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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

73. Diese Zeit ist keine Zeit zur Ehe.

Und was hat das mit der Ehe zu schaffen? möchte vielleicht Jemand fragen. Wahrlich sehr viel; denn wenn sie mit diesem Leben aufhört, und wenn man in dem künftigen weder heirathet noch geheirathet wird, und diese Zeit zu Ende geht, und die Auferstehung gleichsam vor der Thüre steht, dann ist keine Zeit der Ehe und des Geldes, sondern der Armuth und jeder andern Lebensweisheit, welche uns dort nützen wird. Denn so wie eine Jungfrau, so lange sie zu Hause bei der Mutter bleibt, sich große Sorge um alle kindischen Dinge macht, eine Kiste in ihrer Kammer aufstellt und für das, was darin verborgen ist, [S. 263] sowohl selbst den Schlüssel hat als alle Macht darüber besitzt und eine gleiche Sorge für die Bewachung jener kleinen und werthlosen Sachen übernimmt, wie jene, welche ein großes Hauswesen verwalten; wenn sie aber sich verloben soll, und die Zeit der Heirath sie nöthigt, das väterliche Haus zu verlassen und sie dann, dieser Kleinigkeiten und Spielereien entledigt, die Verwaltung des Hauses, das Vermögen und eine zahlreiche Dienerschaft, die Pflege des Mannes und andere noch größere Dinge besorgen muß: ebenso müssen auch wir, wenn wir erwachsen und in das Mannesalter getreten sind, alles Irdische und alle kindischen Spielereien bei Seite setzen und dafür an den Himmel und die ganze Herrlichkeit und Glorie des dortigen Aufenthalts denken; denn auch wir sind einem Bräutigam verlobt, der eine solche Liebe von uns fordert; daß wir nicht blos den irdischen, kleinlichen und werthlosen Dingen, sondern nöthigenfalls dem Leben um seinetwillen entsagen. Da wir nun dorthin gehen müssen, so laßt uus diese nichtige Sorge verbannen. Denn da wir aus einem armen Hause in ein Königreich versetzt werden sollen, so dürfen wir uns nicht um thönerne Geschirre, Holz, Hausgeräthe und andere armselige im Hause erforderliche Dinge bekümmern. Sorgen wir daher nicht mehr für Irdisches; denn die Zeit ruft uns schon zum Himmel, wie auch der heilige Paulus an die Römer schreibt: „Denn jetzt ist unser Heil näher, als da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt; der Tag aber hat sich genaht“,1 und wiederum: „Die Zeit ist kurz“,2 so daß jene, welche Weiber haben, ebenso sein sollen, als hätten sie keine. Was soll aber die Ehe denen, welche sich ihrer nicht bedienen, sondern so sein sollen, als hätten sie dieselbe nicht? Wozu Vermögen? Wozu Landgüter? Wozu Lebensmittel, deren Gebrauch überdieß hinfällig und unzeitig ist? Denn wenn bei uns diejenigen, welche vor Gericht erscheinen, sich wegen ihrer [S. 264] Vergehen vertheidigen sollen, sobald der entscheidende Tag nahe ist, nicht blos die Sorge für die Frau, sondern auch für Speise und Trank sowie jede andere aufgeben und nur an ihre Vertheidigung denken: so müssen auch wir, die wir nicht vor einem irdischen Forum, sondern vor dem himmlischen Richterstuhl erscheinen und über unsere Worte Handlungen und Gedanken Rechenschaft ablegen müssen, noch weit mehr von Allem sowohl von der Freude als auch von der Trauer über die gegenwärtigen Dinge uns enthalten und nur um jenen schrecklichen Tag uns bekümmern. Denn „wenn Jemand“, heißt es, „zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater und Mutter und Weib und Kinder und Brüder und Schwestern, ja auch sogar seine eigene Seele, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer sein Kreuz nicht trägt und mir nachfolgt, der kann mein Jünger nicht sein.“3 Du aber pflegest der Ruhe und gibst dich der Begierlichkeit nach dem Weibe, dem Lachen, der Weichlichkeit, der Schwelgerei hin? „Der Herr ist nahe, verwickelt euch nicht in Sorgen.“4 Du machst dir Sorge und Kummer um Schätze? „Das Himmelreich ist nahe.“ Du hast Gebäude, Luxus und sonstiges Vergnügen im Auge? „Es vergeht die Gestalt dieser Welt.“ Was quälest du dich mit den vergänglichen und hinfälligen Dingen, während du dich um die bleibenden und beständigen nicht kümmerst? Es werden keine Ehe, keine Geburtsschmerzen, keine Wollust, kein Beischlaf, keine Anhäufung von Schätzen, keine Sorge für Landgüter, keine Speise, keine Kleidung, kein Ackerbau und keine Schifffahrt, keine Künste, keine Bauten, keine Städte, keine Wohnungen, es wird vielmehr ein anderer Zustand und ein anderes Leben folgen: alles dieses wird bald nachher zu Grunde gehen; denn das bedeuten die Worte: „Die Gestalt dieser Welt vergeht.“ Warum geben wir uns also, als wenn wir durch die ganze Ewigkeit hier bleiben sollten, alle Mühe um [S. 265] solche Dinge, von denen wir oft schon, ehe der Abend eintritt, scheiden müssen? Warum wählen wir ein mühevolles Leben, während uns Christus zu einem ruhigen ruft? Denn es heißt: „Ich wünsche, daß ihr ohne Sorge seid. Wer ohne Weib ist, sorgt nur für das, was des Herrn ist.“5

1: Röm. 13, 11.
2: I. Kor. 7, 29.
3: Luk. 14, 26. 27.
4: Philipp. 4, 5. 6.
5: I. Kor. 7, 32.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger