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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

8. Die Verachtung gegen Verheirathete schadet der Jungfräulichkeit.

„Was geht nun das mich an“, entgegnet sie, „die ich der Ehe entsagt habe?“ Gerade das, du Unglückliche, ist dein Verderben, daß du meinst, diese Lehre berühre dich nicht. Dadurch, daß du die Sache so sehr verachtest, hast du die Weisheit Gottes beschimpft und die ganze Schöpfung geschmäht. Denn ist die Ehe unrein, so sind auch alle aus ihr entsprungenen Wesen unrein, also ihr selber nicht rein; denn ich möchte nicht sagen: Die Menschennatur. Wie ist also die Unreine eine Jungfrau? Denn auch diese zweite, ja noch eine dritte Art von Schmutz und Unreinigkeit ist von euch ausgedacht worden, und ihr, die ihr die Ehe als etwas Schändliches flöhet, wurdet gerade durch diese Flucht von Allen die Schändlichsten, indem ihr eine Jungfrauschaft erfunden, die schimpflicher ist, als Hurerei.

Wo soll ich euch also eine Stelle anweisen? Bei den Juden? Das werden diese aber nicht dulden; den sie halten sowohl die Ehe in Ehren, als bewundern sie auch die Schöpfung Gottes. Oder bei uns? Aber ihr wollt ja Christus nicht hören, der durch Paulus spricht: „Ehrbar ist die Ehe, und unbefleckt das Ehebett.“1 Es bleibt also nur übrig, daß ihr bei den Heiden eine Stelle einnehmt. Aber auch diese werden euch abweisen als Solche, die gottloser sind als sie selbst. Denn Plato sagt, daß derjenige gut war, der dieß Alles gemacht hat;2 und, daß kein Guter wegen irgend einer Sache Mißgunst empfinde. Du aber nennest ihn böse und den Schöpfer böser Dinge. Doch fürchte dich nicht; du hast Genossen deiner Lehre; den Teufel und seine Engel, oder besser gesagt: nicht einmal diese; denn auch bei diesen, die dich zu diesem Wahnsinn verführten, darf man nicht die selbe Gesinnung vermuthen. Denn daß siewissen, [S. 166] Gott sei gut, kannst du aus ihrem Rufe entnehmen, indem es bald heißt: „Wir wissen, wer du bist: der Heilige Gottes“;3 bald: „Diese Menschen sind Diener des höchsten Gottes“, die euch den Weg des Heiles verkünden.“4 Wollt ihr nun noch mit der Jungfräulichkeit prahlen, und euch ihrer rühmen, und nicht vielmehr weggehen, und euch selber beweinen, und die Thorheit betrauern, mit welcher euch der Teufel gleichsam wie Gefangene fesselt und in das höllische Feuer hinabzieht? — Du hast keine Ehe eingegangen? Aber das ist noch keine Jungfrauschaft; denn nur jene möchte ich eine Jungfrau nennen, welche, obgleich sie es konnte, sich dennoch nicht verheirathen wollte; da du aber behauptest, das gehöre zu den verbotenen Dingen, so ist die Befolgung nicht mehr Sache deiner eigenen Wahl, sondern des Zwanges durch das Gesetz. Deßhalb bewundern wir die Perser, welche keine Mütter heirathen, nicht aber die Römer: denn hier erscheint dieses Allen ohne Ausnahme als eine Schandthat, dort aber hat die Straflosigkeit derjenigen, die solches wagen, bewirkt, daß jene gelobt werden, die sich von dieser Vermischung enthalten. Auf dieselbe Weise muß man auch bei der Frage bezüglich der Ehe verfahren. Denn nachdem sie bei uns Allen erlaubt ist, bewundern wir mit Recht diejenigen, die sich der Ehe enthalten; ihr aber, die ihr sie unter die sündhaften Dinge hinstellt, habt in dieser Sache keinen Anspruch auf Lob; denn sich von verbotenen Dingen enthalten, ist nicht das Zeichen eines erhabenen und kräftigen Geistes. Denn ein Zeichen vollendeter Tugend ist es, nicht das zu unterlassen, weßhalb wir, wenn wir es thäten, bei Allen als Frevler erschienen, sondern in jenen Dingen zu glänzen, welche denjenigen, die sie unterlassen, darob keinen Vorwurf zuziehen, und jene, welche sie unternehmen und üben, nicht nur von dem Vorwurf eines Frevels befreien, sondern sie auch den Guten zuzählen. Denn gleichwie Niemand die Verschnittenen, weil sie keine Ehe eingehen, ob des jungfräulichen Standes belobt, auch euch nicht; denn was [S. 167] für jene Zwang der Natur ist, das ist für euch der Ausspruch des verdorbenen Gewissens; und gleichwie die Verstümmelung des Körpers die Verschnittenen bei dieser Sache des Ruhmes beraubt hat, so quält euch der Teufel, während die Natur bei euch unverletzt bleibt dadurch, daß er euere gesunde Ansichten verkehrt und so euch nicht zu heirathen zwingt, sowohl mit Anstrengungen, als mit dem Verluste des Ruhmes. Du verbietest die Ehe? Deßhalb wird dir auch für die Ehelosigkeit kein Lohn zu Theil werden, wohl aber Strafe und Züchtigung.

1: Hebr. 13, 4.
2: Plato im Timaeus.
3: Mark. 1, 24.
4: Apostelg. 16, 17.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger