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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

57. Von den Beschwerden, die mit jeder Ehe verbunden sind.

Doch wir wollen, wenn’s beliebt, jetzt dieß Thema verlassen, und dafür jene Dinge in’s Auge fassen, die von Natur der Ehe zugetheilt sind, und denen Niemand, ob er will oder nicht will, ausweichen kaun. Was sind das aber für Dinge? Die Geburtswehen, das Gebären und die Kinder. Doch greifen wir noch weiter zurück und erforschen, soweit es möglich ist, das, was der Ehe vorausgeht; denn genau wissen das nur jene, die es selbst erfahren haben. Es steht die Zeit der Brautbewerbung bevor, und sogleich gibts mancherlei und vielgestaltige Sorgen: was für einen Mann sie erhalten werde, ob nicht einen von niedriger Herkunft, nicht einen verachteten, nicht einen eigensinnigen, nicht einen Betrüger, nicht einen anmaßenden, nicht einen kecken, nicht einen eifersüchtigen, nicht einen Kleinigkeitskrämer, nicht einen einfältigen, nicht einen schlimmen, nicht einen hartherzigen, nicht einen Schwächling. Dieß Alles muß zwar nicht allen Mädchen, welche sich verheirathen, begegnen; sie müssen aber doch Alles bedenken und fürchten; denn da es noch ungewiß ist, wen sie zum Manne erhalten werden, da sich die Hoffnung noch in der Schwebe befindet, so fürchtet das Herz Alles und zittert, und es gibt nichts in dieser Beziehung, woran es nicht dächte. — Wollte aber Jemand behaupten, daß es in Erwartnng des Gegentheils sich auch freuen könne, so wisse er, daß uns die Erwartung von etwas Gutem nicht so erfreue, wie die Furcht vor etwas Schlimmem uns betrübt. Denn das Gute erzeugt erst dann ein Vergnügen, wenn es sicher gehofft wird; das Schlimme hingegen quält und verwirrt auf der Stelle die Seele, wenn auch nur ein Verdacht obwaltet. Wie nämlich Sklaven, welche wegen ihrer künftigen Herren in Ungewißheit sind, ihr Herz nicht beruhigen können, so ist auch das Herz der Jungfrauen während der ganzen Zeit der Brautwerbung einem im Sturm befindlichen Fahrzeuge gleich, in- [S. 245] dem die Eltern die Einen an sich ziehen, die Andern fortschicken. Denn jenen Freier, der gestern den Sieg davon trug, verdunkelt heute ein anderer, und diesen schlägt wieder ein dritter aus dem Felde. Es kommt wohl auch vor, daß sogar an der Schwelle der Ehe derjenige, welcher als Bräutigam galt, wieder mit leeren Händen abzieht, weil die Eltern das Mädchen einem Unerwarteten geben.

Aber nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer haben drückende Sorgen. Denn über diese Erkundigungen einzuziehen ist leicht; wie aber soll man die Sitten und die Gestalt jener erforschen, welche beständig im Innern des Hauses verweilt? Und dieß ist schon zur Zeit der Brautwerbung der Fall. Wenn aber die Zeit der Ehe heranrückt, so wächst die Sorge, und die Furcht ist größer, als das Vergnügen, sie möchte schon vom nämlichen Abende an widerlich und weit mangelhafter sein, als man erwartet. Denn es ist noch erträglich, daß die, welche im Anfang gelobt wurde, später verachtet werde. Wenn sie nun aber, so zu sagen, schon von den Schranken der Rennbahn an Eckel verursacht, wann wird sie bewundert werden können? Entgegne mir nicht: „Wie aber, wenn sie schön, wäre?“ Denn auch so wird er von dieser Sorge nicht frei sein. Denn viele Frauen, welche von sehr ausgezeichneter Körperschönheit gewesen, haben ihre Männer nicht zu fesseln vermocht, sondern diese haben die Frauen entlassen und sich andern, die ihnen weit nachstanden, ergeben. Ist aber auch diese Sorge beseitigt, dann tritt eine andere nicht minder lästige bei der Entrichtung der Mitgift an ihre Stelle, indem sie der Schwiegervater nicht gerne bezahlt, wie wenn er sie umsonst gäbe, und der Bräutigam, welcher das Ganze schnell haben möchte, genöthiget ist, die Einforderung schüchtern zu machen, und die junge Frau endlich, wird die Entrichtung verschoben, vor dem Manne sich schämt und erröthet, und zwar mehr, als vor jedem noch so unbilligen Gläubiger. Das übergehe ich jetzt.

Ist auch diese Sorge beseitigt, so kommt alsbald die Furcht vor der Unfruchtbarkeit, und überdieß auf der andern [S. 246] Seite die Besorgniß wegen allzu vieler Kinder; und ob noch keines von diesen Dingen gewiß ist, so werden sie doch von den Sorgen nach beiden Seiten hin gleich vom Anfang an in Unruhe versetzt. Und wenn sie auch sogleich schwanger geworden, dann ist die Freude abermals mit Furcht verbunden (denn in der Ehe gibt es einmal nichts Angenehmes ohne Furcht), mit der Furcht nämlich, es möchte eine Fehlgeburt eintreten und das Empfangene zu Grunde gehen, die Schwangere aber in die äusserste Gefahr gerathen. Wenn aber schon viele Zeit dazwischen liegt, dann wagt die Frau nicht mehr den Mund aufzuthun, als wenn sie über die Geburt zu entscheiden vermöchte. Steht aber der Augenblick der Geburt bevor, dann zerreißen und zerschneiden den schon so lange Zeit hindurch ermüdeten Leib die Geburtswehen, die allein schon genügen, alles Vergnügen der Ehe zu verdunkeln. Nach diesen quälen sie aber auch noch andere Sorgen. Denn die unglückliche und bedauernswürdige Frau fürchtet, wird sie auch von diesen Qualen noch so gefoltert, nicht weniger als das Gesagte, es möchte statt eines vollkommenen und gesunden Kindes ein fehlerhaftes und verstümmeltes zum Vorschein kommen, statt eines männlichen ein weiblicher Sprößling. Diese Sorge nämlich beunruhigt die Frauen nicht minder als die Geburtswehen, da sie ihre Männer nicht nur in den Dingen, bei denen sie schuldig sind, sondern auch in denen, wo sie keine Schuld tragen, und in diesen nicht weniger als in jenen fürchten und, während sie in einem so großen Sturm die Sorge für das eigene Wohl außer Acht lassen, darüber sich grämen, es möchte dem Manne etwas Unangenehmes geschehen. Ist aber das Kind geboren, und hat es den ersten Laut von sich gegeben, so folgen wieder neue Sorgen, nämlich um die Erhaltung und Erziehung. Hat es gute Anlagen und neigt sich zur Tugend, so sind die Eltern wieder in Furcht, es möchte unglücklich werden, vor der Zeit sterben, in irgend ein Laster versinken; denn es werden nicht blos aus Schlechten Gute, sondern auch aus Guten Verworfene und Schlechte. Und wenn sich etwas Schlimmes ereignet, so ist das ein [S. 247] unerträglicheres Uebel, als wenn es von Anfang an geschehen wäre. Wenn aber auch die guten Eigenschaften von Dauer sind, so ist doch stets die Furcht vor Veränderung da, welche die Gemüther der Eltern in Unruhe versetzt, und einen großen Theil des Vergnügens abschneidet.

„Aber es haben doch nicht alle Ehegatten Kinder.“ Damit führst du mir einen andern Grund der Unruhe an. Wenn nun die Ehegatten, sei es, daß Kinder da sind oder nicht, sei es, daß sie gut oder lasterhaft sind, von mannigfaltigen Bedürfnissen und Sorgen beherrscht werden: aus welchem Grunde werden wir nun das Leben in der Ehe ein sehr angenehmes nennen? Wiederum, wenn die Ehegatten ein einträchtiges Leben führen, so müssen sie fürchten, daß der Tod die Freude zerstöre; noch mehr, sie werden dieß Uebel nicht blos zu fürchten haben, sondern es wird auch einmal zur Wirklichkeit werden müssen: denn Niemand hat noch zu zeigen vermocht, daß beide an Einem Tage sterben werden. Da dieß nun nicht der Fall ist, so wird der überlebende Theil ein Leben ertragen müssen, das härter ist, als der Tod: mag er nun lange oder nur kurze Zeit mit dem verstorbenen zusammengelebt haben. Denn jener empfindet einen um so größern Schmerz, je länger er den Umgang genossen hat, weil der lange Umgang die Trennung unerträglich macht; dieser dagegen, welcher, noch ehe er die Liebe verkostet und sich daran gesättiget hatte, während das Verlangen darnach noch glühte, derselben beraubt worden, trauert Ehen darum heftiger: Beide haben daher, wenn auch aus verschiedenen Ursachen, dieselben Leiden zu tragen. Was soll ich aber reden von den zeitweise eintretenden Trennungen, langen Reisen, den damit verbundenen Beängstigungen, Krankheiten? — „Was hat das mit der Ehe zu schaffen? sagt man. Sicherlich sind viele Frauen schon aus diesem Grunde erkrankt. Denn sie haben sich bald aus Gram über erlittene Beleidigungen und aus Zorn, bald aus Kummer ein heftiges Fieber zugezogen. Und ob sie auch, wenn der Mann anwesend ist, nichts der Art leiden, sondern sich wohl befinden, so gerathen sie doch durch die Reisen in diese Uebel. [S. 248] Doch lassen wir das Alles bei Seite, und beschuldigen wir die Ehe nicht; von folgender Anklage aber werden wir sie nicht freisprechen können. Und von welcher denn? Daß sie den Gesunden um nichts besser, als den Kranken sich befinden läßt, sondern ihn in die nämliche Unruhe stürzt, wie den Darniederliegenden.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger