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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

56. Eine Verheirathete hat schwere Leiden zu ertragen.

Wenn nun schon das, was vortheilhaft zu sein scheint, eine Quelle so vieler Leiden und Trübsale ist: was sollen wir erst von jenen Dingen sagen, die zweifellos traurig sind? Denn ob sie auch allein sterben wird, so fürchtet sie nicht blos Einen Tod, und ob sie auch nur Eine Seele hat, [S. 543] so ist sie doch nicht nur um Eine bekümmert, sondern sie fürchtet auch für ihren Mann und ihre Kinder, für deren Frauen und Nachkommenschaft; und in je mehr Aeste die Wurzel sich ausdehnt, ein desto größerer Zuwachs von Sorgen ist es für sie. Ueber jedes Einzelne, sei es ein Vermögensverlust, sei es, daß eine körperliche Krankheit oder etwas Anderes nicht nach Wunsch sich ereignet, muß sie nicht weniger trauern und klagen, als jene, welche diese Leiden erdulden. Wenn sie Alle vor ihr sterben, dann wird ihre Trauer eine unerträgliche sein; wenn aber die Einen bleiben und die Andern durch einen frühzeitigen Tod hinweggerafft werden, so wird man auch nicht einmal so einen reinen Trost finden. Denn die Furcht, welche wegen der Lebenden die Seele beständig erschüttert, ist nicht geringer als die Trauer um die Gestorbenen, ja, wenn es erlaubt ist, einen auffallenden Ausspruch zu thun, noch größer. Denn die Trauer um die Verstorbenen lindert die Zeit, die Sorgen wegen der Lebenden aber müssen fortwährend bleiben und hören nur mit dem Tod auf. Wenn wir nun nicht einmal für die eigenen Leiden hinreichende Kraft besitzen, was für ein Leben werden wir führen, wenn wir genöthiget sind, auch noch die Leiden Anderer zu betrauern? Oft wurden auch viele Frauen, die von vornehmen Eltern geboren, gar üppig erzogen und an einen sehr mächtigen Mann verheirathet waren, plötzlich, noch ehe sie dieser Güter froh werden konnten, von einer Gefahr, gleichsam wie von einem hereinbrechenden Sturme oder Wirbelwinde erfaßt und gingen theils selbst unter, theils nahmen sie an den Uebeln des Schiffbruches Theil, theils fielen sie nach ihrer Verheirathung in das äußerste Elend, während sie vor der Ehe zahllose Güter genossen. — „Diese Dinge aber“, sagt man, „pflegen doch nicht Allen, oder immer zu widerfahren.“ Sie bleiben aber auch nicht von Allen ferne (denn auch ich wiederhole das); sondern die Einen haben sie durch die Erfahrung kennen gelernt. Alle aber, welche dieser Erfahrung entrannen, hat die Furcht vor derselben in Unruhe versetzt.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger