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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

68. Von der Ruhe, welche dem jungfräulichen Stand inne wohnt.

Aber nichts von dem hat die Jungfrau zu leiden; ihr Häuschen ist vielmehr frei von Unruhe, und jedes Geräusch ist daraus verbannt. Wie in einem ruhigen Hafen beherrscht darin das Stillschweigen Alles und, was noch mehr ist als das Stillschweigen, die Heiterkeit der Seele, weil sie sich nicht mit menschlichen Dingen beschäftigt, sondern beständig mit Gott redet und fest auf ihn hinschaut. Und wer vermöchte wohl dieses Vergnügen zu messen? Welche Rede wäre im Stande, die Freude einer in diesem Zustande befindlichen Seele zu schildern? Gewiß keine, sondern blos jene, welche in Gott ihre Seligkeit haben, kennen die Größe derselben und erkennen es, um wie viel sie jeden Vergleich hinter sich läßt. — „Aber die große und von allen Seiten sichtbare Menge Geldes gewährt doch den Augen ein großes Vergnügen.“ Um wiel besser ist es, gen Himmel zu schauen und von dorther eine weit größere Wonne zu schöpfen? Denn um wie viel Gold herrlicher und kostbarer ist als Zinn und Blei, um so viel herrlicher und kostbarer ist der Himmel als Gold und Silber und jeder andere Stoff; und dieser Anblick geschieht ohne Sorge, während der andere mit vielem Kummer verbunden ist, was allenthalben am meisten den Begierden zusetzt. Aber du willst nicht nach dem Himmel schauen? So magst du denn das auf dem Forum liegende Geld betrachten. „Zu eurer Beschämung sage ich es“,1 um mit dem heiligen Panlus zu reden, weil ihr so leidenschaftlich in das Geld verliebt seid. Hier jedoch weiß [S. 258] ich nicht, was ich sagen soll. Denn es hat mich ein starker Zweifel befallen und ich kann nicht begreifen, warum so zu sagen nicht das ganze Menschengeschlecht, da es sich doch so leicht und so angenehm ergötzen kann, dieses Vergnügen genießt, dagegen in Kummer, Zerstreuung und Sorgen zumeist seine Freude findet. Denn warum ergötzt die Leute nicht ebenso das auf dem Forum liegende Geld, wie das im Hause? Und doch ist jenes glänzender und läßt die Seele frei von jeder Sorge. „Weil“, sagt man, „jenes nicht mein, dieses aber mein ist.“ Die Habsucht ist es also, welche das Vergnügen bewirkt, nicht die Natur des Geldes; denn wenn das der Fall wäre, so müßte man sich auch an jenem ergötzen. Wenn du aber sagen solltest: „des Nutzens wegen“, so wäre das Glas weit besser; und das bestätigen die Reichen selbst, weil sie meistens aus diesem Stoffe die Trinkgeschirre verfertigen lassen. Wenn sie aber auch aus Eitelkeit diese aus Silber zu machen veranlaßt werden, so überziehen sie, nachdem sie von innen Glas angebracht, die Außenseite mit Silber und zeigen damit, daß jenes behufs des Trinkens angenehmer und geeigneter sei, dieses aber nur zur Eitelkeit und leerer Prahlerei diene.

Was bedeutet denn aber zumal: „Mein und nicht mein?“ Denn wenn ich diese Worte genauer erwäge, so scheinen sie mir nur einfach Worte zu sein. Denn Viele vermochten dieses flüchtige Eigenthum selbst bei Lebzeiten nicht festzuhalten; jene aber, denen es bis zum Ende geblieben, sind, sie mochten wollen oder nicht, zur Zeit des Todes aus seinem Besitze vertrieben worden. — Aber nicht blos in Bezug auf Silber und Gold, sondern auch auf Bäder, Gärten und Gebäude darf man „mein und nicht mein“ nur als bloße Worte ansehen. Denn der Gebrauch ist Allen gemeinschaftlich, indem jene, welche ihre Eigenthümer zu sein scheinen, nur mehr Sorge um sie tragen, als die, welche es nicht sind. Die letzteren genießen sie nämlich nur; jene dagegen haben denselben Nutzen von ihnen mit vielen Sorgen, welchen die Andern ohne Sorge genießen.

[S. 259]

1: I. Kor. 6, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger