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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

49. Warum der Apostel nur durch irdische Belohnung zur Jungfräulichkeit antreibe.

Was sagst du? Obgleich du mich zum Kampf gegen die Dämonen rufst, („denn wir haben nicht zu kämpfen wider Fleisch und Blut;“)1 obgleich du der Heftigkeit der Natur zu widerstehen befiehlst; wenngleich du uns, die wir mit Fleisch und Blut umgeben sind, ermahnest, Gleiches wie die unkörperlichen Mächte zu leisten: so erwähnst du doch nur der irdischen Güter und sagst, daß wir die Trübsale der Ehe nicht zu tragen hätten. Denn warum sprach er nicht also: „Wenn die Jungfrau heirathet, so sündigt sie nicht, sie beraubt sich aber der Kronen der Jungfrauschaft, jener großen und unaussprechlichen Güter? Warum gedachte er nicht der Belohnungen, die sie nach dem Kampfe erwarten; wie sie dem Bräutigam entgegen ziehen, wie sie leuchtende Lampen halten, wie sie mit größter Glorie und Zuversicht den König in den Hochzeitsaal begleiten, wie sie unter Allen am nächsten an seinem Throne und dem königlichen Brautgemache erglänzen werden? Von diesen Dingen aber geschieht nicht einmal eine leise Erwähnung; statt dessen kommt er immer wieder auf die Befreiung von zeitlicher Trübsal zurück. „Ich meine,“ sagt er, „daß es gut sei“ und indem er zu sagen unterläßt: „wegen der zukünftigen Güter,“ sagt er: „Wegen der bevorstehenden Noth.“ Nachdem er dann wieder mit dem Ausspruch: „Wenn die Jungfrau heirathet, so sündigt sie nicht“ die himmlischen Belohnungen, deren sie sich beraubt, mit Schweigen übergangen, sagt er: „Solche werden [S. 233] Drangsal des Fleisches haben.“ Und das thut er nicht bloß jetzt, sondern bis zum Schlusse, läßt die von den ewigen Gütern hergeholte Empfehlung bei Seite und nimmt wieder zum nämlichen Grund seine Zuflucht, indem er sagt: „Die Zeit ist kurz;“ und anstatt zu sagen: „Ich wünsche, daß ihr im Himmel glänzet und für weit herrlicher gehalten werdet als die Verehelichten,“ hängt er sich wieder daran, indem er spricht: „Ich wünsche aber, daß ihr ohne Sorge seid.“ Das thut er aber nicht bloß an dieser Stelle, sondern auch dort, wo er von der Ertragung der Unbilden handelt, schreitet er auf demselben Wege des Rathes einher. Denn nachdem er gesagt: „Hat dein Feind Hunger, so speise ihn; hat er Durst, so tränke ihn,“2 so schweigt er doch, obgleich er eine so wichtige Sache fordert und gegen den Drang der Natur sich aufzulehnen und mit einem so unerträglichen Heerde zu streiten befiehlt, da, wo er über den Lohn spricht, vom Himmel und den himmlischen Dingen und stellt nur in der Beschämung des Beleidigers die Belohnung auf: „Denn thust du dieses,“ sagt er, „so sammelst du feurige Kohlen auf sein Haupt.“3 Warum hat er sich also dieser Trostesweise bedient? Nicht aus Unkenntniß und als ob er nicht wüßte, wie er den Zuhörer an sich ziehen und überzeugen müsse, sondern weil er am meisten von allen Sterblichen diese Gabe, nämlich zu überzeugen, besaß. Woraus erhellt das? Aus seinen Worten. Wie und auf welche Weise? Er sprach zu den Korinthern (zuerst wollen wir nämlich in’s Auge fassen, was er über die Jungfräulichkeit sagt), bei welchen er erklärte nichts zu wissen, als Jesum Christum und diesen als den Gekreuzigten,4 zu denen er nicht als zu Geistigen reden konnte und die er, weil sie noch fleischlich waren, mit Milch nährte, was er ihnen auch in seinem Briefe vorwarf mit den Worten „Aber auch jetzt vermögt ihr es noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich und wandelt nach menschlicher Weise.“5 Darum [S. 234] lenkt er sie sowohl von den irdischen, sichtbaren, sinnlichen Dingen zur Jungfräulichkeit hin, als auch von der Ehe ab; denn er wußte das wohl, daß man sie, weil noch kleinmüthig und auf der Erde liegend und irdisch gesinnt, mit den irdischen Dingen leichter an sich zu ziehen und zu gewinnen vermöge. Dann sage mir, warum schwören denn viele bäurische und thörichte Menschen sowohl in kleinen wie in großen Dingen furchtlos bei Gott theils recht theils falsch, während sie beim Haupte der Kinder nie schwören wollen? Und ob auch sowohl jener Meineid, als auch die Strafe dafür weit schwerer ist, als für diesen, so werden sie doch durch diesen Eid mehr, als durch jenen gebunden. Ebenso werden sie zur Unterstützung der Armen nicht so fast durch die Reden vom Himmelreich, so oft sie auch ertönen mögen, ermuntert, als vielmehr durch die Hoffnung etwas Gutes, sei es für sich, sei es für ihre Kinder, zu erlangen. Darum werden sie besonders dann in diesen Hilfeleistungen eifrig, wenn sie von einer langwierigen Krankheit genesen, einer Gefahr entronnen sind, irgend ein Amt oder eine Herrschaft erlangt haben. Daraus magst du entnehmen, daß in der That die meisten Menschen mehr durch das, was vor den Füßen liegt, sich leiten lassen. Denn dieses reizt mehr im Glück und schreckt heftiger im Unglück, weil ihnen die Empfindung davon näher liegt. Deßhalb redete Paulus auch mit den Korinthern so und lenkte die Römer von den gegenwärtigen Dingen zur Ertragung des Unrechtes hin. Denn die schwache und gereizte Seele läßt nicht so leicht das Gift des Zornes fahren, wenn sie vom Himmelreich hört und auf eine entfernte Hoffnung verwiesen wird, als wenn sie erwartet, an dem Beleidiger Rache nehmen zu dürfen. Indem er also die Erinnerung an die Unbilden mit der Wurzel ausreißen und den Zorn beseitigen wollte, so brachte er das vor, was am wirksamsten war, den Beleidigten zu besänftigen, nicht etwa um ihn der in der Zukunft hinterlegten Belohnungen zu berauben, sondern ihn auf jede Weise auf den Weg der Weisheit zu führen und zur Wiederversöhnung die Thüre zu öffnen. Denn bei jeder [S. 235] guten Handlung ist der Anfang das Schwerste; nach dem Beginne derselben ist die Arbeit nicht mehr so schwierig. Allein unser Herr Jesus Christus thut dieses nicht, weder da, wo er von der Jungfräulichkeit, noch von der Ertragung einer Beleidigung redet; denn dort stellt er das Himmelreich vor Augen: „Denn es gibt,“ sagt er „Verschnittene, die sich selber um des Himmelreichs willen verschnitten haben.“6 Als er aber für die Feinde zu beten befahl, so gedenkt er weder des Nachtheils der Beleidiger, noch der feurigen Kohlen, sondern ladet sie, während er dieß Alles zu den Kleinmüthigen und Elenden sagen läßt, zu größeren Belohnungen ein. Zu welchen denn? „Damit ihr,“ sagt er, „eurem Vater ähnlich seid, der im Himmel ist.“7 Siehe, welch’ große Belohnung! Denn die Zuhörer waren Petrus, Jakobus, Johannes und die übrige Schaar der Apostel; deßhalb lockt er sie mit geistigen Belohnungen an. Das Nämliche würde auch Paulus gethan haben, hätte er an solche Männer seine Rede gerichtet; weil er es aber mit den Korinthern zu thun hatte, die noch ziemlich unvollkommen waren, so stellte er ihnen schon jetzt Früchte in Aussicht, damit sie bereitwilliger die Tugend in’s Werk setzen möchten. Aus dem gleichen Grunde hat es auch Gott unterlassen, den Juden das Himmelreich zu versprechen und hat ihnen nur irdische Güter geschenkt8 und für ihre Frevelthaten nicht mit der Hölle gedroht, sondern mit zeitlichen Uebeln: mit Pest, Hunger, Krankheiten, Krieg und Verbannung und ähnlichen Leiden; den durch solche Dinge werden die mehr fleischlich gesinnten Menschen in Schranken gehalten und diese fürchten sie mehr, während sie von denen, die nicht gesehen werden und nicht gegenwärtig sind, weniger geängstiget werden. Deßhalb verweilt auch Paulus länger bei ihnen, weil sie am meisten geeignet waren, ihre Stumpfsinnigkeit zu verwunden. Ueberdieß wollte er ihnen auch noch das zeigen, daß einige der Tugenden uns hienieden zwar viele Beschwerden verursachen, alle Frucht aber auf die Zukunft verschoben werde; die Jungfrauschaft [S. 236] hingegen schon in dem Augenblicke, wo sie geübt wird, uns keine geringe Entschädigung biete, weil sie uns von so vielen Mühsalen und Sorgen befreie. Aber er erreichte damit ein Drittes. Was denn? Daß man die Sache nicht für etwas Unmögliches halte, sondern für etwas, was gar leicht ausführbar sei. Er bewirkt aber dieses dadurch, daß er mit großer Leichtigkeit nachweist, daß mit der Ehe mehr Schwierigkeiten verbunden seien; es ist, als wollte er zu Jemanden sagen: „Scheint dir die Sache mühevoll und beschwerlich zu sein? Ich aber behaupte, daß man sich gerade deßhalb um sie bemühen müsse, weil sie so leicht ist, daß sie weit weniger Mühe, als die Ehe verursacht. Denn weil ich euch schone, sagt er, und nicht will, daß ihr Drangsal erleidet, darum wünsche ich, daß ihr nicht heirathet.“ Und welche Drangsal? fragt vielleicht Jemand. Im Gegentheil werden wir finden, daß die Ehe große Erholung und vielen Genuß darbiete. Und vor Allem trägt schon der Umstand, daß man mit der größten Freiheit die Lust befriedigen kann und nicht gezwungen ist, den Anfall der Natur auszuhalten, nicht wenig zur Erleichterung bei. Ferner ist auch das ganze übrige Leben frei von Kummer und Noth und voll von Heiterkeit, Lachen und Freude. Denn diejenigen, welche mit üppiger Tafel, weichlichen Kleidern, weichem Lager, beständigen Bädern und Salben und Wein, der hinter den Salben nicht zurücksteht, und vielem andern und mannigfaltigem Aufwande dem Fleische dienen, bereiten demselben damit einen süßen Genuß.

1: Eph. 6, 12.
2: Röm. 12, 20.
3: Sprichw. 25, 22.
4: I. Kor. 22.
5: I. Kor. 3, 2. 3.
6: Matth. 19, 12.
7: Ma [unleserlich, d. Bearb.]
8: [Anmerkung fehlt, d. Bearb.]

 

 

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