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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

38. Warum Paulus den Ehegatten große Erleichterungen, den Jungfrauen aber keine gestattet.

Den Verheiratheten gewährt Paulus eine große Erleichterung, indem er sie weder, selbst wenn der eine Theil wollte, des gegenseitigen Umgangs beraubt, noch die mit gegenseitiger Einwilligung geschehene Beraubung auf lange Zeit ausdehnt; ja er gestattet sogar, wenn sie wollen, eine zweite Verheirathung. Den Jungfrauen hingegen gewährt er keinen ähnlichen Trost, sondern während er jenen, nachdem sie sich eine Zeit lang enthalten, das Zusammenkommen wieder gestattet, läßt er diese nicht im Geringsten zu Athem kommen, sondern beständig im Kampfe stehen, von den Begierden angefallen werden und in keiner Weise einen Waffenstillstand genießen. Denn warum spricht er nicht auch zu ihr: „Wenn sie nicht enthaltsam ist, so heirathe sie ?“1 Weil auch Niemand dem Wettkämpfer, sobald er einmal das Gewand abgelegt, sich gesalbt und in die Rennbahn eingetreten, sich mit Staub [S. 212] bespritzt hat, sagt: Gehe fort, flieh’ vor dem Gegner; sondern weil jetzt Eines von Beiden nothwendig ist, entweder daß er gekrönt, oder niedergeworfen und beschimpft abziehe. Auf dem Turnplatze der Knaben und in der Ringschule zwar, wo man mit Freunden eine Uebung anstellt und mit ihnen wie mit Gegnern handgemein wird, steht es frei, die Arbeit zu übernehmen, oder nicht. Hat sich aber Einer einmal einschreiben lassen, ist das Volk versammelt, der Kampfrichter gegenwärtig, sitzen die Zuschauer da, ist der Gegner schon herbeigeführt und steht ihm gegenüber; so beraubt ihn das Kampfgesetz der Freiheit. Auf gleiche Weise ist auch für die Jungfrau, so lange sie noch überlegt, ob sie heirathen soll oder nicht, die Ehe ohne Gefahr; hat sie aber gewählt und sich einschreiben lassen, so hat sie sich selbst auf die Rennbahn begeben. Wer wird es nun wagen, nachdem einmal das Schauspiel eröffnet, Christus der Kampfrichter ist, die Engel von oben zuschauen; nachdem der Teufel wüthet und knirscht, in den Kampf verwickelt und in der Mitte erfaßt ist, hervorzutreten und zu sagen: „Fliehe den Gegner, laß ab von den Mühen, unterlaß den Angriff, wirf und strecke den Feind nicht zu Boden, sondern überlaß ihm den Sieg.“ Doch warum nenne ich die Jungfrauen, da es nicht einmal erlaubt ist, zu Wittwen eine solche Sprache zu führen? Statt dessen geziemt es sich eher, es mit folgenden furchtbaren Worten zu thun: „Wenn sie an Christus abgeschwärmt haben, wollen sie heirathen und ziehen sich die Verdammniß zu, weil sie das erste Gelöbniß gebrochen haben.“2

1: I. Kor. 7, 9.
2: I. Tim. 5, 11. 12.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger