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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

75. Was es heißt: Wer ein Weib hat, soll sein, als hätte er keines.

Wenn nun Jemand deutlicher zu verstehen wünschen sollte, was es heiße: „Wer ein Weib hat, soll sein, als hätte er keines,“ der möge bedenken, wie jene leben, welche keines besitzen und sich gekreuziget haben. Wie leben nun diese? Sie haben nicht nöthig, eine Schaar von Mägden, goldenen Halsschmuck, prächtige und große Gebäude, so und so viele Äcker Landes zu kaufen, sondern sie haben nur, nachdem sie sich von all diesem entledigt, für Ein Gewand und für ihre Nahrung zu sorgen. Aber auch derjenige, welcher ein Weib hat, vermag sich zu dieser Lebensweisheit zu erheben. Denn was der Apostel oben sagt: „Entziehet euch einander nicht“,1 gilt blos von dem Beischlafe. Denn hierin befiehlt er ihnen, daß sie einander willfährig seien, und gestattet, daß Einer des Andern Herr sei. In der anderweitigen Uebung der Lebensweisheit, in der Kleidung, Nahrung und in allem Andern ist Eines vom Andern nicht abhängig, sondern es ist den Männern erlaubt, auch wenn das Weib nicht will, alle Schwelgerei und die Menge der überflüssigen Sorgen fahren zu lassen, und das Weib hinwieder braucht seinerseits nicht, wenn es nicht will, sich zu putzen, der Eitelkeit zu pflegen und sich um überflüssige Dinge zu kümmern. Und [S. 267] mit Recht; denn jenes Verlangen ist natürlich und deßhalb sehr verzeihlich, und es kann Keines dem Andern sich gegen dessen Willen entziehen; das nach Schwelgerei, überflüssiger Bedienung und unnützer Sorge aber geht nicht von der Natur aus, sondern hat seinen Grund in der Trägheit und in gewaltigem Hochmuth. Darum nöthigt es die Verheiratheten in diesen Dingen nicht, wie in jenen, sich einander zu unterwerfen. Der Ausspruch: „Wer ein Weib hat, soll sein, als hätte er keines“ will also sagen, daß wir die durch den Schmuck und den Luxus der Frauen entstehenden überflüssigen Sorgen nicht zulassen, sondern gerade nur so viele Sorgen mehr übernehmen, als Eine Seele verlangt, die uns zugetheilt wird und sich entschlossen hat, ein weises sparsames Leben zu führen. Denn daß Paulus dieß wolle, zeigt er durch den Zusatz: „Und die, welche weinen, sollen sein, als weinten sie nicht“,2 und die, welche sich über Landgüter freuen, als freuten sie sich nicht. Denn es werden weder diejenigen, welche sich nicht freuen, um ihre Besitzthümer Kummer haben, noch jene, welche nicht weinen, die Armuth fürchten und die Sparsamkeit verabscheuen. Das heißt es, ein Weib haben und doch keines haben; das heißt es, die Welt gebrauchen und sie nicht mißbrauchen. „Wer ein Weib hat, sorgt für das, was der Welt ist“.3

Da also sowohl hier als dort gesorgt wird, und zwar umsonst und vergeblich, ja sogar mit Betrübniß und Drangsal (denn „solche“, heißt es, „werden Drangsale des Fleisches haben“4 ), dort aber für unanssprechliche Güter; warum wählen wir also nicht die Sorge, welche nicht blos so viele und so große Belohnungen zu erwarten hat, sondern auch ihrer Natur nach leichter ist als jene? Denn um was macht sich die Unverehelichte Sorge? Etwa um Schätze, um Diener und Hausverwalter, um Aecker oder dergleichen? Hat sie die Aufsicht über Köche, Weber oder über das andere Gesinde zu führen? Keineswegs! Sie [S. 268] denkt an keines dieser Dinge, sondern kümmert sich nur um Eines, daß sie ihre Seele aufbaue und diesen heiligen Tempel nicht mit Flechtwerk oder Gold oder Perlen, nicht mit Schminke und Malereien, nicht mit andern Lasten und Kümmernissen, sondern vielmehr mit Heiligkeit des Leibes und der Seele ausschmücke. „Die Verheirathete aber,“ sagt er, „sorgt, wie sie dem Manne gefalle.“5 Sehr weise geht er nicht auf die Untersuchung der Dinge selbst ein, noch erwähnt er, was die Frauen sowohl am Körper als an der Seele leiden, damit sie dem Manne gefallen, indem sie jenen foltern, schminken und mit andern Uebeln strafen, diese hingegen mit Kargheit, Schmeichelei, Heuchelei, Kleinmuth, mit thörichten und unnützen Sorgen anfüllen. Indem er aber dieß Alles mit Einem Worte andeutet, überläßt er die Erwägung dem Gewissen der Zuhörer; und nachdem er auf diese Weise die Vortrefflichkeit des jungfräulichen Standes gezeigt und sie bis zum Himmel selbst erhoben, lenkt er die Sprache wieder auf die Erlaubtheit der Ehe, überall besorgt, es möchte ihn Jemand als Gebot betrachten. Nicht zufrieden daher mit den obigen Ermahnungen, wo er gesagt: „Ich habe kein Gebot vom Herrn“, und: „Wenn die Jungfrau heirathet, so sündigt sie nicht,“ spricht er hier wieder: „Nicht daß ich euch einen Strick anlege.“6

1: I. Kor. 7, 5.
2: I. Kor. 7, 30.
3: Ebendas. V. 33.
4: Ebendas. V. 28.
5: I. Kor. 7, 34.
6: Ebendas. VV. 25. 28. 35.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger