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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

46. Warum die Frau eine Gehilfin genannt worden, da sie doch ein Hinderniß sei für ein vollkommenes Leben.

„Wie nun,“ entgegnete man, „nennt Gott die eine Gehilfin, welche ein Hinderniß ist?“ Denn er sagt: „Lasset uns ihm eine Gehilfin machen, die ihm gleich sei.“1 Aber auch ich will dich fragen: „Wie ist die eine Gehilfin, welche den Mann seiner Sicherheit beraubt und ihn, nachdem sie ihn aus jenem bewundernswerthen Aufenthalte im Paradiese vertrieben, in das Wirrsal des gegenwärtigen Lebens gestürzt hat? Denn diese Dinge verrathen nicht nur keinen Helfer, sondern einen Ränkeschmied. Denn „vom Weibe,“ heißt es, „ist der Anfang der Sünde und um seinetwillen sterben wir Alle.“2 Und der heilige Paulus sagt: „Adam ward nicht verführt; das Weib aber ward verführt und fiel in Uebertretung.“3 Wie ist also die eine Gehilfin, welche den Mann dem Tode unterwarf? Wie eine Gehilfin, durch welche die Kinder Gottes und alle damaligen Bewohner der Erde mit den wilden Thieren, den Vögeln und allen übrigen lebenden Wesen in der Sündfluth vertilgt worden sind? Hätte dieselbe nicht den gerechten Job zu Grunde gerichtet, wenn [S. 226] er sich nicht so sehr als Mann gezeigt hätte?4 Hat nicht sie den Samson in’s Verderben gestürzt?5 Hat nicht sie bewirkt, daß das ganze Volk der Hebräer dem Beelphegor geweiht und durch die Hände der Verwandten erwürgt worden ist?6 Und wer hat namentlich Achab dem Teufel überliefert?7 Und vor ihm den Salomon, nach einer so großen Weisheit und Ehre?8 Und verleiten nicht sie auch heut zu Tage noch ihre Männer, sich vielfach gegen Gott zu vergehen? Sagt nicht darum jener weise Mann: „Alle Bosheit ist gering gegen die Bosheit des Weibes?“9

„Warum sprach nun aber,“ sagt man, „Gott zu ihm: Laßt uns ihm eine Gehilfin machen, die ihm gleich sei!10 Gott lügt ja doch nicht.“ Das sage auch ich nicht; das sei ferne! Aber jene, welche zu dem und deßhalb geschaffen worden war, wollte nicht in ihrer Würde verharren, wie auch ihr Mann nicht. Denn auch ihn hat Gott nach seinem Bilde und Gleichnisse geschaffen; denn er sagt: „Lasset uns den Menschen nach unserem Bilde und Gleichnisse machen,“11 gleichwie er auch sprach: „Lasset uns eine Gehilfin machen;“ kaum aber geschaffen, verlor er Beides sogleich; denn er bewahrte das Gleichniß nicht, weil er sich auf thörichte Weise der Begierlichkeit hingab, von der List sich fangen ließ und die sinnliche Lust nicht beherrschte; das Ebenbild aber wurde ihm dann gegen seinen Willen entrissen. Denn Gott nahm ihm einen nicht geringen Theil seiner Macht ab und machte den, welcher Allen wie ein Herrscher furchtbar sein sollte, gleichsam wie einen undankbaren Knecht, der seinen Herrn beleidigt, den Mitknechten verächtlich. Denn im Anfange war er sogar allen Thieren zum Schrecken; Gott führte nämlich alle zu ihm und keines wagte es, ilm zu verletzen und anzugreifen; ein jedes schaute in ihm das strahlende königliche Ebenbild. Nachdem er aber diese Auszeichnung durch die Sünde ver- [S. 227] dunkelt hatte, entzog er ihm auch diese Herrschergewalt. Gleichwie nun der Umstand, daß der Mensch nicht mehr alle auf der Erde lebenden Thiere beherrscht, sondern vor einigen zittert und sie fürchtet, den Ausspruch Gottes: „Und sie sollen über die Thiere herrschen,“12 nicht zur Lüge macht (denn diese Macht ist nicht durch die Schuld dessen, der sie verliehen, sondern dessen, der sie empfangen, geschmälert worden): Ebenso wenig erschüttern auch die Nachstellungen, welche den Männern von den Weibern bereitet werden, jenes Wort: „Lasset uns ihm eine Gehilfin machen, die ihm gleich sei.“ Denn dazu war sie zwar geschaffen; aber sie verharrte nicht darin. Allein man könnte zu dem noch anführen, daß sie für die Beschaffenheit des gegenwärtigen Lebens, die Kindererzeugnng und die der Natur eingesenkte Begierlichkeit Hilfe leiste. Da aber die Zeit des gegenwärtigen Lebens keine Zeit weder für Kindererzeugung, noch für Befriedigung der sinnlichen Lust ist, warum erwähnest du mir umsonst der Gehilfin nach dieser Seite hin? Denn diejenige, welche nur zu den geringsten Dingen von Nutzen ist, wird, wenn er sie zu größern verwenden will, ihm nicht nur nichts nützen, sondern ihn auch noch in Sorgen verwickeln.

1: Gen. 2, 18.
2: Eccli. 25, 33.
3: I. Tim. 2, 14.
4: Job 2.
5: Richt. 16.
6: Num. 25.
7: III. Kön. 21, 25.
8: Ebendas. 11.
9: Eccli. 25, 26.
10: Gen. 2, 18.
11: Gen. 1, 26.
12: Ebendas.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger