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Josef Rupp, Einleitung: Vom jungfräulichen Stande. In: Ausgewählte Schriften des heiligen Chrysostomus, Erzbischof von Konstantinopel und Kirchenlehrer. Übersetzt von Dr. Chrysostomus Mitterrutzner. (Bibliothek der Kirchenväter, 1 Serie, Band 3), Kempten 1890.
Einleitung: Vom jungfräulichen Stande

Einleitung. [S. 153]

Wir haben schon in der Lebensskizze unseres Heiligen angemerkt, daß er das vortreffliche Werklein „über die Jungfrauschaft“ oder „über den jungfräulichen Stand“ wahrscheinlich als Diakon geschrieben habe.1 Daß Chrysostomus wirklich der Verfasser dieses Büchleins sei, bezeugt er selbst in der XIX. Homilie über den ersten Brief des hl. Paulus an die Korinther (Nr. 6) mit folgenden Worten: „Wenn wir uns hier nicht weiter über den jungfräulichen Stand verbreiten, so dürfte uns Niemand der Nachlässigkeit beschuldigen; denn wir haben ein ganzes Buch über diesen Gegenstand herausgegeben: und da wir dort Alles auf das Genaueste und Sorgfältigste behandelt haben, so hielten wir es für überflüssig, dasselbe hier noch einmal zu thun.“

In diesen Worten ist uns auch ein Fingerzeig über den [S. 154] Ort gegeben, wo Chrysostomus diese Scbrift verfaßt habe. Da es nämlich keinem Zweifel unterliegt, daß er die fraglichen Homilien in Antiochien — er bezeugt es selber — verfaßt habe, so muß auch die Schrift „über den jungfräulichen Stand“ entweder in Antiochien selbst, oder in der benachbarten Einsamkeit geschrieben worden sein.Ueber den speziellen Inhalt des Werkes erwähnen wir kurz Folgendes. Chrysostomus erhebt in den 84. Kapiteln, in die er das Buch eingetheilt hat, die Jungfrauschaft nicht nur mit den herrlichsten Lobsprüchen, sondern gibt auch den Jungfrauen die vortrefflichsten Lehren, in diesem heiligen Stande heilig zu leben. — Um die Würde des jungfräulichen Standes richtig zu stellen, bekämpft er zuerst jene Häretiker, welche die Ehe verdammten, und zeigt, daß der jungfräuliche Stand diesen, in Folge ihrer verkehrten Ansicht, nicht nur nichts fromme, sondern sogar höchst nachtheilig sei (Kap. 1—11). Dann empfiehlt er den hehren, aber auch schwierigen jungfräulichen Stand — denn er gehört zu den evangelischen Räthen — in den wärmsten Worten (Kap. 12—13; vergl. 10—11). Im Verlauf der Rede löst er die gewöhnlichen Einwürfe; Warum denn Gott die Ehe eingesetzt habe, da der jungfräuliche Stand den der Verehelichten weit übertreffe? Warum Gott das Weib erschaffen habe, wenn es weder für die Ehe, noch zur Erzielung von Nachkommen da sei? Ob denn das Menschengeschlecht nicht aussterben müßte, falls alle Menschen ehelos zu leben erwählten (Kap. 14)? Um diese Schwierigkeiten endgiltig zu lösen, geht der heilige Verfasser auf die Erschaffung und den vollkommenen Urzustand des ersten Menschen zurück und lehrt, daß Adam, so lange er mit seiner Gehilfin Eva im Zustande der ursprünglichen Gerechtigkeit ausharrte, auch in vollkommener Jungfräulichkeit lebte und durch den Stachel des Fleisches nicht gequält worden sei; allein nachdem die ersten Menschen Gottes Gebot übertreten, seien sie dem Tode und dem Verderben verfallen und nicht bloß jenes glücklichen Lebens, das sie im Paradiese genossen, sondern auch des Ruhmes der Jung- [S. 155] fräulichkeit verlustig gegangen; so sei die Sünde, der Ursprung und die Quelle des Todes, auch zugleich die Veranlassung zur Ehe geworden. Uebrigens werde das Menschengeschlecht nicht durch die Ehe, sondern durch den Segen Gottes fortgepflanzt und erhalten, und Gott hätte, wären die Menschen nicht in die Sünde gefallen, dasselbe auch auf eine andere Weise zu mehren vermocht. Daraus zieht er den Schluß, daß die Ehe zwar ihren Ursprung in der Sünde habe, aber an sich nichts Böses sei und nun von Gott in seiner Nachsicht den Menschen, besonders den schwächern und unenthaltsamern, gestattet werde, mehr um der Wollust zu steuern, als um die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes zu fördern: übrigens vermindere nicht die Jungfräulichkeit, sondern die Sünde unser Geschlecht (Kap. 14—19). In den folgenden Kapiteln (19—24) werden die Gegner des jungfräulichen Standes mit den kräftigsten Gründen bekämpft. Der ganze übrige Theil der Schrift enthält eine genaue Erklärung des siebenten Kapitels im ersten Korintherbrief und die triftigsten Beweise, daß es weit vorzuziehen sei, Jungfrau zu bleiben, als in den Ehestand zu treten. Chrysostomus schildert in glühenden Farben einerseits die verschiedenartigen Sorgen, Beschwerden und Mühseligkeiten des ehelichen Lebens, andererseits die Ruhe, den Frieden, die Wonne, kurz alle zeitlichen Vortheile, sowie den herrlichen zukünftigen Lohn des jungfräulichen Standes (Kap. 24—84). Im letzten Kapitel (84) wendet er sich an das ganze Menschengeschlecht, und beschwört diejenigen, die ein Weib haben, so zu wandeln, als hätten sie keines, diejenigen aber, die sich der Ehe enthalten, nebst der Jungfräulichkeit auch alle übrigen Tugenden fleißig zu üben, um nach dem Hinscheiden aus diesem Leben nicht vergeblich zu jammern.

[S. 156]

1: Chrysostomus wurde im Alter von beiläufig 37 Jahren (also i. J. 381) vom Bischof Meletius zu Antiochia zum Diakon und fünf Jahre später von dessen Nachfolger Johannes zum Priester geweiht.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Einleitung zu:
Vom jungfräulichen Stande (De virginitate) (Chrysostomus († 407))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger