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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

27. Die Jungfräulichkeit ist etwas Großes und die Quelle vieler Güter.

Ich kenne das Schwierige der Sache; ich kenne die Heftigkeit solcher Kämpfe; ich kenne die Bedeutung des Krieges. Es bedarf eines kampfmuthigen und kräftigen Geistes, der die Wollust verabscheut: denn man muß über Kohlen schreiten, ohne zu verbrennen, und durch Schwerter einhergehen, ohne verwundet zu werden; denn die Macht der Wollust ist ebenso groß, wie die des Feuers und Eisens;1 ist also die Seele nicht so gewappnet, das sie selbst bei ihren Schmerzen unempfindlich bleibt, so wird sie bald zu Grunde gehen. Deßhalb brauchen wir einen diamantenen Sinn, ein schlafloses Auge, große Ausdauer, starke Mauern, Umzäunungen und Riegel, wachsame und kräftige [S. 192] Wärter und vor Allem den Einfluß von oben. „Denn, wenn der Herr die Stadt nicht bewacht, so wachen die Hüter umsonst.“2 Wie sollen wir uns aber diese Gunst des Himmels erwerben? Dadurch, daß wir all das Unsrige beitragen, gesunde Betrachtung, höchste Anstrengung in Fasten und Nachtwachen, genaue Beobachtung des Gesetzes, Befolgung der Gebote, und was die Hauptsache ist, daß wir nicht auf uns selber vertrauen; denn falls wir auch Größeres vollbringen, so müssen wir doch immer bei uns sprechen: „Wenn der Herr das Haus nicht baut, so arbeiten die Bauleute umsonst.3 Denn wir haben nicht bloß zu kämpfen wider Fleisch und Blut, sondern wider die Herrschaften und Mächte, wider die Beherrscher der Welt in dieser Finsterniß, wider die Geister der Bosheit in der Luft;“4 und Tag und Nacht müssen unsere Gedanken bewaffnet dastehen uud den schamlosen Lüsten furchtbar erscheinen. Denn wenn sie im Geringsten nachlassen, so steht der Teufel da mit dem Feuer in den Händen, um es in den Tempel Gottes zu schleudern und ihn zu verbrennen. Daher müssen wir von allen Seiten uns rüsten; denn wir haben zu kämpfen mit dem Drang der Natur, nachzustreben dem Wandel der Engel, und mit den unkörperlichen Mächten in die Wette zu laufen. Erde und Asche sucht den Himmelsbewohnern gleichförmig zu werden; die Sterblichkeit beginnt einen Kampf mit der Unsterblichkeit. Sage mir nun, sollte wohl Jemand es wagen, Ehe und Vergnügen zu vergleichen mit einer so erhabenen Sache? Wie einfältig wäre das nicht! Da Paulus das Alles wußte, sprach er: „Ein Jeder habe sein Weib;“5 deßhalb vermied er es, deßhalb wagte er nicht gleich Anfangs zu ihnen vom jungfräulichen Stande zu reden, sondern er verweilt bei der Besprechung der Ehe und mischt unter die längere Rede über die Ehe einige kurze Worte über die Enthaltsamkeit, ohne jedoch zu gestatten, daß die Ohren durch die strenge Ermahnung [S. 193] verwundet werden. Denn wer seine Rede stets aus schwierigen Dingen zusammenfügt, ist theils dem Zuhörer lästig, theils zwingt er oftmals den Geist, der die Härte der Worte nicht erträgt, widerspenstig zu werden. Wer hingegen abwechselt und mehr Leichtes als Schweres hineinmischt, der benimmt unbemerkt das Gefühl der Schwierigkeit, überredet und gewinnt den Zuhörer leichter, weil er ihn zeitweilig ausruhen läßt. So machte es auch der heilige Paulus; denn nachdem er gesagt: „Es ist dem Menschen gut, kein Weib zu berühren,“ wendet er sich sogleich zur Ehe und sagt: „Daß Jeder sein Weib haben soll;“ er ist zufrieden, jenes bloß gelobt zu haben. „Denn“, sagt er, „es ist dem Menschen gut, kein Weib zu berühren;“ in Bezug auf die Ehe aber gibt er theils einen Rath, theils ein Gebot, und fügt auch den Grund bei: denn er sagt: „Wegen der Hurerei.“ Hiemit scheint er zwar die Gestattung der Ehe zu begründen, in Wahrheit aber vermehrt er nach Aufzählung der Gründe für das Heirathen versteckt das Lob der Enthaltsamkeit zwar nicht so, daß er es mit klaren Worten ausspricht, wohl aber indem er es dem Verständigen unter den Hörern anheimstellt. Denn wer da hört, daß er ermahnt wird zu heirathen, nicht weil die Ehe ein ganz vorzügliches Tugendwert sei, sondern weil ihn Paulus einer so großen Geilheit beschuldigt, daß er sich ohne die Ehe derselben nicht zu enthalten vermag, der wird erröthend und beschämt den jungfräulichen Stand zu ergreifen und diese gewaltige Schmach von sich abzuwehren bemüht sein.

1: Sprichw. 6, 8.
2: Ps. 126, 1.
3: Ebendas.
4: Ephes. 6, 12.
5: I. Kor. 7, 2.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger