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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

17. Von der Nachsicht Gottes.

Nun aber begegnete uns etwas Aehnliches, wie den Küchlein. Denn sobald die Mutter diese erzogen, führt sie dieselben zwar aus dem Neste; wenn sie aber gewahrt, daß sie noch schwach sind und fallen und des Aufenthaltes darin [S. 180] noch bedürfen, so läßt sie dieselben noch mehrere Tage zurück, nicht damit sie beständig darin bleiben, sondern damit sie sich mit Sicherheit dem Fluge hingeben können, nachdem ihnen die Flügel tüchtig erstarkt sind und sie die Vollkraft erlangt haben. So hat uns auch unser Herr schon vom Anfang zum Himmel gezogen und den Weg, der dahin führt, gezeigt, nicht als ob er nicht gewußt hätte, — er wußte es vielmehr sehr wohl, — daß wir zu diesem Fluge unfähig wären, sondern um uns zu zeigen, daß der Fall nicht nach seinem Willen, sondern nach unserer Schwachheit geschehe. Nachdem er dieses gezeigt, ließ er uns fürder in dieser Welt und in der Ehe, gleichsam wie in einem Neste erziehen. Nachdem uns aber in der Fülle der Zeit die Flügel der Tugend erstarkt waren, da führte er uns allmälig und stufenweise aus diesem Aufenthalte und lehrte uns einen höhern Flug. Die Einen nun, trag und in tiefem Schlafe begraben, liegen noch behaglich im Neste, da sie den weltlichen Dingen zugethan sind; die Andern dagegen, die Edlen und Freunde des Lichtes, haben dasselbe mit großer Leichtigkeit verlassen, fliegen nach oben und streben zum Himmel, nachdem sie auf alles Irdische, Ehe, Geld, Sorgen und alles Andere verzichtet, was uns gewöhnlich zur Erde herabzieht. Glauben wir daher nicht, daß die anfänglich ertheilte Gestattung der Ehe von nun an eine Nothwendigkeit sei, welche da hindert, die Ehe zu fliehen; denn daß er wünscht, daß wir ihr entsagen, darüber höre sein Wort: „Wer es fassen kann, der fasse es.“1 Wenn er das nicht am Anfang befohlen hat, so ist das kein Wunder; denn auch der Arzt schreibt den Kranken nicht Alles zugleich und zur nämlichen Zeit vor, sondern verbietet ihnen, wenn sie vom Fieber ergriffen sind, die kräftige Nahrung; haben sie aber jene Fieberhitze und die durch sie verursachte Körperschwäche verloren, dann befreit er sie endlich von den unbehaglichen Speisen und führt sie zur gewohnten Nahrung zurück. Sowie aber die unter [S. 181] einander streitenden Elemente in den Körpern, sei es durch Uebermaß oder Mangel, die Krankheit erregen, so steht es auch mit der Seele; die Ausschreitungen der Leidenschaften zerstören ihre Gesundheit, und es braucht die rechte Zeit, auf daß zu den vorhandenen Leidenschaften das Gebot passend sich verhalte; ohne Beides wird das Gesetz zur Beseitigung der in der Seele eingetretenen Verschlimmerung durchaus nicht genügen, wie ja auch die Natur der Heilmittel an sich keine Wunde zu bellen vermag. Denn was die Arzneimittel für die Wunden, das sind die Gesetze für die Sünden. Den Arzt nun, welcher oft an der nämlichen Wunde bald schneidet, bald brennt, bald keines von Beiden thut, zankst du nicht aus, selbst wenn er dabei häufig das Ziel verfehlt; Gott aber, der sich nie irrt, sondern Alles regiert, wie es sich für seine Weisheit geziemt, tadelst du und verlangst von ihm Rechenschaft über seine Gebote, und gehst seiner unendlichen Weisheit nicht aus dem Wege, wiewohl du doch nur ein Mensch bist. Ist das nicht der äußerste Wahnsinn? Er sagt: „Wachset und mehret euch.“2 So forderte es nämlich die Zeit, da die Natur tobte, die Hitze der Leidenschaften nicht mehr besänftigen konnte, und in jenem Sturme keinen anderen Hafen mehr hatte, um sich in denselben zu flüchten. Denn was hätte er ihnen befehlen sollen? Etwa in der Enthaltsamkeit und im jungfräulichen Stande zu leben? Das hätte aber einen größern Fall verursacht und eine heftigere Flamme erzeugt. Denn wenn Jemand Kindern, die nur der Milch bedürfen, diese Nahrung entzieht und sie zwingt, eine solche zu nehmen, die für Männer sich eignet, so wird nichts im Wege stehen, daß sie sogleich sterben. Ein so großes Uebel ist die Unzeit. Deßhalb wurde der jungfräuliche Stand im Anfang nicht gegeben, oder vielmehr der jungfräuliche Stand war theils vom Anfange an, theils früher als die Ehe vorhanden: darum aber wurde die Ehe später eingeführt und für nöthig gehalten, da sie, wäre Adam gehorsam geblieben, nicht [S. 182] nöthig gewesen sein würde. — Aber, sagt man, wie wären dann die vielen Tausende entstanden? Ich aber frage dich wieder, weil dich diese Sorge gar so sehr quält: Woher ist denn Adam, woher Eva gekommen, da doch keine Ehe da war? Wie nun? Sollten denn, sagt man, alle Menschen so geboren werden? Ob auf diese, oder auf eine andere Weise, kann ich nicht sagen; denn es handelt sich jetzt ja nur darum, daß Gott, um die Menschen auf Erden zu mehren, die Ehe nicht nöthig gehabt hätte.

1: Matth. 19, 12.
2: Gen. 1, 28.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger