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Chrysostomus († 407)
Vom jungfräulichen Stande
(De virginitate)

1. Der jungfräuliche Stand der Ketzer hat keinen Lohn zu gewärtigen.

Das vortreffliche Gut des jungfräulichen Standes verabscheuen die Juden; es ist auch kein Wunder, da sie sogar den aus einer Jungfrau geborenen Christus verschmähten: die Heiden bewundern ihn und staunen darüber: Eifer dafür hat allein die Kirche Gottes. Denn die Jungfrauen der Ketzer möchte ich nicht einmal so nennen; erstens weil sie nicht keusch sind; denn sie sind nicht Einem Manne verlobt, wie jener heilige Brautwerber Christi es will, wenn er sagt: „Ich habe euch Einem Manne verlobt, als keusche Jungfrau euch Christo darzustellen.“1 Denn wenn dieses auch von der ganzen Versammlung der Kirche gesagt ist, so umfaßt diese Rede doch auch Jene. Wie können also diejenigen keusch sein, welche nicht Einen Mann lieben, sondern einen anderen Gott, der es nicht ist, einführen? Für’s erste also sind sie aus diesem Grunde nicht Jungfrauen; zweitens aber, weil sie, indem sie die Ehe verdammen, auf dem Wege dazu gekommen sind, sich der Ehe zu enthalten. Denn da sie dieselbe für sündhaft erklären, so haben sie sich den Lohn der Jungfrauschaft im Voraus benommen. Denn es ziemt sich ja nicht, daß diejenigen gekrönt werden, welche das Laster vermeiden, sondern nur, [S. 157] daß sie nicht der Strafe verfallen; und das kann man nicht blos aus unseren Gesetzen ersehen, sondern es ist auch in jenen der Draußenstehenden so festgesetzt. „Wer einen Mord verübt“, heißt es, „der soll getödtet werden“: es wird aber nicht auch beigefügt: „Wer keinen Mord verübt hat, der soll geehrt werden.“ „Der Dieb soll bestraft werden,“ nicht aber auch: „Wer fremdes Gut nicht geraubt hat, soll eine Belohnung erhalten“: und während sie den Ehebrecher tödten, haben sie den, welcher fremde Ehen nicht untergrub, keiner Ehre würdig erachtet. Denn Lob und Bewunderung verdienen nur jene, welche sich der Tugend befleissen, nicht diejenigen, welche das Laster fliehen: den für diese ist es schon Ehre genug, daß sie keine Strafe erleiden. Deßhalb hat auch unser Herr demjenigen, welcher unbesonnen und grundlos seinem Bruder zürnt und ihn einen Narren heißt, mit der Hölle gedroht,2 hat aber denjenigen, welche nicht grundlos zürnen und sich des Schmähens enthalten, nicht das Himmelreich in Aussicht gestellt, sondern von ihnen etwas Anderes verlangt, was mehr und größer als das ist, indem er sagt: „Liebet euere Feinde.“3 Und da er zeigen wollte, daß es etwas gar Geringes und Unbedeutendes sei und keine Belohnung verdiene, wenn man die Brüder nicht hasse, so sagt er, nachdem er etwas viel Größeres befohlen, nämlich sie zu lieben und ihnen Gutes zu thun, daß selbst dieses nicht hinreiche, um einen Lohn zu verdienen. Denn wie könnten wir das, da wir hierin nichts vor den Heiden voraushaben? Wollen wir also eine Belohnung aussprechen, so muß noch etwas weit Größeres dazu kommen. „Denn nicht bloß deßhalb,“ sagt er, „halte dich der Krone für würdig, weil ich dich nicht zur Hölle verdamme, der du dich des Schmähens und des Zornes gegen deinen Bruder enthältst. Denn ich fordere nicht bloß ein solches Maaß freundlichen Sinnes; sondern, wenn du dir auch kein Schimpfwort erlaubst, und du ihn sogar zu lieben behauptest, so [S. 158] stehst du noch tief und stellest dich neben die Zöllner. Willst du vollkommen und des Himmels würdig erscheinen, so bleibe nicht dabei stehen, sondern steige weiter hinauf und nimm einen höhern Flug der Gedanken, als die Natur selbst ist; das besteht aber darin, daß du die Feinde liebest.“ Da nun für uns das allseitig feststeht, so mögen die Häretiker aufhören, sich vergeblich zu quälen; denn sie werden keine Belohnung empfangen, nicht als ob Gott ungerecht ist — das sei ferne —, sondern weil sie selbst unwissend und gottlos sind. Was nun? Es wurde bewiesen, daß für die bloße Flucht der Sünde kein Lohn in Aussicht gestellt sei; Sie aber halten die Ehe für sündhaft und fliehen sie deßhalb: wie werden sie also für die Meidung der Sünde eine Belohnung fordern können? Denn wie wir, falls wir nicht ehebrechen, keine Krone verdienen, Ebenso wenig auch sie, weil sie nicht heirathen. Denn es wird derjenige, der an jenem Tage über uns Gericht halten wird, sie also anreden: „Ich habe nicht denjenigen Ehren verheißen, die sich bloß der Laster enthielten (denn das ist in meinen Augen gering); sondern ich werde diejenigen, welche jegliche Tugend geübt, in die ewige Erbschaft des Himmels einführen. Wie verlangt also ihr, die ihr die Ehe für unrein und sündhaft gehalten, für die Flucht vor der Sünde Belohnungen, welche für jene bestimmt sind, welche Gutes gethan?“ Denn darum stellt er die Lämmer auf die rechte Seite, belobt sie und führt sie in’s Himmelreich ein,4 nicht weil sie nichts Fremdes geraubt, sondern weil sie auch das Ihrige Andern mitgetheilt haben: und denjenigen, welchem fünf Talente anvertraut worden, belobt er, nicht weil er sie nicht vermindert, sondern weil er das Anvertraute vermehrt und das Pfund doppelt zurückgebracht hat. Wie lange werdet ihr also nicht aufhören, umsonst zu laufen, euch vergeblich zu mühen, vergeblich zu kämpfen und Luftstreiche zu führen?5 Aber wenn doch nur vergeblich! ob- [S. 159] gleich es schon als nicht geringe Strafe erscheint, daß diejenigen, welche viel gearbeitet haben und einen höhern Lohn, als ihre Arbeiten waren, erwarten, an jenem Tage des Ruhmes unter die Ruhmlosen eingereiht werden.

1: II. Kor. 11, 2.
2: Matth. 5, 22.
3: Matth. 5, 44.
4: Matth. 25, 33.
5: Philipp. 2, 16. I. Kor. 9, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger