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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

83. Uns und den Alten ist nicht ein gleiches Tugendmaß vorgeschrieben.

Ueberdieß aber wird, was ich schon Anfangs gesagt und jetzt wiederhole, von uns und von jenen nicht das gleiche Maß von Tugend gefordert. Denn heutzutage kann Niemand vollkommen sei, es sei denn, daß er Alles verkauft, Allem entsagt habe, nicht bloß den Reichthümern und Gebäuden, sondern selbst seiner Seele;1 damals aber ging die Forderung nicht so weit. „Worin nun,“ sagt man, „leben wir jetzt vollkommener als der Patriarch?“ Wir sollten es wohl, und es wird uns auch befohlen; wir thun es aber nicht und stehen darum dem Gerechten weit nach. Denn Jedermann ist es klar, daß uns größere Kämpfe auferlegt sind. Wenn daher die Schrift den Noe belobt, so thut sie das nicht einfach, sondern mit einem Zusatz; denn sie sagt: „Noe war ein gerechter und vollkommener Mann in seinem Geschlechte; er war Gott wohlgefällig:“2 nicht bloß „vollkommen,“ sondern „in der damaligen Zeit.“ Denn es gibt viele Arten von Vollkommenheit, die je nach der Verschiedenheit der Zeiten begrenzt sind; und „was ehemals vollkommen war, wird im Fortschritt der Zeit unvollkommen.“3 So war z. B. ehemals vollkommen, wer nach dem Gesetze lebte; denn „wer dieses thut,“ heißt es, „wird darin leben.“ Als aber Christus gekommen war, erklärte er dieß für etwas Unvollkommenes. „Denn,“ er sagt, „wenn eure Gerechtigkeit nicht größer sein wird, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“4 Damals schien der Mord allein furchtbar zu sein; jetzt kann sogar der bloße Zorn und die Schmähung in die Hölle stürzen; damals wurde nur der Ehebruch bestraft; jetzt ist selbst das bloße Anschauen eines Weibes mit lüsternen Augen straffällig. Damals war bloß der Meineid vom Bösen, jetzt sogar das Schwören; denn es heißt: „Was [S. 280] darüber hinausgeht, ist vom Bösen.“5 Von jenen wurde nicht mehr gefordert, als die zu lieben, die sie liebten; jetzt aber ist dieses Große und Bewunderungswürdige so unvollkommen, daß wir, wenn wir nur dieses thun, keinen Vorzug vor den Zöllnern haben.

1: Matth. 19.
2: Gen. 6, 9.
3: Lev. 18, 5.
4: Matth. 5, 20.
5: Matth. 5, 37.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger