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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Zweiundsiebzigste Homilie Kap.23, Kap.XXIII,V.1-13.

3.

In Bezug auf diese Dinge ließ es der Herr bei dem bloßen Tadel bewenden, weil sie nur unbedeutend und geringfügig waren und weil keine Notwendigkeit vorlag, die Jünger besonders darüber zu unterweisen. Anders verhielt es sich mit der Herrschsucht und der Anmaßung des Lehramtes; daraus ging alles Unheil hervor. Er geht daher eigens darauf ein, um die Jünger genau zu belehren und ihnen darüber nachdrückliche Weisungen zu geben. Was sagt er doch?

V.8: "Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen.“

Er gibt auch den Grund an: "Denn einer ist euer Lehrmeister, ihr alle aber seid Brüder."

Keiner hat etwas vor dem anderen voraus, denn niemand weiß etwas aus sich selbst. Deshalb schreibt Paulus: "Was ist denn Paulus, was Apollo, was Kephas, wenn nicht Diener?"1 Also nicht "Lehrmeister". Weiter spricht der Herr:

V. 9: "Auch sollt ihr niemand Vater nennen",

nicht etwa, als sollten sie diesen Namen nie gebrauchen, sondern sie sollten wissen, wen man vorzüglich Vater zu heißen hätte. Wie nämlich der Name "Lehrer" nicht einem Lehrer vorzugsweise und ausschließlich zukommt, so ist es auch mit dem Namen Vater. Gott ist der Ursprung aller Lehrerschaft und Vaterschaft. Dann fügt Christus noch hinzu:

V. 10: "Und lasset euch nicht Meister nennen. Denn einer ist euer Meister: Christus."

Er sagt nicht: Ich. Früher hatte er auch nicht gefragt: "Was haltet ihr von mir?" sondern: "von Christus?"2 so drückt er sich auch jetzt aus. Hier möchte ich gerne fragen, was diejenigen wohl erwidern, welche die Worte „einer" und "einer" stets nur auf den Vater beziehen, um den Sohn zu verwerfen. Ist der Vater ein Lehrer? Alle sagen: ja; keiner widerspricht. Aber "euer Meister ist einer; Christus", heißt es. Wie also Christus, wenn er sich den einen Meister nennt, damit nicht den Vater" aus dem Amte eines Meisters verdrängt, ebenso schließt auch der Vater, wenn er der eine Lehrer heißt, den Sohn nicht vom Amte des Lehrers aus. Die Worte "einer" und "einer" drücken bloß den Gegensatz zu den Menschen und der übrigen Schöpfung aus. Nachdem er so die Jünger vor dieser schlimmen Leidenschaft, dem Hochmute, gewarnt, gibt er ihnen an, durch welche Mittel sie sich dagegen schützen können: er lehrt sie die Demut. Deshalb fährt er fort:

V. 11: "Wer aber der Größere ist unter euch, wird euer Diener sein.

V. 12: Wer aber sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden."

Nichts kommt der Bescheidenheit gleich. Deshalb erinnert er sie unablässig an diese Tugend, so damals als er die Kinder in ihre Mitte stellte, desgleichen hier; als er auf dem Berge die Seligkeiten vortrug, machte er eben damit den Anfang. Hier sucht er den Wurzelstock selbst auszureißen, wenn er sagt: "Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." Merkst du, wie er den Zuhörer auf das gerade Gegenteil der Eitelkeit hinweist? Er verbietet nicht allein, nach den ersten Plätzen zu trachten, sondern heißt uns vielmehr die letzten wählen. So wirst du erreichen, will er sagen, wonach du verlangst. Mithin muß man, wenn man nach dem ersten Platze strebt, den letzten einzunehmen trachten, denn "wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden."

Wo würden wir nun eine solche Demut finden? Wohlan, gehen wir wieder an jene Stätte der Tugend, in die Hütten der Heiligen, ich meine in die Berge und Täler! Dort können wir die vollkommene Demut finden. Leute, die durch weltliche Würden oder durch Reichtum einen Namen hatten, erniedrigen sich dort in jeder Beziehung, in Kleidung, Wohnung, Bedienung, und drücken in ihrem ganzen Wesen wie mit Lettern die Demut aus. Alles, was für den Hochmut ein Zunder sein kann, ist von dort ferngehalten: schöne Kleider, vornehme Wohnung, zahlreiche. Dienerschaft - lauter Dinge, die oft, ohne daß man es will, den Hochmut erwecken. Eigenhändig machen sie das Feuer an, spalten Holz und in eigener Person he dienen sie die Fremden. Da hört man niemanden schimpfen, da sieht man keinen, der gescholten wird, niemand erteilt Befehle, keinem werden sie erteilt; alle sind Diener, alle wetteifern miteinander, den Gästen die Fuße zu waschen. Sie tun es, ohne zu fragen, wer es ist, ob Knecht oder Herr, sie erweisen Dienst allen ohne Unterschied. Da gibt es weder Große noch Geringe. Wie ist aber das möglich? reißt denn da keine Unordnung ein? Mit nichten, es herrscht vielmehr die schönste Ordnung. Und wenn auch ein Geringer dort ist, der Große bemerkt es nicht, er erachtet sich selbst für niedrig und gewinnt gerade dadurch an Größe. Alle haben nur einen Tisch, sowohl die Bedienten wie die Dienenden, alle die gleiche Kost, die gleiche Kleidung, die gleiche Behausung, die gleiche Lebensweise. Als groß gilt, dort jener, der sich einer niedrigen Arbeit unterzieht. Mein und Dein kennt man nicht, sogar das bloße Wort, das Anlaß zu unzähligen Kriegen gab, ist gänzlich verbannt.

72.4. Warum wunderst du dich, daß bei ihnen Lebensweise, Mahlzeiten und Kleidung gleich sind? Haben sie doch auch nur eine Seele, nicht bloß der Wesenheit nach3 , sondern auch der Liebe nach. Wie könnte diese sich je über sich selbst erheben? Wo es weder Armut noch Reichtum, weder Ehre noch Geringschätzung gibt, wie sollte da Einbildung und Hochmut Eingang finden? Große und Kleine gibt es unter ihnen nur, insoweit die Tugend als Maßstab angelegt wird, aber, wie gesagt, niemand sieht darauf. Der Kleine braucht sich nicht über Verachtung zu betrüben, weil er eben von niemanden verachtet wird und wenn einer wirklich einmal geringschätzig behandelt wird, so sind sie ja besonders darin geschult, Verachtung, Geringschätzung und Demütigungen in Wort und Werk über sich ergehen zu lassen. Sie verkehren mit Bettlern und Krüppeln, denn diese Art Gäste finden sich bei ihren Mahlzeiten zahlreich ein; das ist es eben, was sie des Himmels würdig macht. Der eine pflegt einem Verstümmelten die Wunden, ein anderer führt einen Blinden, ein Dritter trägt einen, der sich das Bein verletzt hat. Bei ihnen gibt es auch keine Scharen von Schmeichlern und Schmarotzern; sie wissen nicht einmal, was Schmeichelei ist. Wie sollen sie sich da jemals überheben? Da alle untereinander gleich sind, wird es ihnen so leicht, die Tugend zu üben. Denn auf diese Weise werden die Schwätzer besser zur Tugend angeleitet, als wenn man sie nötigte, die ersten Plätze abzutreten. Wie nämlich der Frechling eine Lehre empfängt, wenn der Geschlagene Sanftmut übt, so erhält sie auch der Ehrgeizige, nicht von einem, der darnach strebt, sondern von einem, der die Ehre verachtet. Und das tun die Mönche gar eifrig; so groß bei uns das Ringen um die ersten Stellen ist, so groß ist bei ihnen der Wettstreit, sie zurückzuweisen; ihr ganzer Eifer ist nur darauf gerichtet, einander Ehre zu erweisen, nicht solche zu empfangen.

Übrigens ist ihre Tätigkeit selbst schon geeignet, die Mönche in Bescheidenheit zu erhalten und die Aufgeblasenheit zu ersticken. Denn sage mir einmal, wird sich wohl jemand etwas darauf einbilden, wenn er den Boden umgräbt, begießt, bepflanzt, oder wenn er Körbe flicht, Säcke webt oder sonst dergleichen arbeitet? Wird einer von dieser Leidenschaft befallen werden, wenn er in Armut lebt und mit Hunger zu kämpfen hat? Gewiß nicht. Darum fällt ihnen aber auch die Demut leicht. Ist es in der Welt schwer, bescheiden zu bleiben, wo es Scharen von Lobrednern und Bewunderern gibt, so wird es den Mönchen leicht, weil sie nur die Wüste und den Flug der Vögel, das Schwanken der Bäume sehen, nur das Wehen der Winde und das Rauschen der Bäche in den Schluchten hören. Wie sollte ein solches Leben in der Einöde zur Überhebung führen? Allein wir werden in dem Umstande, daß wir mit der Welt verkehren müssen, dennoch keine Entschuldigung für unsere Eitelkeit finden. Auch Abraham lebte mitten unter den Chananäern und bekannte doch: "Staub und Asche bin ich" und David sagte mitten im Lager: "Ich bin ein Wurm und kein Mensch"4 , desgleichen der Apostel mitten in der Stadt: „Nicht bin ich wert, Apostel zu heißen"5 . Wenn wir nun trotz so vieler Beispiele nicht bescheidener sind, was wird uns zur Entschuldigung und Rechtfertigung gereichen? Jene Männer verdienen große Belohnung, weil sie keine Vorbilder hatten und doch diesen Tugendweg gewandelt sind; um so mehr aber verdienen wir Strafe wenn wir uns nicht zu gleichem Eifer angespornt fühlen, obschon wir so viele Vorgänger haben, die uns in der Schrift gezeichnet sind, und das Beispiel so vieler Männer, die noch jetzt leben und durch ihre Werke unsere Bewunderung erregen.

Was kannst du wohl zur Entschuldigung vorbringen wenn du dich nicht besserst? Etwa, daß du die Tugenden der Altvordern nicht kennst, weil du nicht lesen kannst, weil du in der Schrift nicht bewandert bist? Aber das ist ja gerade ein besonderer Vorwurf, daß du nicht in die Kirchen gehst, obwohl sie immer offen stehen, und die reinen Quellen nicht benützest. übrigens, wenn du schon die Verstorbenen nicht aus der Schrift kennst, so solltest du doch die Männer beobachten, die jetzt noch leben. Aber es ist niemand, der dich hinführt? Nun, so komme zu mir, ich will dir zeigen. wo diese Heiligen wohnen; komm laß dich belehren und es wird dir zum Heile gereichen. Sie sind ja die Leuchten, die über die ganze Erde hinstrahlen, sie sind die Mauern, welche die Städte umwallen. Deshalb haben sie die Einöden gewählt, um dir zu zeigen, daß man das Getümmel der Welt verachten soll. Sie sind stark und verstehen es daher, auch mitten im Sturme Ruhe zu finden, während du nach allen Seiten hin- und hergeworfen wirst und mithin der Ruhe und der Erholung von dem beständigen Wogenschwall bedürftig bist.

Geh also oft dorthin, um dich durch ihr Gebet und ihre Ermahnungen von deinen Makeln zu reinigen; dann wirst du im Diesseits ein ordentliches Leben führen und im Jenseits den ewigen Lohn empfangen durch die Gnade und Güte unseres Herrn Jesus Christus, durch den und mit dem der Vater und der Hl. Geist Ruhm, Macht und Ehre besitzt jetzt und allezeit und in alle' Ewigkeit. Amen!

1: 1Kor 3
2: Matth. 22
3: das ist ja bei allen Menschen der Fall
4: Ps. 21
5: 1Kor. 15

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger