den geheiligten Tempel zu betreten, während in deinem Innern so schauderhafter Gestank herrscht? Wenn jemand eine Leiche in die Königsburg brächte, um sie da zu begraben, er würde aufs schwerste bestraft werden; bedenke, welche Strafe erst dich treffen muß, wenn du die Schwelle des Heiligtums überschreitest während du einen so entsetzlichen Gestank verbreitest? Ahme doch jene Buhlerin nach, welche Christi Füße mit Myrrhe salbte und das ganze Haus mit Wohlgeruch erfüllte1 , indes bei dir das gerade Gegenteil der Fall ist.

Wenn du aber gar nicht einmal merkst, daß du solch üblen Geruch verbreitest? Das ist eben das Beklagenswerte an deiner Krankheit, das macht dein Leiden unheilbar, so daß du schlimmer daran bist, als jene, deren Leib bereits von Fäulnis riecht. Denn diese Krankheit macht sich den Leidenden bemerkbar und gereicht ihnen nicht zum Vorwurfe, sondern erweckt Mitleid, die deinige hingegen zieht dir Haß und Strafe zu. Weil also die Krankheit aus diesem Grunde so schwer ist, weil sie ferner der Kranke gar nicht merkt, wie es doch der Fall sein sollte, so schenke meinen Worten willig Gehör, damit du dir über ihre Verderbtheit völlig klar werdest. Zuvörderst beachte, was du in den Psalmen betest: "Mein Gebet komme wie Weihrauch vor Dein Angesicht"2 . Wenn nun aber stinkender Qualm anstatt Weihrauchduft von dir und deinen Werken emporsteigt, welches wird dann wohl deine Strafe sein müssen? Worin besteht aber dieser stinkende Qualm? Darin daß viele in die Kirche kommen, um schöne Frauen zu begaffen; andere richten ihr Augenmerk auf anmutige Kinder. Wunderst du dich da, daß kein Blitz niederfährt und alles in Grund und Boden schlägt? Ein solches Betragen wäre gewiß wert, daß der Blitz dareinführe und sie in die Hölle schleuderte. Weil aber Gott langmütig und allbarmherzig ist, hält er mit seinem Zorne vorläufig zurück und ladet dich zur Reue und Besserung ein. Was treibst du, O Mensch? Du gibst dich mit schönen Weibern ab, ohne zu erschaudern daß du damit den Tempel Gottes entweihest? Meinst du, die Kirche sei ein Buhlhaus und weniger ehrwürdig als der Markt? Auf dem Markte scheuest und schämst du dich, offen einem Weibe gegenüber zudringlich zu sein; im Tempel Gottes aber, wo Gott dir unter Drohungen verbietet, so etwas zu tun, da buhlst du und treibst Ehebruch, und zwar zu eben der Zeit, da du hörst, daß man dergleichen nicht tun darf? Und du bebst nicht, es graust dir nicht? Solche Dinge lehren auch die wollüstigen Schauspiele, diese unausrottbare Pest, dieser Gifttrank, diese böse Schlinge der Üppigkeit, und jene liederlichen Menschen, die noch in ihrem Untergang ausgelassen sind. Daher spricht auch der Prophet den Tadel aus: "Weder deine Augen noch dein Herz ist gut"3 . Es wäre wahrlich besser, solche Leute wären blind; besser krank sein, als mit den Augen einen solchen Mißbrauch treiben. Im Innern solltet ihr eine Mauer haben, die euch von den Weibern trennt; da dem aber nicht so ist, so erachteten es eure Väter für notwendig, euch wenigstens durch die Gitter hier von ihnen zu scheiden. Wie ich von älteren Leuten höre, gab es früher keine solche Schranken, "denn in Christus Jesus ist weder Mann noch Weib"4 . Auch zu den Zeiten der Apostel waren Männer und Frauen miteinander beisammen, denn die Männer waren eben Männer und die Frauen waren wirklich Frauen. Jetzt aber ist es ganz anders geworden. Die Weiber haben die Art von Buhlerinnen angenommen und die Männer sind wie brünstige Hengste. Habt ihr nicht gehört, daß in dem Abendmahlsaale Männer und Frauen beisammen waren und daß diese Versammlung eine Wonne für den Himmel war?5 Mit vollem Rechte. Damals waren eben die Frauen tugendhaft, die Männer keusch und enthaltsam. Vernehmet nur, wie die Purpurhändlerin spricht: "Wenn ihr mich für würdig befunden habet des Herrn, so tretet in mein Haus und bleibet"6 . Höret, wie Frauen mit den Aposteln herumreisten, wie sie eine männliche Gesinnung angenommen hatten, eine Priszilla, eine Persis und andere. Von diesen sind unsere Frauen ebenso weit verschieden, wie unsere Männer von den Männern jener Zeit.

1: Luk 7,38
2: Ps 140
3: Jer 22,17
4: Gal 3,28
5: Apg. 1,13-14
6: Apg. 1,13-14

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger