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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

82. Widerlegung derjenigen, welche behaupten, die Jungfrauen wünschten in Abrahams Schooß zu kommen.

Doch wie lautet die kluge Rede der Menge? „Der Pa- [S. 277] triarch Abrabam“, heißt es, „hatte sowohl Weib, als Kinder, sowohl Schätze, als Herden und Zugvieh, und trotz all dem wünschen Johannes, sowohl der Täufer als der Evangelist, beide jungfräulich lebend, und Paulus und Petrus, die durch ihre Enthaltsamkeit berühmt waren, in seinen Schooß zu kommen.“ Wer hat dir dieß aber gesagt, mein Theuerster? Was für ein Prophet? Welcher Evangelist? Christus selbst, sagst du. Denn als er den Hauptmann, der großen Glauben hatte, sah, sprach er: „Viele werden vom Aufgang und vom Niedergang kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen.“1 Ja, auch Lazarus wird, mit ihm sich ergötzend, vom Reichen gesehen.2 Was geht das Paulus, was Petrus, was Johannes an? Denn nicht Lazarus, nicht Paulus, nicht Johannes, auch nicht der Chor der Apostel waren die vom Aufgang und vom Niedergang Kommenden. Darum ist also diese eure Rede nichtig und vergeblich. Willst du die Belohnungen der Apostel deutlich hören, so vernimm den Ausspruch dessen, der sie austheilen wird: „Ihr werdet auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“3 Nirgends ist hier von Abraham, oder von seinem Sohne, oder Enkel, oder seinem Schooße, der sie aufgenommen hat, die Rede, sondern von einer weit höhern Würde, als diese. Denn diese sind es, welche da sitzen und die Nachkommen jener richten werden. Hierin besteht jedoch offenbar nicht der einzige Unterschied, sondern auch darin, daß Viele erlangen werden, was Abraham erlangt hat. Denn es heißt: „Viele werden vom Aufgang und vom Niedergang kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen;“4 jene Throne aber wird Niemand einnehmen, als der Chor dieser Heiligen. Erwähnet ihr, sprich, nun noch der Herden, der Rinder, der Ehen, der Kinder?

„Wie nun,“ heißt es, „wenn Viele der jungfräulich Lebenden nach schweren Mühsalen dahin zu kommen wünschen?“ [S. 278] Ich gehe aber noch weiter und sage, daß viele derselben weder diesen Schooß, noch etwas Geringeres erlangen, sondern in die Hölle gehen werden. Dieß beweisen die aus dem Hochzeitssaale ausgeschlossenen Jungfrauen.

„Demnach ist also die Ehe dem jungfräulichen Stande gleich, ja dieser ist schlechter. Denn dein Beispiel macht ihn schlechter. Wenn nämlich der verheirathet gewesene Abraham in Ruhe und Wonne, die Jungfrauen aber sich in der Hölle befinden, so bleibt nichts übrig, als dieß aus eurer Rede zu schließen.“ Die Sache verhält sich aber nicht so, durchaus nicht; denn die Jungfrauschaft ist nicht nur nicht schlechter, sondern weit vorzüglicher, als die Ehe. Wie so? Weil weder die Ehe den Abraham zu dem, was er war, gemacht, noch die Jungfrauschaft jene Unglücklichen zu Grunde gerichtet hat; vielmehr hat sowohl den Patriarchen die anderweitige Tugendhaftigkeit seiner Seele ausgezeichnet, als diese die anderweitige Schlechtigkeit ihres Lebens dem Feuer überliefert. Denn jener bemühte sich, obgleich in der Ehe lebend, die Vorzüge der Jungfrauschaft sich anzueignen, nämlich die Wohlanständigkeit und Beharrlichkeit; diese dagegen fielen, obgleich sie den jungfräulichen Stand gewählt hatten, wieder in die Wogen des Lebens und die Geschäfte der Ehe zurück.

„Was hindert nun,“ sagt man, „auch jetzt den Verheiratheten, mit Kindern, Reichthümern und allem Andern Versehenen, die Wohlanständigkeit und Beharrlichkeit zu üben?“ Erstens der Umstand, daß jetzt Niemand dem Abraham gleich, ja nicht einmal nahe kommt. Denn er, der sowohl Reichthümer als auch ein Weib besaß, verachtete selbst mehr als die, welche in Armuth leben, das Geld und beherrschte die Wollust mehr, als die jungfräulich Lebenden. Denn diese brennen täglich vor Begierden; jener aber hatte diese Flamme so sehr ausgelöscht und wurde so wenig von einer Begierde aefesselt, daß er sich nicht nur des Kebsweibes enthielt, sondern dasselbe sogar aus dem Hause trieb, um alle Ursache zu Zank und Streit zu beseitigen; was man aber heutigen Tags schwerlich zu finden vermöchte.

[S. 279]

1: Matth. 8, 11.
2: Luk. 16.
3: Matth. 19, 28.
4: Matth. 22.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger