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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

14. Einwürfe gegen den jungfräulichen Stand. Widerlegung derselben.

Vielleicht sagt aber Jemand: „Wenn es gut ist, kein Weib zu berühren, warum ist denn die Ehe in’s Leben getreten? Wozu bedürfen wir denn in Zukunft des Weibes, wenn es weder zur Ehe noch zur Erzeugung von Kindern dienen soll? Was wird denn die Vernichtung des ganzen Menschengeschlechtes verhindern, da einerseits der Tod dasselbe täglich abweidet und mäht, anderseits aber diese Lehre verbietet, an die Stelle der Gestorbenen Andere zu setzen? Denn falls wir Alle nach diesem Gut streben und kein Weib herrühren, so wird Alles zerfallen, Städte, Häuser, Aecker, Gewerbe, Thiere und Pflanzungen. Denn gleichwie nach dem Tode des Feldherrn die ganze Schlachtordnung des Heeres sich nothwendig auflöst, so wird, wenn der Mensch, der über alles Irdische herrscht, aus Mangel an Ehe vernichtet ist, nichts von dem Uebrigen seine Unverletztheit und Ordnung bewahren, und es wird diese saubere Lehre den Erdkreis mit zahllosen Uebeln erfüllen.“

Rührten diese Aeußerungen nur von den Feinden und Ungläubigen her, so würde ich die Sache kurz abthun; nachdem aber auch Viele von denen, welche scheinbar zur Kirche gehören, sich einer gleichen Sprache bedienen, da sie aus Schwäche des Willens die Mühen des jungfräulichen Standes verschmähen, und dann durch Verdammung und Geringschätzung desselben ihre eigene Trägheit beschönigen wollen, damit es doch scheine, als hätten sie nicht so sehr aus Nachlässigkeit, als in Folge eines richtigen Vernunfturtheiles diesen Kampf gemieden: wohlan, so wollen wir mit Beiseitesetzung der Feinde („denn der natürliche Mensch aßt nicht, was des Geistes ist, denn es ist ihm Thorheit“),1 diejenigen, welche sich stellen, als gehörten sie zu den Unsrigen, über beides belehren, daß die Sache weder unnütz, [S. 176] sondern vielmehr sehr nützlich und nothwendig sei, noch daß sie einen solchen Tadel straftos erheben, sondern daß sie ihnen eine ebenso große Gefahr bringen werde, als denen Belohnung und Lob, welche sie in Ehren halten. Denn nachdem diese ganze Welt geschaffen, und Alles, was zu unserer Ruhe und Nothdurft gereicht, zubereitet war, hat Gott den Menschen gebildet, um dessentwillen er auch die Welt erschuf. Nachdem aber derselbe gebildet war, blieb er im Paradiese, ohne daß die Ehe erwähnt wird. Er bedürfte auch einer Gehilfin und sie wurde ihm. Aber auch jetzt schien die Ehe nicht nothwendig zu sein; sie war aber auch nicht vorhanden; denn jene lebten im Paradiese, wie in einer Art Himmel, und genossen im Umgang mit Gott der süßesten Ruhe. Die Begierde nach Beischlaf, die Empfängniß, die Wehen und das Gebären, und jegliche Art des Verderbens war aus ihrer Seele verbannt, und wie ein durchsichtiger Fluß, der einer klaren Quelle entströmt, lebten sie dort, geschmückt mit der Jungfräulichkeit. Damals war die ganze Erde leer von Menschen; dasselbe befürchten diese Weltverbesserer, welche sich angelegentlich um fremde Dinge bekümmern, an die eigenen aber sich nicht einmal zu denken getrauen, und indem sie besorgen, es möchte das ganze Menschengeschlecht untergehen, die eigene Seele, gleichsam als wäre sie eine fremde, vernachlässigen, obgleich sie, was diese betrifft, sogar über die geringsten Dinge eine strenge Rechenschaftwerden ablegen müssen, was dagegen die geringe Zahl der Menschen angeht, auch nicht die mindeste Rechenschaft zu geben haben werden. Damals gab es weder Städte, noch Gewerbe, noch Häuser; denn auch das macht euch natürlich keine geringe Sorge. Obgleich aber damals diese Dinge nicht waren, so hinderte und störte dennoch nichts jenes glückliche und weit bessere Leben, als das gegenwärtige. Nachdem sie aber Gott nicht gehorcht, nachdem sie Erde und Asche geworden, verloren sie mit jenem glücklichen Leben zugleich auch den Schmuck der Jungfräulichkeit, und mit Gott verließ diese auch sie und verschwand. Denn solange sie, vom Teufel nicht über [S. 177] wunden, ihren Herrn fürchteten, verblieb ihnen die Jungfrauschaft, welche ihnen einen höhern Schmuck verlieh, als den Königen das Diadem und die goldnen Gewänder. Nachdem sie aber, zu Gefangenen gemacht, dieses königliche Gewand abgelegt, und den himmlischen Schmuck eingebüßt, und das Verderben des Todes, und den Fluch und die Schmerzen und das mühevolle Leben eingetauscht hatten, da kam in diesem Gefolge die Ehe, dieses sterbliche und slavische Kleid; denn „wer ein Weib hat“, heißt es, sorget für das, was der Welt ist.“2

Siehst du, woher die Ehe ihren Anfang genommen, woher sie als nothwendig erschienen? Von dem Ungehorsam, dem Fluche und dem Tode. Denn wo der Tod, da ist die Ehe; wo aber diese nicht ist, da erfolgt auch jener nicht. Dem jungfräulichen Stand aber folgen diese Dinge nicht, sondern er ist immer nützlich, immer gut und glücklich, sowohl vor als nach dem Tode, sowohl vor als nach der Ehe. Denn sage mir, welche Ehe hat denn den Adam erzeugt, welche Geburswehen die Eva? Du wirst es nicht zu sagen vermögen. Warum ängstigst du dich also umsonst und zitterst du, es möchte, wenn die Ehe aufhört, auch das Menschengeschlecht aufhören? Tausend und abermal tausend Engel dienen Gott, tausend und abermal tausend Erzengel stehen vor ihm, und doch ist keiner derselben durch Fortpflanzung oder Geburt, durch Geburtswehen und Empfängniß entstanden. Um wie viel mehr also hätte Gott auch die Menschen ohne Ehe zu bilden vermocht, wie er auch die ersten gebildet hat, von denen alle Andern stammen?

1: I. Kor. 2, 14.
2: I. Kor. 7, 33.

 

 

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Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger