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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

78. Warum Paulus den nicht scharf tadelt, der da meint, daß seine Jungfrau ihm zur Unehre gereiche.

Er sagt: „Wenn aber Jemand meint, daß es ihm zur Unehre wäre, wenn seine Jungfrau über die Jahre käme, und es so geschehen muß, so thue er, was er will; er sündigt nicht, wem, sie Heirathet.“1 Was sagst du? „Er thue, was er will.“ Und du berichtigest nicht die falsche Meinung, sondern gestattest zu heirathen? Warum sagtest du denn nicht: Wenn Jemand von seiner Jungfrau Schande zu haben meint, der ist bedauernswerth und unglücklich, weil er eine so bewunderungswürdige Sache für schimpflich hält? Warum hast du nicht gerathen, daß er diese Meinung aufgebe und seine Tochter von der Ehe abhalte? Weil — so [S. 271] würde er antworten — jene Seelen noch sehr schwach und gleichsam am Boden kriechend waren, so geartete Seelen aber sogleich zur Rede über die Jungfrauschaft zu führen nicht möglich erschien. Denn wer so leidenschaftlich an den Gütern der Welt hängt und das gegenwärtige Leben bewundert, daß er auch nach einer solchen Ermahnung das für schimpflich hält, was des Himmels würdig und mit dem englischen Leben verwandt ist: wie würde der einen Rath ertragen haben, der ihn hiezu antrieb? Und was Wunder, wenn Paulus dieß bei einer erlaubten Sache that, da er das Nämliche bei einer verbotenen und ungesetzlichen thut? Z. B. eine Auswahl der Speisen vorzunehmen, die einen zu billigen, die andern zu verwerfen, war ein Zeichen jüdischer Schwäche. Doch auch bei den Römern litten Einige an dieser Schwachheit; aber er fährt sie deßhalb nicht nur nicht heftig an, sondern er geht noch viel weiter. Denn indem er die Fehlenden bei Seite läßt, weist er jene, welche sie daran hindern wollten, mit folgenden Worten zurecht: „Du aber, warum richtest du deinen Bruder?“2 Im Briefe an die Kolosser jedoch thut er nicht dasselbe, sondern er tadelt sie recht nachdrücklich und belehrt sie, indem er sagt: „Darum soll euch Niemand richten wegen Speise und Trank.“ Und wieder: „Wenn ihr also mit Christo den Kindheitslehren dieser Welt abgestorben seid, warum urtheilet ihr noch, als lebtet ihr in der Welt? Rühre nicht an, koste nicht, taste nicht an, welches Alles zum Verderben gereicht, wenn man es gebraucht“3 (nach den Vorschriften und Lehren der Menschen). Warum thut er denn das? Weil diese stark waren; die Römer dagegen bedurften noch großer Nachsicht, und er wartete, bis der Glaube in ihren Gemüthern erst befestiget wäre, aus Furcht, er möchte, wenn er vor der Zeit und früher, als recht wäre, käme, um das Unkraut auszurotten, mit demselben zugleich die Pflanzung der gesunden Lehre ausreißen.4 Deßhalb [S. 272] fährt er sie nicht hart an, noch, entläßt er sie auch ohne Tadel, sondern er tadelt sie insgeheim und unerwartet durch die Zurechtweisung Anderer. Denn durch den Ausspruch: „Seinem Herrn steht oder fällt er“,5 scheint er zwar dem Tadler Stillschweigen aufzulegen, aber in Wahrheit verwundet er die Seele des Getadelten, indem er zeigt, daß das Auswählen solcher Dinge nicht Sache der Beharrlichen und Feststehenden, sondern jener sei, die noch hin- und herschwanken und sich in Gefahr befinden zu fallen, wenn sie nicht fest stehen.

Dieselbe Regel befolgt er auch hier wegen der großen Schwachheit derjenigen, welche sich der Sache schämen. Denn er geht nicht offen gegen ihn vor, sondern versetzt ihm dadurch einen empfindlichen Schlag, daß er den lobt, welcher seine Jungfrau bewahrt. Denn was sagt er? „Wer aber festen Entschluß gefaßt in seinem Herzen“,6 was als Gegensatz zu dem gesagt wird, welcher schnell und leicht umhergetrieben wird, noch nicht fest einherschreitet und nicht mit voller Manneskraft dasteht. Weil er sodann wußte, daß diese Rede genüge, um die Seele desselben zu verwunden, siehe, wie er sie dann wieder verhüllt, indem er eine Ursache anführt, die gewiß keinen Tadel verdient. Denn nachdem er gesagt: „Wer aber festen Entschluß gefaßt in seinem Herzen,“ fügt er bei: „Und nicht genöthiget ist, sondern Freiheit hat.“ Und doch war es folgerichtig zu sagen: „Wer aber feststeht, der glaubt auch nicht, daß die Sache schimpflich sei.“ Das war aber zu hart. Deßhalb setzte er etwas Anderes an die Stelle, indem er ihn tröstet und ihn lieber zu diesem Grunde kommen läßt. Denn es ist nicht so schlimm, eine Sache aus Zwang, wie aus Scham zu unterlassen. Denn das Eine ist das Zeichen einer schwachen und beklagenswerthen Seele, das Andere dagegen das Zeichen einer Seele, die auch verdorben ist und die Natur der Dinge nicht richtig [S. 273] zu beurtheilen versteht. Doch das zu sagen, war noch nicht die rechte Zeit gekommen; denn daß es im Falle der Noth nicht erlaubt sei, diejenige, welche den jungfräulichen Stand erwählt hat, davon abzuhalten, sondern daß man sich gegen Alles, was diesen herrlichen Entschluß hintertreiben soll, tapfer stemmen müsse, darüber höre, was Christus sagt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt, als mich, ist meiner nicht werth.“7 Denn wenn wir etwas Gott Wohlgefälliges unternehmen, so ist Jeder, der uns daran hindern will, sei es auch Vater oder Mutter oder wer immer, als Gegner oder Feind zu betrachten. Paulus dagegen, der die Schwäche seiner Zuhörer noch ertrug, schrieb Folgendes, indem er sagte: „Wer aber festen Entschluß gefaßt hat in seinem Herzen und nicht genöthiget ist.“ Aber auch hiebei bleibt er nicht stehen, obgleich die Worte: „Wer nicht genöthiget ist“ und: „Wer Freiheit hat“ dasselbe bedeuten, sondern er tröstet durch die Ausführlichkeit der Rede und fortgesetzte Erlaubniß die gebrochene und kleinmüthige Seele, indem er nachher noch eine andere Ursache hinzufügt: „Wer es in seinem Herzen beschlossen hat.“ Denn es genügt nicht, frei zu sein; und nicht bloß darum wird er verantwortlich, sondern er handelt erst dann recht, wenn er wählt und beschließt. Damit man aber nicht glauben möge, es sei wegen der großen Nachsicht ganz gleichgiltig, gibt er, wenn auch furchtsam, doch wieder einen Unterschied an, indem er sagt: „Also, wer seine Jungfrau verheirathet, thut wohl; wer sie aber nicht verheirathet, thut besser.“8 Um wie viel dieses aber besser sei, erklärt er aus derselben Ursache nicht. Wenn du es erfahren willst, so höre Christus: „Sie werden weder heirathen, noch geheirathet werden, sondern sie werden wie die Engel Gottes im Himmel sein.“9

[S. 274]

1: I. Kor. 7, 36.
2: Röm. 14, 10.
3: Kol. 2, 16. 20. 21. 22.
4: Matth. 13.
5: Röm. 14, 4.
6: I. Kor. 7, 37.
7: Matth. 10, 37.
8: I. Kor. 7, 38.
9: Matth. 22, 30.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger