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Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

12. Der Rath des heiligen Paulus: „Den Uebrigen aber sage ich, nicht der Herr,“ darf nicht als ein bloß menschlicher angesehen werden.

Womit sollen wir also unsere Rede beginnen? Gerade mit jenen Worten des Herrn, die er durch den heiligen Paulus ausspricht; denn seine Ermahnung müssen wir als eine Ermahnung des Herrn annehmen. Denn wenn er sagt: „Den Ehegatten aber gebiete nicht ich, sondern der Herr“,1 und wieder: „Den Uebrigen aber sage ich, nicht der Herr,“ so sagt er damit nicht, daß Einiges ihm, Anderes dem Herrn [S. 171] angehöre. Denn wie hätte dann der, aus dem Christus gesprochen, und welcher nicht zu leben verlangt hat, damit Christus in ihm lebte, und welcher Herrschaft und Engel und Mächte und jegliche andere Kreatur, kurz alles Andere seiner Liebe nachgesetzt hat, es auf sich nehmen sollen, etwas zu reden, oder auch nur zu denken, was Christo mißfiele, besonders, als er dieses Gesetz aufgestellt hat? Was sagt er daher mit den Worten: „Ich“ und „nicht ich?“ Christus hat uns seine Gesetze und Lehren theils durch sich selbst, theils durch die Apostel gegeben. Denn daß er nicht Alles durch sich selbst angeordnet, darüber höre sein Wort: „Ich hätte euch noch Vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.“2 Jenes nun, daß das Weib seinen Mann nicht verlassen soll, hat er schon früher, als er im Fleische unter uns weilte, als Gesetz aufgestellt: und deßhalb sagt Paulus: „Den Verheiratheten befehle nicht ich, sondern der Herr.“ Bezüglich der Ungläubigen aber hat uns Christus persönlich nichts gesagt, wohl aber das Herz des Paulus dahin gelenkt, und so eine Satzung gegeben; und darum sagt dieser: „Nicht der Herr, sondern ich“, nicht, daß er damit andeuten wollte, das Gesagte sei etwas Menschliches. Nicht weniger, sondern diese Vorschrift sei den Schülern nicht von dem Herrn, als er noch gegenwärtig war, gegeben worden, sondern werde es erst jetzt durch ihn. Wie also das Wort; „Der Herr, nicht ich“ nicht ein Wort desjenigen ist, der dem Befehle Christi zuwider handelt, ebenso ist das: „Ich, nicht der Herr“ nicht eine persönliche Ansicht eines solchen, der etwas redet, was Gott zuwider wäre, sondern der lediglich anzeigt, daß diese Vorschrift jetzt durch ihn gegeben werde. Denn von der Wittwe redend sagt er: „Seliger ist sie, wenn sie so bleibt nach meinem Rathe“;3 damit du nun aber wenn du hörst: „Nach meinem Rathe“, dieses nicht für eine menschliche Meinung ansehest, so hob er den Verdacht durch den Zusatz auf: „Ich meine aber, daß auch ich den Geist Gottes besitze.“ Wie er daher, wenn er ausspricht, was des [S. 172] Geistes ist, seine Meinung nennt, und wir daher seinen Ausspruch nicht für einen menschlichen halten dürfen, so vermuthe auch hier, wo er sagt: „Ich sage, nicht der Herr“, keinen bloßen Ausspruch des Paulus: denn er hatte ja Christum in sich, der aus ihm redete: und er hätte es auch nicht gewagt, eine so große Lehre nach Art einer Meinung auszusprechen, wenn er für uns nicht von dorther das Gesetz geholt hätte. Denn es hätte ja Jemand ihm sagen können: „Ich ertrage es nicht als ein Gläubiger mit einer Ungläubigen, als Neiner mit einer Unreinen zu leben. Du hast ja selbst im Voraus gesagt, daß du dieses sagest, und nicht der Herr; woher soll ich also Sicherheit und Zuverlässigkeit nehmen?“ Paulus würde ihm aber erwidert haben: „Sei ohne Furcht; darum sagte ich ja, daß ich Christum besitze, der in mir spricht, und daß ich glaube, den Geist Gottes zu haben, damit du in dem Gesagten nichts Menschliches vermuthest. Denn verhielte sich die Sache nicht so, so würde ich für meine Ansicht nie ein solches Ansehen beansprucht haben. „Denn die Gedanken der Menschen sind furchtsam und ihre Vorsätze unsicher.“4 Aber auch die Kirche des Erdkreises zeigt allüberall die Macht des Gesetzes, indem sie dasselbe genau beobachtet, es aber gewiß nicht beobachten würde, falls sie nicht deutlich erkennete, daß der Ausspruch ein Gebot Christi sei. — Was sagt also der vom Geiste des Herrn angetriebene Paulus? „Was aber das betrifft, worüber ihr mir geschrieben habt, so ist es dem Menschen gut, ein Weib nicht zu berühren.“5 Hier sind die Korinther zu loben, welche, weil sie von ihrem Lehrer keinen Rath bezüglich des jungfräulichen Standes erhalten, ihn mit ihrer Frage zuvorkommen. Schon von nun an zeigt er, daß ihnen ein Zuwachs der Gnade geworden. Denn im alten Testamente war die Sache nicht zweifelhaft; denn nicht bloß alle Uebrigen, sondern auch Leviten und Priester, ja sogar der Hohepriester, ließen sich die Ehe sehr angelegen sein.

[S. 173]

1: I. Kor. 7, 10—12.
2: Joh. 16, 12.
3: I. Kor. 7, 40.
4: Buch der Weish. 9, 14.
5: I. Kor. 7, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger