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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

30. Warum Paulus, wenn die Ehe ehrenvoll ist, die Fastenden ermahne, sich des Beischlafs zu enthalten.

Auch das verdient eine nähere Erwägung, warum denn [S. 197] Paulus, wenn die Ehe ehrbar, und das Ehebett unbefleckt ist, ihr zur Zeit des Gebetes und Fastens nicht Statt gönnt. Weil es ganz ungereimt wäre, wenn die Juden, für die alles Leibliche geregelt war, welche sogar zwei Weiber haben, die einen entlassen, die andern annehmen durften,1 auf diesen Gegenstand so große Sorgfalt verwendeten, daß sie, wenn sie das görtliche Wort hören wollten, sich sogar des gesetzlichen Beischlafs enthielten, und daß nicht bloß einen oder andern Tag, sondern mehrere; daß wir dagegen, die wir eine so große Gnade genießen, die wir den Geist (Gottes) empfingen, die wir gestorben und mit Christo begraben, die wir der Kindschaft Gottes gewürdigt, die wir zu einer solchen Würde erhoben sind nach so vielen und so großen Gütern nicht einmal zu demselben Eifer, wie jene Kinder, gelangten. Sollte aber Einer wiederum fragen: Warum hat denn selbst Moses diesen Verkehr den Juden verboten? so möchte ich ihm antworten: Wenn auch die Ehe ehrbar ist, so reicht sie dennoch nur so weit, daß sie den nicht befleckt, der sich ihrer bedient, aber heilige Männer hervorzubringen vermag nicht sie, sondern nur der jungfräuliche Stand. Damit du aber nicht glaubst, bloß Moses und Paulus hätten dieses befohlen, so höre, was Joel sagt: „Haltet heilig Fasten, beruft die Gemeinde, versammelt das Volk, wählet die Aeltesten.“2 — Fragst du aber auch um das: „Wo hat er gerathen, sich vom Weibe zu enthalten?“ „Der Bräutigam,“ sagt er, „gehe heraus aus seiner Kammer, und die Braut aus ihrem Gemach.“3 Das geht sogar noch weiter als des Moses Gebot: Denn wenn Bräutigam und Braut, die von Wollust entbrennen, die von Jugend strotzen und eine ungezügelte Begierde haben, zur Zeit des Fastens und des Gebetes einander nicht beiwohnen dürfen, wie viel mehr die Uebrigen, welche keinen solchen Drang zum Beiwohnen haben? Denn wer betet und fastet, [S. 198] wie sich’s geziemt, muß jedes Verlangen nach menschlichen Dingen, jede Sorge und jede Beschäftigung aufgeben, und nachdem er sich von allen Seiten fleißig gesammelt, so vor Gott hintreten. Darum ist auch das Fasten etwas Gutes, weil es die Sorgen der Seele abschneidet und durch die Beseitigung der den Geist umgebenden Zerstreuung diesen ganz auf auf sich hinlenkt. In Hinweisung hierauf hält auch Paulus vom Beischlafe ab und bedient sich sehr passender Worte. Denn er sagt nicht: „Damit ihr euch nicht verunreiniget“, sondern „damit ihr für das Beten und Fasten frei seid“, gleichsam als ob uns der Beischlaf mit dem Weibe nicht zur Verunreinigung, sondern nur zur Beschäftigung zwinge.

1: Exod. 19, 15 ff.
2: Joel 2, 15. 16.
3: Ebendas.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger