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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

37. Die zweite Ehe hat viele Beschwerden im Gefolge.

Sollte aber Jemand auch Gründe zu hören verlangen, so möge er zuerst nach dem Urtheile aller Menschen, dann auch nach dem, was dabei gewöhnlich geschieht, sich erkundigen. Denn wenn auch die Gesetzgeber solche Ehen nicht bestrafen, sondern erlauben und zugeben, so werden doch sowohl zu Hause, als auf dem Markte von Vielen mancherlei spöttische, tadelnde und Abscheu verrathende Reden gegen jene, die sie eingehen, geführt. Denn Alle verabscheuen sie, so zu sagen, nicht weniger als Meineidige und nehmen Anstand, sie zu Freunden zu wählen, Verträge mit ihnen zu schließen, oder ihnen sonst etwas anzuvertrauen. Da sie nämlich sehen, daß dieselben das Andenken an ein so langes Zusammensein, eine so innige Freundschaft, Vertrautheit und Gemeinschaft so leicht aus ihrem Herzen verbannen, so verbreiten diese Wahrnehmungen eine gewisse Betäubung über sie, so daß sie mit ihnen als leichtfertigen und wetterwendischen Menschen keinen vertrauten Umgang mehr haben mögen. Nicht aber bloß deßhalb verabscheuen sie dieselben, sondern auch wegen der Eckelhaftigkeit der Dinge, die da gescheben. Denn, sage mir, was ist wohl unangenehmer als tiefe Trauer, nach Klagen und Thränen, nach schmutzigem Haare und schwarzem Gewande, mit einem Male Händeklatschen und Brautgemach und ein dem frühern entgegengesetzter Lärm wie von Schauspielern, die auf dem Theater spielen und bald diese, bald jene Rolle darstellen? Denn auch dort kann man den Nämlichen bald als König, bald als den Aermsten von Allen erblicken. Und hier erscheint der, welcher sich unlängst auf dem Grabhügel wälzte, plötzlich als Bräutigam; der, welcher sich die Haare ausraufte, trägt auf dem nämlichen Haupte wieder eine Krone [S. 210] der, welcher niedergebeugt und traurig oft unter Thränen bei jenen, die ihn zu trösten gedachten, sich in viele Lobeserhebungen über die Gestorbene erging und sein Leben als unerträglich erklärte und denjenigen, die ihn von den Klagen abhalten wollten, zürnte, schmücket und putzt sich wieder vor den nämlichen Leuten und sieht sie mit den jüngst noch weinenden Augen wieder lachend an und mit dem nämlichen Munde, mit dem er kurz vorher dieß Alles verwünschte, bewillkommt und grüßet er Alle. Das Traurigste von Allem ist aber der Krieg, der den Söhnen, die Löwin, die den Töchtern in’s Haus gebracht wird: denn das ist ja die Stiefmutter allüberall. Daher der tägliche Zank und Streit: daher jene befremdende und ungewöhnliche Eifersucht gegen die, welche nicht belästiget. Denn die Lebenden beneiden und werden beneidet; mit den Todten hingegen versöhnen sich sogar die Feinde. Hier aber nicht, sondern eifersüchtig wird Staub und Asche verfolgt, Haß trifft die begrabene Sprachlose, Schimpf, Spott und Tadel diejenige, welche bereits in Erde aufgelöst ist, unversöhnliche Feindschaft jene, welche keine Beleidigung zugefügt hat. Was könnte wohl schlechter sein, als diese Thorheit, diese Rohheit? Sie ist von der Verstorbenen nicht beleidiget worden. Was sag’ ich: beleidiget worden? Sie, die da die Frucht von deren Anstrengungen erntet und deren Güter verzehrt, hört nicht auf, mit ihr, wie mit einem Schatten zu kämpfen, und gegen die, von welcher sie nie betrübt worden, die sie oft gar nie gesehen hat, stößt sie täglich taufend Schimpfworte aus und rächt sie an der, die nicht mehr ist, in ihren Kindern und bringt ihren Mann gegen sie auf, wo sie selbst nichts ausrichten kann.

Das schien jedoch den Menschen noch leicht und erträglich zu sein, um nur nicht die Tyrannei der Wollust ertragen zu müssen. Die Jungfrau dagegen zitterte nicht vor diesem Kampfe, noch floh sie denselben, welcher den Meisten so unerträglich erscheint, sondern hielt tapfer Stand und nahm den Angriff der Natur auf. Wie konnte nun Jemand sie nach Verdienst bewundern, wenn die Uebrigen sogar einer [S. 211] zweiten Ehe bedürfen, um nicht zu brennen, sie aber, ohne auch nur eine einzige geschlossen zu haben, stets heilig und unversehrt ist? Deßhalb und besonders wegen der für die Wittwenschaft im Himmel hinterlegten Schätze sagte der, durch welchen Christus redete: „Es ist ihnen gut, wenn sie so bleiben, wie auch ich.“ Hattest du nicht die Kraft, zum höchsten Gipfel hinaufzusteigen? Dann falle wenigst nicht von jenem herab, der ihm zunächst steht. Die Jungfrau hat nur das vor dir voraus, daß die Wollust sie nicht ein einziges Mal überwunden, dich aber, nachdem sie dich früher besiegte, nicht stets niederzuwerfen vermocht hat; du hast zwar nach der Niederlage gesiegt, sie aber erfreut sich eines Sieges ohne alle Niederlage und mit dir im Ausgang verbunden übertrifft sie dich bloß durch den Beginn.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger