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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

63. Worin der Schmuck und die Schönheit der Jungfrauschaft bestehe.

Der Schmuck der Jungfrauschaft aber ist nicht von dieser Art. Denn er schadet nicht der damit Bekleideten, weil er kein Schmuck des Leibes, sondern nur der Seele ist. Wenn also diese häßlich ist, so ändert sie alsbald die Häßlichkeit, indem sie ihr einen unvergleichlichen Schmuck anlegt; ist sie aber schön und glänzend, so bewirkt sie eine noch größere Schönheit derselben. Denn weder Edelsteine und Gold, noch Kleiderpracht, noch kostbare Blumen verschiedenartiger Farben, noch etwas anderes Hinfälliges der Art zieret die Seelen, sondern an ihrer Statt Fasten, heilige Nachtwachen, Sanftmuth, Bescheidenheit, Armuth, Starkmuth, Demuth, Standhaftigkeit, überhaupt die Verachtung aller Dinge des gegenwärtigen Lebens. Denn sie hat ein so schönes und wohlanständiges Auge, daß sie statt Menschen unkörperliche Mächte und deren Gebieter zum Liebhaber hat; ein so reines und hellblickendes, daß sie statt der körperlichen die unkörperliche Schönheit zu sehen vermag: ein so sanftes und heiteres, daß sie nicht einmal gegen jene, die sie beleidigen und fortwährend betrüben, zornig wird und sich erhebt, sondern sie sogar liebvoll und freundlich anblickt. Sie besitzt eine so große Bescheidenheit, daß sich sogar die Frechen schämen und erröthen und in ihrer Wuth nachlassen, wenn sie dieselbe scharf ansehen. Und wie eine Magd, welche eine ehrbare Herrin bedient, auch so sein muß, mag sie wollen oder nicht, ebenso muß auch der Leib einer so philosophischen Seele alle seine Bewegungen nach dem Winke derselben einrichten. Denn sowohl das Auge als auch die Sprache, die Haltung und der Gang, kurz Alles trägt den Stempel der innern Vortrefflichkeit; und gleichwie eine kostbare Salbe, auch wenn sie [S. 253] in einem Gefäße verschlossen ist, die Luft mit ihrem Wohlgeruch schwängert und nicht blos die Bewohner des Hauses und die Nachbarn, sondern auch alle draußen Befindlichen mit Lust erfüllt, ebenso zeigt auch der Wohlgeruch der jungfräulichen Seele, der die Sinne umfließt, die im Innern wohnende Tugend und lenkt, nachdem sie Allen die goldenen Zügel der Bescheidenheit angelegt hat, jedes einzelne Pferd mit der größten Harmonie, und weder läßt sie die Zunge etwas Unanständiges und Ungeordnetes sprechen, noch das Auge frech und hochmüthig umherschauen, noch das Ohr ein ungeziemendes Lied vernehmen. Ja ihre Sorge erstreckt sich sogar auf die Füße, damit ihr Gang nicht ungeordnet und weichlich, sondern einfach und ungekünstelt sei; und nachdem sie alle Kleiderpracht abgelegt hat, erinnert sie auch das Gesicht unaufhörlich daran, daß es sich nicht unmäßigem Lachen überlasse, ja sogar nicht einmal sanft lächle, sondern stets ein ernstes und strenges Auge sehen lasse, das stets zu Thränen, niemals aber zum Lachen bereit ist.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger