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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Neunundsechzigste Homilie. Kap. XXII, V.1-14.

1.

V.1: "Und Jesus ergriff das Wort und sprach wiederum in Gleichnissen zu ihnen:

V.2: Das Himmelreich gleich einem Könige, welcher seinem Sohne die Hochzeit bereitete,

V.3: Und er schickte seine Knechte aus, um jene zu rufen, die zur Hochzeit geladen waren, und sie wollten nicht kommen.

V.4: Wiederum schickte er andere Knechte und sprach: Saget zu den Eingeladenen: Siehe, mein Frühmahl habe ich bereitet, meine Ochsen und die Masttiere sind geschlachtet und alles ist bereit, kommet zur Hochzeit.

V.5: Sie aber mißachteten es und gingen fort, der eine auf sein Landgut, der andere zu seinem Geschäft.

V.6: Die übrigen aber bemächtigten sich seiner Knechte, mißhandelten und töteten sie."

Hast du beobachtet, dass zwischen dem Sohne und ebenso zwischen den Knechten in dem vorliegenden Gleichnisse ein Unterschied obwaltet? Hast du bemerkt, dass beide Gleichnisse viel Gemeinschaftliches, aber auch viel Verschiedenes haben. Auch das gegenwärtige zeigt Gottes Langmut und Fürsorge, sowie die Undankbarkeit der Juden. Aber es enthält noch mehr als das vorausgehende. Der Herr weissagt nämlich die Verwerfung der Juden und die Berufung der Heiden; dann muntert er zu einem vollkommenen Leben auf und erklärt, welch strenge Strafe die Nachlässigen sich zuziehen. Unser Gleichnis schließt sich treffend an das vorhergehende an. Dort hatte er gesagt: "Das Reich wird einem Volke gegeben werden, welches die Früchte desselben zeitigt"; hier offenbart er, wer dieses Volk sein wird. Außerdem legt er neuerdings dar, wie überschwänglich seine Fürsorge für die Juden gewesen ist. Die vorausgehende Parabel zeigt ihn, wie er sie vor seiner Kreuzigung zu sich ruft, in der vorliegenden, wie er auch noch nach seinem Tode fortfährt, sie an sich zu ziehen. Die härteste Strafe hätten sie verdient, und doch ladet er sie noch zur Hochzeit ein und zeichnet sie besonders aus. Siehe, wie dort zuerst die Juden, nicht die Heiden berufen wurden; so auch hier. Aber wie er dort den Weinberg vergab, da sie ihn nicht aufnahmen, sondern ihn sogar bei seiner Ankunft ermordeten, so beruft er auch hier andere, da sie selbst nicht zur Hochzeit kommen mochten. Gibt es wohl eine abscheulichere Undankbarkeit, als dass sie sich weigern, zur Hochzeit zu kommen, zu der sie geladen sind? Wer würde es auch ablehnen, auf eine solche Hochzeit zu gehen, die Hochzeit eines Königs, eines Königs, der seinem Sohne die Hochzeit veranstaltet?

Warum, fragst du, gebraucht er den Ausdruck "Hochzeit"? Gott will damit seine Besorgtheit andeuten, sein Verlangen nach uns, den Glanz der Veranstaltungen, will zeigen, dass es dort keinen Kummer, keine Trübsal gibt, sondern nur lauter geistliche Wonnen. Deshalb nennt Johannes den Herrn einen Bräutigam1 ; deshalb schreibt Paulus: "Ich habe euch einem Manne verlobt"2 , und an einer anderen Stelle: "Dieses ist ein großes Geheimnis, nämlich in Christus und in der Kirche"3 . Warum heißt es dann aber, dass die Braut seinem Sohne und nicht ihm selbst angetraut wird? Weil die Braut des Sohnes auch die Braut des Vaters ist. So wird in der Schrift unterschiedslos bald das eine, bald das andere ausgedrückt, denn in der Wesenheit sind sie einander völlig gleich. Daran schließt sich die Weissagung von seiner Auferstehung. Denn nachdem er zuvor von seinem Tode gesprochen, erklärt er jetzt, dass er auch nach seinem Tode Hochzeit hält und Bräutigam ist. Allein die Juden bessern sich trotzdem nicht, sie werden nicht nachgiebiger. Gibt es eine größere Schlechtigkeit? Das macht denn auch ihre dritte Schuld aus. Die erste bestand darin, dass sie die Propheten mordeten; die zweite, dass sie den Sohn umbrachten; die dritte, dass sie, obschon nach seinem Tode zur Hochzeit des Ermordeten von dem Gemordeten selbst geladen, nicht erscheinen, sondern vielmehr Ausflüchte suchen: Ochsen, Äcker und Weiber. Diese Vorwände scheinen wohl etwas für sich zu haben. Allein wir sollen doch dabei lernen, das Geistliche höher als alles andere zu schätzen, mögen es auch sonst notwendige Dinge sein, die uns daran hindern wollen. Auch geschieht die Einladung nicht jetzt erst, sondern ist schon längst erfolgt. "Saget den Geladenen", heißt es, dann wieder: "Rufet die Eingeladenen." Dieser Umstand erschwert noch die Schuld der Juden. Wann wurden sie denn geladen? Durch alle ihre Propheten, dann durch Johannes, der alle auf Christum hinweis mit den Worten: "Er muß wachsen, ich hingegen abnehmen"4 . Ferner durch den Sohn selbst: "Kommet zu mit alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken"5 ,sagt er: "Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke"6 . Er berief sie aber nicht bloß durch seine Worte, sondern auch durch seine Werke. Nach seiner Himmelfahrt setzte er die Einladung fort durch Petrus und seine Genossen. So heißt es z.B.: Derjenige, welcher wirksam gewesen mit Petrus zum Apostolate der Beschneidung, ist wirksam gewesen auch mit mir unter den Heiden7 . Da sie der Anblick des Sohnes so ergrimmt hatte, dass sie ihn ermordeten, läßt er sie wieder durch seine Knechte einladen. Und wozu ruft er sie? Etwa zu Mühsalen. Arbeiten, Anstrengungen? Keineswegs, sondern zu Freuden. Spricht er doch: "Ochsen und Maultiere sind geschlachtet." Siehe, was für ein Festmahl, welch ein Aufwand!

Allein selbst dadurch ließen sie sich nicht zur Bekehrung bewegen; im Gegenteil, je größer seine Langmut war, desto ärger wurde ihre Verstocktheit. Nicht wirkliche Verhinderung war der Grund, dass sie nicht erschienen, sondern ihre Geringschätzung. Woher kommt es aber, dass einige eine Heirat, andere einen Ochsenhandel vorschützen? Sind das nicht vollgültige Entschuldigungsgründe? Mit nichten; denn sobald es sich um Geistliches handelt, gibt es keinen triftigen Verhinderungsgrund. Ich meine, sie haben diese Ausflüchte nur vorgebracht, um ihre Gleichgültigkeit zu bemänteln. Das Schauderhafte an der Sache ist aber nicht allein ihr Fernbleiben, sondern vielmehr, dass sie ihre Bosheit so weit treiben, die Boten zu misshandeln, zu verhöhnen und sogar umzubringen. Hierin handeln sie aber weit verwerflicher als das erste Mal. Die Boten in dem früheren Gleichnisse waren gekommen, um den Ertrag in den Früchten einzufordern, deshalb tötete man sie. Im gegenwärtigen Gleichnis kamen sie, um sie zur Hochzeit des Getöteten einzuladen; trotzdem werden auch sie ermordet. Gibt es wohl etwas Wahnsinnigeres als das? Darum macht ihnen auch Paulus dies zum Vorwurf, wenn er schreibt: "Den Herrn Jesus Christus haben sie getötet und die Propheten, und uns haben sie verfolgt"8 . Damit sodann die Juden nicht einwenden können: Er ist ein Widersacher Gottes, so höre, mit welchen Worten sie eingeladen werden: Der Vater ist es, der die Hochzeit veranstaltet, er läßt euch einladen. Was geschieht nun daraufhin? Weil sie sich weigerten, zu erscheinen und sogar die Boten umbrachten, so steckt der Herr ihre Städte in Brand und entsendet seine Heere, um sie zu vernichten. In diesen Worten weissagt Christus, was später unter Vespasian tatsächlich geschah, sowie auch, dass sie durch ihren Unglauben ihm gegenüber auch den Vater erbittert hatten; darum ist es auch er selbst, der strafend gegen sie einschreitet. Die Belagerung erfolgte daher auch nicht unmittelbar, nachdem sie Christus getötet hatten, sondern erst vierzig Jahre später, als sie auch Stephanus gesteinigt, Jakobus umgebracht, die Apostel mißhandelt hatten. Gott offenbarte dadurch seine Langmut. Siehst du also, wie ernst seine Drohungen sind, und wie rasch sie sich erfüllen? Brachen doch diese Ereignisse herein, als noch Johannes lebte und viele andere, die Christus noch gekannt hatten; sie, die Ohrenzeugen jener Weissagung gewesen waren, sollten Augenzeugen ihrer Erfüllung sein.

Beherzige daher, wie überaus besorgt Gott sich zeigte. Er pflanzte einen Weinberg, er tat alles, was dazu erforderlich war; nach der Ermordung der Knechte sandte er andere; als auch sie umgebracht worden waren, schickte er seinen Sohn, obschon sie dann auch ihn getötet hatten, ladet er sie zur Hochzeit ein; sie wollen nicht kommen. Da sendet er neuerdings seine Knechte; sie schlagen auch diese tot. Jetzt erst vertilgt er die Mörder, weil sie eben unverbesserlich waren. Diese Unverbesserlichkeit geht nicht bloß aus ihrer Handlungsweise hervor, sondern auch aus der Tatsache, dass sie nicht gläubig wurden, nachdem doch sogar Buhlerinnen und Zöllner glaubten. Es trifft sie somit das Urteil nicht bloß ihrer Frevel wegen, sondern auch deshalb, weil sie sich trotz der Bekehrung anderer nicht bekehrten. Es mag vielleicht jemand einwenden, die Heiden seien nicht erst, nachdem die Apostel gegeißelt und schmählich mißhandelt worden waren, berufen worden, sondern schon gleich nach der Auferstehung, da der Herr zu den Jüngern sprach; "Gehet hin und lehret alle Völker"9 . Ich entgegne: die Jünger predigten sowohl vor seinem Tode am Kreuze als nachher zu allererst den Juden. Früher hatte er ihnen gesagt: "Gehet hin zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel"10 ; nach seinem Tode hat er es ihnen nicht untersagt, sondern sogar befohlen, den Juden zu predigen. Wenn er auch gesagt hatte: "Lehret alle Völker", so gab er ihnen doch, als der in den Himmel auffahren wollte, kund, dass sie erst den Juden predigen sollten."Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Hl. Geist auf euch herabkommt, und ihr werdet mir Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde"11 . Desgleichen sagt Paulus: "Derjenige, welcher wirksam gewesen für Petrus zum Apostolate der Beschneidung, ist auch für mich wirksam gewesen unter den Heiden"12 . Deshalb wandten sich die Apostel auch zuerst an die Juden und hielten sich lange Zeit in Jerusalem auf; erst als sie von da vertrieben wurden, zerstreuten sie sich unter die Heiden.

1: Joh 3,29
2: 2 Kor 11,2
3: Eph 5,32
4: Joh 3,30
5: Mt 11,28
6: Joh 7,37
7: Gal 2,8
8: 1 Thess 2,15
9: Mt 28,19
10: Mt 10,6
11: Apg 1,8
12: Gal 2,8

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger