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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

84. Mit Recht ist uns für die gleichen guten Werke ein geringerer Lohn in Aussicht gestellt als den Alten.

„Warum ist nun für die gleichen guten Werke uns und den Alten nicht der gleiche Lohn in Aussicht gestellt, sondern warum sollen wir eine größere Tugend beweisen, wenn wir das Nämliche, wie jene, erlangen wollen?“ Weil jetzt die mächtige Gnade des heiligen Geistes ausgegossen ist und das große Geschenk der Ankunft Christi. Denn dieses hat aus Kindern kräftige Männer gemacht. Gleichwie wir daher von unsern Kindern, wenn sie mannbar geworden, eine weit größere Tugend verlangen, und was wir an ihnen früher in dem ersten Alter lobten, nicht auf gleiche Weise bewundern, wenn sie, Männer geworden, dasselbe thun, sondern ihnen befehlen, Anderes und zwar viel Schwereres als jenes zu leisten: ebenso forderte auch Gott in den ersten Zeiten von der menschlichen Natur nicht große Tugenden, weil sie noch zu viel jugendlichen Sinn hatte; nachdem sie aber die Propheten und Apostel vernommen und die Gnade des heiligen Geistes erlangt hatte, so dehnte er für sie auch die Größe der Tugend aus. Und mit Recht; denn jetzt verhieß er auch einen größern Lohn und weit herrlichere Belohnungen: nicht mehr die Erde und Irdisches, sondern der Himmel und jene Güter, welche alle Begriffe übersteigen, erwarten die Tugendhaften. Wie sollte es also nicht thöricht sein, daß die Erwachsenen noch in derselben Kindheit verharren? Denn die menschliche Natur war damals in sich [S. 281] gespalten, und es herrschte ein unversöhnlicher Krieg. Indem Paulus denselben beschreibt, sagt er: „Ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, welches dem Gesetze meines Geistes widerstreitet und mich gefangen hält unter dem Gesetze der Sünde, das in meinen Gliedern ist.“1 Jetzt aber ist dieß nicht mehr der Fall. „Denn was dem Gesetze unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt ward, das hat Gott bewirkt, indem er seinen Sohn in Gestalt des sündigen Fleisches und wegen der Sünde sandte und die Sünde im Fleische verdammte.“2 Und hiefür Gott Dank sagend sprach Paulus: „Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich von dem Leibe dieses Todes befreien? Ich sage Gott Dank durch Jesum Christum.“3 Wir werden daher mit Recht bestraft, wenn wir, die wir frei geworden, nicht ebenso laufen wollen, wie die Gefesselten; ja, wenn wir nur Gleiches vermöchten, so würden wir der Strafe auch nicht entgehen. Denn für jene, die sich eines tiefen Friedens erfreuen, ziemt es sich, weit größere und herrlichere Siegeszeichen zu errichten, als jene, die von einem sehr heftigen Kriege heimgesucht sind. Wenn wir uns daher beständig um Reichthümer, Wollust, Weiber und Geschäfte bekümmern, wann werden wir Männer werden, wann im Geiste leben, wann die Angelegenheiten des Herrn besorgen? Vielleicht wann wir von hier abscheiden werden? Das ist aber nicht mehr die Zeit der Arbeiten und Kämpfe, sondern der Belohnungen und Strafen.4 Dort wird weder eine Jungfrau, wenn sie kein Oel in der Lampe hat, solches von andern empfangen können, sondern sie wird draußen bleiben, noch derjenige, welcher mit schmutzigen Kleidern angethan dasteht, hinausgehen und das Kleid wechseln können, sondern vielmehr in das höllische Feuer gestoßen werden, noch wird er, und wenn er Abraham selbst anflehete,5 davon einen Nutzen haben. Denn nachdem der Tag des Herrn gekom- [S. 282] men, der Richterstuhl aufgestellt ist, der Richter dasitzt, und der Feuerstrom dahinstürzt,6 und die Prüfung unserer Handlungen stattfindet, so ist es nicht mehr möglich für Frevelthaten Buße zu thun, sondern wir werden ohne Weiteres zu der ihnen gebührenden Strafe, ob wir wollen oder nicht, fortgerissen, indem uns dann Niemand mehr zu befreien vermag. Besäße aber auch Einer ein gleiches Vertrauen, wie die großen und bewunderungswürdigen Männer,7 wenn selbst ein Noe, ein Job, ein Daniel sogar für seine Söhne und Töchter flehete, so wird er nichts ausrichten, sondern die Sünder müssen die ewigen Strafen büßen, sowie die Gerechten werden verherrlichet werden. Denn Christus erklärte, daß es weder für diese, noch für jene ein Ende geben werde, da er sagt, daß wie das Leben, so auch die Strafe ewig sein werde. Denn als er die zur Rechten gelobt und die zur Linken verurtheilt hatte, fügte er bei: „Diese werden in die ewige Pein gehen, die Gerechten aber in das ewige Leben.“8 Darum muß man sich hier alle Mühe geben, und der, welcher ein Weib hat, muß so handeln, als hätte er keines; wer aber wirklich keines hat, muß mit der Jungfrauschaft auch alle übrigen Tugenden üben, damit wir nicht nach dem Weggange von hier vergeblich weinen.

1: Röm. 7, 23.
2: Ebendas. 8, 3.
3: Ebendas. 7, 24.
4: Matth. 25.
5: Ebendas. 21.
6: Dan. 7, 10.
7: Vergl. Ezech. 14, 14.
8: Matth. 25, 46.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger